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Grimma Mutzschener Landwirt schwört auf Glyphosat – Nabu fordert Verbot
Region Grimma Mutzschener Landwirt schwört auf Glyphosat – Nabu fordert Verbot
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23:51 15.07.2019
Landwirt Steffen Richter findet die Diskussion über das Pflanzenschutzmittel Glyphosat scheinheilig. Quelle: Frank Schmidt
Grimma/Mutzschen

Es gebe so schnell keine andere Berufsgruppe, die ähnlich lückenlos kontrolliert werde wie die Landwirte: „Ich muss mich an 1200 Gesetze und Verordnungen halten“, sagt Steffen Richter, 58, Geschäftsführer eines Agrarbetriebs in Mutzschen. Jede Fuhre Getreide, der Urin der Rinder, alles werde beprobt. Regelmäßig kämen die Ämter – dokumentiert werde selbst der kleinste Arbeitsschritt, sogar per Drohne und Satellit.

Er findet das gut. Als Bauer wolle er nicht an dem Ast sägen, auf dem er sitzt: Bis ins 16. Jahrhundert hinein ließen sich seine Vorfahren in der Region zurückverfolgen. Alle seien sie Bauern gewesen. Auch sein Vater Siegfried, einst LPG-Vorsitzender. „So wie er will auch ich den Betrieb erhalten, die Felder fruchtbarer machen und sie eines Tages den Kindern übergeben“, sagt Richter.

„Wir arbeiten nicht mit Pestiziden“

Es ärgere ihn, wenn Landwirte pauschal als Umweltvergifter gebrandmarkt würden, gerade beim Stichwort Glyphosat. „Wir arbeiten nicht mit Pestiziden. Die Pest ist seit dem Mittelalter ausgerottet!“ Bereits sein Vater hatte zu DDR-Zeiten den Unkrautvernichter eingesetzt. „Und siehe da, wir leben immer noch, keiner ist unfruchtbar geworden. Meine Rentner sind jetzt weit über 80.“ Ob Glyphosat krebserregend sei – darüber streiten die Gelehrten. Der Naturschutzbund (Nabu) sieht das Pflanzenschutzmittel kritisch.

Man müsse eben vernünftig damit umgehen, sagt Landwirt Richter. In Fünf-, Zehn- und 20-Liter-Kanistern befindet sich die mal milchige, mal durchsichtige Flüssigkeit. Es gebe ’zig Hersteller von Pflanzenschutzmitteln auf der Basis von Glyphosat. Roundup sei der Markenname jenes Produkts, das 1974 als erstes weltweit vertrieben wurde. „Letztens sah ich im Fernsehen einen Bericht von der Grünen Woche. Dort fragte man Besucher, ob sie einen mit Glyphosat behandelten Apfel essen würden – was für ein Blödsinn.“

Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat ist umstritten. Landwirte befürworten die Substanz, Umweltschützer wollen sie verbieten. Quelle: Frank Schmidt

Wirkung über Blätter, nicht auf Wurzeln

Der Unkrautvernichter wirke über die Blätter, nicht auf die Wurzeln, erläutert Richter: „Im Frühjahr säe ich Mais oder Rübe. Die Nutzpflanze braucht zwei bis drei Wochen, bis sie sprießt, das Unkraut dagegen nur zwei bis drei Tage. Wenn ich das Glyphosat also nach dem zweiten oder dritten Tag spritze, verbrennen durch die Salzkristalle ausschließlich die Unkräuter. Das ist wie im Winter, wenn gelaugt wird, um die Straßen aufzutauen.“

Die abgestorbenen Unkräuter dienten der Humusbildung. Er gehe sparsam mit Glyphosat um, schon aus Kostengründen: „Ich bewirtschafte 1500 Hektar Ackerfläche. Da kommen im Jahr schnell 100.000 Euro allein für Pflanzenschutzmittel zusammen.“ Ein Traktor mit Anhänger, darauf das Fass. Darin befindet sich Glyphosat und Wasser im Mischungsverhältnis von 1:100. Das Spritzgestänge wird hydraulisch auf 36 Meter ausgefahren. Aus 72 Düsen geht die Lösung nieder.

