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Grimma Nach Sturmtief Herwart: Geisterstunde im Colditzer Forst
Region Grimma Nach Sturmtief Herwart: Geisterstunde im Colditzer Forst
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00:21 04.12.2017
Aufräumen nach Sturmtief Herwart im Colditzer Forst. Revierförsterin Barbara Kotschmar steht vor drei Wurzelballen von Fichten. Quelle: Andreas Döring
Colditz

Nicht nur zur Nachtwanderung ähnelt der Colditzer Forst derzeit einem Geisterwald. Auch am hellichten Tag sieht man hie und da Gespenster. Oder was könnte das da hinten für ein Ur-Vieh sein? Dieses regungslose schwarz-braune Etwas. So hoch wie breit. Ein Mammut?

Eine Mammutaufgabe für Barbara Kotschmar. Die Revierförsterin begutachtet das aufgeworfen-wuchtige Wurzelwerk. Doppelt so hoch wie sie selbst. Sturmtief Herwart hat ganze Arbeit geleistet und mächtige Fichten gleich im Doppelpack umgelegt. Für die Forstamtfrau kein Wunder: „Nicht umsonst wurde Porzellan in Colditz hergestellt. Wir haben hier schweren Tonboden. Den können die Fichten unmöglich durchbrechen, wurzeln daher sehr flach und sind bei Sturm entsprechend anfällig.“

Bis zu 6000 umgekippte Bäume sind nach jenem 29. Oktober allein im Colditzer Forst zu beklagen. Die Waldarbeiter haben alle Hände voll zu tun. Eile ist geboten: „Bis März muss das Schadholz raus“, sagt die Revierförsterin. Ansonsten werde der Windwurf schnell zur Beute von Borkenkäfern: „Wenn alles aufgefuttert ist, machen die sich nämlich gern über benachbarte gesunde Bäume her. Dann hätten wir die nächste Katastrophe!“

20 Prozent der Schäden seien bereits behoben. Am Waldweg Richtung Schönbach sind jede Menge Stämme gestapelt. Früher wurde das Holz noch mit Zollstock vermessen. Inzwischen zückt die Revierförsterin ihr Handy und schießt Fotos. Alles weitere übernimmt der Computer. Er setzt die Bilder zusammen und errechnet Stückzahl sowie Festmeter.

Die Colditzer können dreimal auf Holz pochen. Sie hatten Glück im Unglück. An den Tagen nach Herwart waren nicht nur lebensmüde Radfahrer und sensationsgierige Spaziergänger im Wald unterwegs, sondern auch die erfahrenen Mannen eines Brandenburger Forstunternehmens. Mit schwerer Technik beräumten sie zunächst die Zufahrten.

Nun ist der Weg frei für Hartmut Becker. Der Forstwirt und Lehrausbilder ermahnt seine Azubis zu großer Vorsicht. So auch bei den im Doppelpack entwurzelten, 100 Jahre alten, fast 30 Meter langen Fichten: „Das Holz steht unter Spannung. Jeder unsachgemäße Umgang könnte der letzte gewesen sein.“ Das gebe einen ordentlichen Tritt, der nicht dem eines Esels gleiche, vielmehr dem eines Mammuts. Azubi Alexander Nagel weiß das. Unzählige Male hat er zuvor am Simulator trainiert. Er setzt die vier Kilo schwere Motorkettensäge entsprechend dort an, wo er nicht Gefahr läuft, vom Wurzelteller erschlagen zu werden. Alles klappt perfekt. Alex funkt Entwarnung. Mit seinen Kollegen ist er über Head-Set verbunden. „Bei dem Lärm geht das gar nicht anders. So eine Säge erreicht bis zu 120 Dezibel“, sagt der junge Mann aus dem dritten Lehrjahr.

In der Zwischenzeit widmet sich der angehende Forstwirt Aron Weiss dem nächsten entwurzelten Baum. Vorschriftsmäßig mit Helm, Gehörschutz und Visier. Beim Handhaben der Säge sei Meisterschaft gefragt, ansonsten platze der Stamm auf oder reiße über mehrere Meter, wodurch das Holz an Wert verliere. Seine Lehrlingsfreunde Benedikt Pollner und Christian Jonas bezeichnen den Schaden im Colditzer Forst noch als vergleichsweise überschaubar: „Im Erzgebirge sieht es viel schlimmer aus. Da hat Herwart ganze Hänge abrasiert. Dort liegen die Bäume kreuz und quer, was die Arbeit auch kreuzgefährlich macht.“ Im Colditzer Revier habe es nicht nur Fichten erwischt, auch Lärchen. Die trugen zum Zeitpunkt des Sturmes noch ihr Nadelkleid, boten Herwart dadurch mehr Angriffsfläche. Die Forstleute erinnern in diesem Zusammenhang an einen beliebten Witz: Würden sie gefragt, welcher Weihnachtsbaum garantiert nicht nadele, rieten sie immer gern zur Lärche. Die ist zum Fest längst nackt.

Forstwirt Becker erklärt die „Straßenverkehrsordnung“ mitten im Wald. Denn auch hier dürften Traktoren, Harvester und Forwarder nicht fahren, wie und wo sie lustig sind. „Für sie gibt es vorgeschriebene Gassen, um an die betreffenden Bäume zu kommen – letztlich über Seilwinden oder Kranarme.“ Schweres Gerät auf Abwegen sei ein absolutes Tabu: „Das würde den Boden zu sehr verdichten.“

Revierförsterin Barbara Kotschmar warnt die Spaziergänger. Diese sollten unbedingt auf den Hauptwegen bleiben. Noch sei die Gefahr nicht gebannt. „Teilweise hängen abgebrochene Äste noch in den Kronen. Bereits kleine Windböen können sie nach unten pusten. Außerdem sind manche Bäume bereits locker geschoben – ein Windstoß und wir haben das Nachbeben!“ Übrigens: Der Wald sei kein Selbstbedienungsladen: Sparfüchse, die sich im Revier mit Brennholz eindecken wollen, müssten sich vorher beim Sachsenforst melden: Wer sich nicht an die Spielregeln hält, ohne Kettensägenschein und Schutzausrüstung erwischt wird, kann sich warm anziehen. Dann, so Revierförsterin Kotschmar, „brennt der Baum“!

Von Haig Latchinian

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