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Grimma Millionen Verluste und Stationsschließung – Muldentalkliniken in der Krise
Region Grimma Millionen Verluste und Stationsschließung – Muldentalkliniken in der Krise
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18:48 13.11.2019
Die Muldentalkliniken wollen nach Verlusten in Millionenhöhe wieder positive Ergebnisse erzielen. Quelle: Frank Prenzel
Wurzen/Grimma

Sorgen um die Muldentalkliniken: Nachdem sie im Vorjahr einen Verlust von 3,7 Millionen Euro eingefahren hatten und somit in die roten Zahlen rutschten, wurde nun eine weitere Hiobsbotschaft bekannt: Wie berichtet, musste am Krankenhaus Wurzen eine der beiden Inneren Stationen schließen. Vorübergehend, wie es offiziell heißt. Am 1. Dezember soll die Innere 2 wieder geöffnet werden, so Geschäftsführer Mike Schuffenhauer.

Er spricht von belegungsschwachen Zeiten und einem hohen Krankenstand des Personals. Letzteres stimme, ersteres sei nur die halbe Wahrheit, sagen Insider gegenüber der LVZ. Tatsächlich müssten Patienten der Inneren auch auf andere Stationen wie die Gynäkologie und die Chirurgie verteilt werden, nachdem man in der noch offenen Inneren 1 bereits Betten „eingeschoben“ hatte. Dabei fehle es zum Teil sowohl an Notklingeln als auch an Telefonen.

Längere Wege für Ärzte

Da Internisten ihre Visite zu gänzlich anderen Zeiten ansetzen als etwa die Chirurgen komme es zusätzlich zu Unruhe auf Station. Ganz abgesehen davon, dass Ärzte längere Wege in Kauf nehmen müssten, um ihre Patienten aufzusuchen. Bei aller Kritik: Von Notstand könne keine Rede sein. Noch müsse niemand auf den Flur abgeschoben werden. In der Wurzener Chirurgie etwa gibt es noch freie Plätze.

Denny Trölenberg ist Betriebsratsvorsitzender. Er darf sich gegenüber der LVZ nicht äußern, bekam einen Maulkorb verpasst. Ein bereits ins Auge gefasstes Interview musste er kurzfristig absagen. In einem Vieraugengespräch mit dem Geschäftsführer erkundigte er sich, ob es zumindest möglich sei, die Presseanfragen gemeinsam und schriftlich zu beantworten. Auch darauf habe sich die Chefetage nicht eingelassen.

Stationsschließung in Wurzen kein Einzelfall

Derweil sickerte durch, dass es zuletzt auch im Grimmaer Krankenhaus mehrere Stationsschließungen gab. Betroffen war jeweils eine der drei Inneren. Im Moment kann die Innere 2 in Grimma nur mit 24 statt der üblichen 35 Betten belegt werden. Geschäftsführer Schuffenhauer spricht von gängiger Praxis an Krankenhäusern. Mitarbeiter begründen dies hingegen mit einem rigiden Sparkurs – zu ihren Lasten.

Maulkörbe sind Zeichen von Schwäche

Kommentar von Haig Latchinian

Im Sommer hatte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie zur Krankenhausversorgung in Deutschland veröffentlicht und kam dabei zu dem Schluss, in Deutschland gebe es zu viele Krankenhäuser. Weniger Kliniken erhöhten die Patientensicherheit und wirkten dem Problem des Personalmangels in den Häusern entgegen.

„Wer vorschlägt, von circa 1600 Akutkrankenhäusern 1000 platt zu machen und die verbleibenden 600 Kliniken zu Großkliniken auszubauen, propagiert die Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß“, kritisierte seinerzeit der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß.

Auf Krankenhäusern lastet enormer Druck. Druck, der über jede Menge gesetzlicher Struktur-, Personal- und Qualitätsvorgaben noch zusätzlich erhöht wird. Bei Nichteinhaltung drohen drakonische Strafen. Manch einer vermutet dahinter gar den klammheimlichen politischen Wunsch, Krankenhäuser würden dem Druck nicht standhalten und das Handtuch werfen.