Steffen Richter: Diskussion ist scheinheilig

Zur Unkrautbekämpfung auf einem Hektar, was der Größe eines Fußballfeldes entspricht, kämen 200 bis 300 Liter Wasser sowie zwei Liter Glyphosat zum Einsatz. „Das wären auf den Quadratmeter gerade mal 0,02 Liter, also die Menge eines kleinen Schnapsglases“, so Richter. Er schwört auf das Produkt, bezeichnet die Diskussion darüber als scheinheilig: „Wenn Glyphosat verboten wird, kommt eine andere Substanz auf den Markt. Oder du spritzt gegen allerlei Schädlinge einzeln. Das wäre ein Rückschritt, da bei Roundup alles mit einmal tot ist.“

Ohne Pflanzenschutz funktioniere die moderne Landwirtschaft nicht. Das großflächige Unkrautzupfen von Hand könne sich kaum einer leisten: „Mein Vater hatte 550 Angestellte, ich habe derzeit 13.“ Wenn das Getreide Ende Juni reif werde, könne es passieren, dass Distel, Mohn und Co. ins Kraut schießen. „Die müssen raus. Andernfalls ist das Getreide nicht lagerfähig. Pilzbefall wäre die Folge, die Ernte somit ruiniert.“

Einige Arbeitsschritte fallen weg

Auch in solchen Fällen käme Glyphosat zum Einsatz: „Die Unkräuter werden vernichtet, dem Korn aber passiert nichts. Es ist in der Schale gut geschützt.“ Roundup finde zudem im Herbst Anwendung, bevor das Feld neu bestellt werde. Dadurch fielen mindestens zwei Arbeitsschritte weg. Das Pflügen erübrige sich ganz, Grubbern müsse man nur einmal: „Das schont die Umwelt. Weniger Staub, weniger Abgase, weniger Bodendruck.“

Die Kontrollen seien streng, wiederholt Richter: Alle zwei Jahre müsse die Pflanzenschutzmaschine zum TÜV, der Fahrer jedes Jahr zu Schulung und Amtsarzt. Wenn der Wind zu stark sei, dürfe ohnehin nicht gespritzt werden, dasselbe gelte ab einer gewissen Außentemperatur und der dadurch verstärkten Verdunstung. Auch zum Schutz der Wildbienen gebe es spezielle Auflagen.

Landwirt Steffen Richter hat kein Verständnis für die Diskussion zum Pflanzenschutz mit Glyphosat. Quelle: Frank Schmidt

200 Hektar werden auf Bio umgestellt

Richter wehrt sich gegen den Vorwurf, Landwirte seien für erhöhte Nitratwerte verantwortlich: „Nitrat braucht 30 Jahre, um ins Grundwasser zu gelangen. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um Altlasten der chemischen Industrie“, mutmaßt Richter. Im Herbst betritt er persönliches Neuland: Er werde 200 Hektar auf Bio umstellen und mit einem regionalen Gänsezüchter kooperieren. Dieser braucht Biofutter für seine gefiederten Lieblinge. Im Gegenzug bekommt Richter die Einstreu als Biodünger. „Glyphosat ist auf dieser Fläche tabu. Landwirte suchen ständig nach Wegen, umweltschonender zu produzieren.“

Sächsische Umweltschützer entschieden gegen Glyphosat

Das Mittel wie Glyphosat mit einem Schlag alle Pflanzen gleichzeitig bekämpfen, sehen die Umweltschützer kritisch. Mit der Initiative „Gemeinsam gegen Glyphosat“ hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) 2016 für Aufmerksamkeit gesorgt. In einem Schreiben hatte Felix Ekardt, Vorsitzender des Landesverbands Sachsen, die Staatsminister aufgefordert die Wiederzulassung der Substanz zu verhindern und Stellung gegen das umstrittene Pflanzenbekämpfungsmittel bezogen.

