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Grimma Max verlor bei Wohnungsbrand seine ganze Familie: Retter hoffen auf unvergesslichen Urlaub
Region Grimma

Retter wünschen Waisenjungen Max unvergesslichen Urlaub

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09:14 21.11.2020
Maximilian (12) mit seinem Großvater Dietmar Faust (66). Quelle: Haig Latchinian
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Grimma

Thomas Knoblich drückt Fußballer Max fest die Daumen und hofft, dass bei der Aktion „Licht im Advent“ viel Geld zusammen kommt. Jetzt sei wichtig, nach vorn zu schauen, sagt der 65-jährige Brandinspektor. Ein Urlaub mit den Großeltern könne da Wunder helfen, findet Knoblich. Wie berichtet, verlor der zwölfjährige Max Faust bei einem Wohnungsbrand in Grimma-Süd seine Mutter und die beiden Geschwister. Seitdem lebt er bei Oma Carola und Opa Dietmar. Die LVZ bittet ihre Leser, für eine Flugreise des Trios zu spenden. Alle drei sind noch nie geflogen.

Lob für den Einsatz des Angriffstrupps

Der Grimmaer Feuerwehrmann Knoblich macht insbesondere seinem Angriffstrupp ein Kompliment. Dieser hätte in der Nacht zum 17. Februar unter Atemschutz alles versucht, Mutter Stephanie (32) sowie Schwester Paulina (8) und Bruder Lennart (7) zu retten. „Wenn du in so eine verqualmte Wohnung rein gehst, weißt du ja nicht, was dich erwartet.“ Umso wichtiger sei es gewesen, die Kameraden nach getaner Arbeit sofort aus dem Einsatz heraus zu lösen: „Im Gerätehaus hatten wir noch einmal über alles gesprochen.“

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Die Steinbacherin Susann Lawrenz (42) kennt solche Extremsituationen. Seit nunmehr 17 Jahren koordiniert sie im Landkreis die Notfallseelsorge der Diakonie. „Gerade ein Unglück, bei dem Kinder zu Schaden kommen, geht an Rettern nie spurlos vorüber.“ Und so sei es nach der Notversorgung der Brandopfer die Seele der Einsatzkräfte gewesen, die Erste Hilfe gebraucht habe. Genau dafür mache sie sich mit ihren gut 30 Gleichgesinnten stark, sagt Lawrenz.

17 Jahre koordinierte Susann Lawrenz, hier mit ihrem mehrfach schwerstbehinderten Sohn, das Kriseninterventionsteam. Am Jahresende zieht sie sich zurück, weil sie voll und ganz für ihr Kind da sein muss. Quelle: Haig Latchinian

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Notfallseelsorge lebt von ehrenamtlichem Engagement

Birgit Stemmler, Frank Henke, Tobias Jahn, Anja Wicher, Sabine Lauer, Mike Runge und all die anderen ehrenamtlichen Seelsorger überbringen zwar keine Todesnachrichten, das sei hoheitliche Aufgabe der Polizei: „Wir sind es aber, die noch da bleiben, wenn die Beamten zum nächsten Einsatz müssen. Wir kümmern uns um die Angehörigen, halten die Hand und spenden Trost.“ Für die Betroffenen breche eine Welt zusammen. Ihr Job sei es, die Trümmer in Trittsteine zu verwandeln und so den Notausgang zu ebnen, so Lawrenz.

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Auf 90 Einsätze kämen ihre Kollegen pro Jahr, weiß die gelernte psychologische Beraterin. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern der Notfallseelsorge im Landkreis: „Angefangen hatte alles mit der Flut 2002 in Grimma. Damals mussten Seelsorger aus anderen Bundesländern angefordert werden. Als Konsequenz daraus nahm die Diakonie im Auftrag des Landkreises die Krisenintervention selber in die Hand.“ Seitdem leistet das bunt zusammen gewürfelte Team aus Krankenschwestern, Unternehmern, Handwerkern und Pfarrern ehrenamtlich Akutversorgung.

Seelsorgerin der Seelsorger steht vor Abschied

Am Jahresende ist für die Koordinatorin offiziell Schluss: „Ich habe einen mehrfach schwerstbehinderten Sohn, der rund um die Uhr betreut werden muss. Er braucht mich jetzt. Außerdem muss ich an meine Kräfte denken.“ Dennoch sei die „Seelsorgerin der Seelsorger“ nicht aus der Welt: „Das Team ist toll, es wird weitergehen, da bin ich sicher.“ Dem kleinen Max wünscht sie viel Kraft: „Unsere Kollegen waren sowohl für ihn als auch seine Großeltern da.“

Maximilian (12) mit seinem Großvater Dietmar Faust (66). Sowohl Notfallseelsorger als auch Feuerwehrleute wünschen den beiden eine unvergessliche Urlaubsreise. Quelle: Haig Latchinian

Viele der Feuerwehrleute sind selbst Eltern. Daher gehörte der Einsatz in der Stecknadelallee 8 zu den emotionalsten des Jahres, berichtet Brandinspektor Thomas Knoblich. „Das kannst du nicht so einfach abschütteln.“ Bis die Seelsorger eintrafen, war er es, der dem Angriffstrupp emotionalen Beistand geleistet hatte: „Wir sitzen da nicht im Kreis und reden aufeinander ein. Alles ist ungezwungen. Wer reden will, kann das tun. Das Erlebte muss raus, darf sich nicht anstauen.“

Uneigennütziger Kamerad überreicht Spielerausrüstung

In Gedanken ist Knoblich bei Max und den Großeltern: „Die drei müssen stark bleiben. Nur so können sie den Verlust verarbeiten.“ Wie sehr die Feuerwehr mit Max verbunden ist, beweist die uneigennützige Aktion eines Kameraden, der zugleich RB-Fan ist: Er überraschte den Fußballer mit Dressen, Hosen und Schuhen des Bundesligisten. Wer er ist – niemand weiß es. Selbst Sprecher Knoblich konnte das Rätsel noch nicht auflösen.

Von Haig Latchinian