Der Druck ist längst auch im Muldental angekommen. Und das noch bevor ab 1. Januar eine veränderte Abrechnung einsetzt, deren Auswirkung die Chefetage noch nicht abschätzen kann: Der Gesetzgeber möchte das Pflegepersonal stärken, ob die Mehrkosten jedoch tatsächlich 1:1 von den Krankenkassen getragen werden, müssten die Verhandlungen erst noch zeigen.

Es wird jedenfalls nicht leichter – für den Landkreis als Träger der Muldentalkliniken, die Geschäftsführung und das Personal. Daher sind größtmögliche Offenheit und Transparenz gefragt. Die Patienten haben ein Recht darauf. Wer seinem Betriebsrat einen Maulkorb verpasst, beweist damit nicht nur Dünnhäutigkeit, sondern auch eigene Schwäche.

Im Schnitt schiebt das Pflegepersonal 60 bis 80 Überstunden vor sich her. Stationsschließungen, wie aktuell in Wurzen, seien ein geeignetes Mittel, Überstunden abzubauen, so die Geschäftsführung. Dies verbessere das Betriebsklima nicht wirklich, sagen die Pfleger. Oft müssten sie woanders aushelfen. Manchmal würde Personal gar nach Hause geschickt. In einer speziellen Abteilung müssten acht Kollegen einen Dreischichtbetrieb absichern.

Pflegedienstleiterin nicht unumstritten

Für Unmut sorgten vor allem Entscheidungen der Pflegedienstleiterin, die Dienstpläne für rund 350 Pfleger und Schwestern beider Häuser verantwortet. Sie würdige den Einsatz der Kollegen zu wenig und stärke ihnen unzureichend den Rücken, so die Kritiker. Obwohl Personalnot bestehe, würden Arbeitsverträge nicht verlängert. So zum Beispiel der zum Jahresende auslaufende Kontrakt einer Pflegekraft der Chirurgie.

Was deren Kollegen davon halten, machten sie jetzt mit einer Unterschriftensammlung deutlich. Darin fordern sie die Geschäftsleitung auf, die junge Frau, die sich nichts zu Schulden hat kommen lassen und gern bleiben würde, weiter zu beschäftigen. Die Kollegen ahnen: Ersatz wird es nicht geben.

Schon jetzt würden Langzeitkranke und Schwangere ebenso wenig ersetzt wie in Rente gegangene Kollegen. Der Chefarztposten der Inneren in Wurzen ist ab 1. Januar 2020 vakant. Über die Gründe des Ausscheidens herrscht Stillschweigen. Ein solches Durcheinander wie derzeit habe es bislang weder in Grimma noch in Wurzen gegeben, so der beinahe einhellige Tenor innerhalb der Belegschaft. Die Geschäftsführung würdigt den Einsatz der Kollegen: Sie stellten sich 365 Tage im Jahr hingebungsvoll in den Dienst der Patienten.

Landrat Graichen lobt Geschäftsführung

Der Landkreis Leipzig als alleiniger Gesellschafter sieht sich in der Verantwortung. Die Muldentalkliniken leisteten einen wichtigen Beitrag für eine umfassende und wohnortnahe Versorgung, sagte Landrat Henry Graichen (CDU) Mitte 2019, als das dicke Minus des Vorjahres bekannt wurde. Man wollte eine Strategiekommission einberufen – mit dem Ziel, fortan wieder positive Ergebnisse zu erzielen.

Graichen zur aktuellen Situation: „Wer die deutschlandweite Debatte zu Krankenhäusern verfolgt und auch die engen gesundheitspolitischen Stellschrauben betrachtet, weiß, dass wir langfristig für eine gesicherte Zukunft unserer Kliniken sorgen müssen. Genau das tut die Geschäftsführung der Muldentalkliniken.“ Sie habe gute Wege gefunden, um einerseits die medizinische Versorgung sicher zu stellen und andererseits die personellen Belange im Rahmen der wirtschaftlichen Entwicklung der Klinik zu berücksichtigen, so Graichen.

Von Haig Latchinian

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