Felix Ekardt, Vorsitzender des Landesverbands Sachsen, hat die sächsischen Staatsminister aufgefordert, die Wiederzulassung der Substanz zu verhindern Quelle: Dirk Knofe

Dabei berief sich der BUND allerdings nicht nur auf die viel diskutierte Studie der Krebsagentur IARC (International Agency for Research on Cancer) der Weltgesundheitsorganisation, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend sei. Einen großen Faktor in den Überlegungen der sächsischen Naturschützer spielt die Artenvielfalt in der Landwirtschaft.

Glyphosat wird im Freistaat großflächig verwendet und tötet als sogenanntes Totalherbizid die meisten Pflanzenarten ab. Am häufigsten werde es nach BUND Angaben dazu benutzt, um vor der Saat der Nutzpflanzen oder nach der Ernte Stoppeln oder Unkraut zu bekämpfen. Dadurch trage es jedoch maßgeblich zum Verlust der Artenvielfalt bei.

Man müsse die „Genehmigung für Glyphosat mit der Maßgabe (…) verbinden, dass die Mitgliedstaaten Maßnahmen ergreifen, um (….) nachteilige Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu reduzieren“, lautete die Empfehlung an die EU-Kommission von Heike Moldenhauer, Expertin für Gentechnik beim BUND.

Glyphosat zerstören die Lebensräume der Tiere

Konkret sei der Einsatz von Glyphosat problematisch, da die Lebensräume von vielen Tieren zerstört werden. So seien die Nahrungsgrundlage von Insekten (unter anderem Schmetterlinge und Wildbienen) und verschiedenen Vögeln stark eingeschränkt.

Die Lebensräume von Insekten, Vögeln und anderen Tieren zu schützen, ist auch das Ziel des Naturschutzbunds (NABU) Sachsen. Mit der Initiative „Saxony5“ soll dieses Thema in die Kommunen und Kleingärten getragen werden. Gemeinsam mit fünf sächsischen Hochschulen setzt sich das Projekt für einen Wissenstransfer aus den Universitäten in die Praxis ein. „Intensivierung durch Monokulturen, Düngung, Pestizideinsatz und eine veränderte Wirtschaftsweise haben die Agrarlandschaft grundlegend verändert.

In der Folge sind Lebensräume für vormals typische Tiere und Pflanzen bedroht oder gar ganz verschwunden“, krisiert der Nabu. Zu den Verursachern zählt auch der verbreitete Einsatz von Glyphosat. „Ein Verbot von Glyphosat allein würde aber nicht viel bringen. Zwei oder drei andere Totalherbizide würden sofort folgen“, so Maria Vlaic, die das Projekt bei der Organisation betreut. Ein Umdenken in der gesamten Landwirtschaft sei das eigentliche Ziel.

Auch der Kleingärtner kann helfen und zur Pflanzenvielfalt beitragen

In vielen Kommunen und privaten Gärten habe sich hier bereits viel getan. Oft wird auf Pflanzenschutzmittel völlig verzichtet oder die Stoffe sehr bewusst eingesetzt. „Auf kleinstem Raum ist bereits viel möglich. Die meisten möchten sowieso Blumen, Hecken, Bäume und Nutzpflanzen in ihrem Garten kombinieren“, so Vlaic.

Das sei eine gute Möglichkeit durch weitere Blühstreifen und Insektenhotels für eine breite Artenvielfalt im eigenen Garten zu sorgen. Der Verzicht auf Unkrautvernichter sei auch hier wichtig, denn: „Glyphosat ist nur der Wirkstoff. In den Produkten sind aber noch andere Stoffe erhalten. Die sind ein großer Teil des Problems.“ Viele Substanzen hätten dadurch auch negative Einwirkungen auf die Insektenwelt, aber auch auf Mäuse oder Feldhamster.

Von Haig Latchinian

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