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Grimma Rückenwind für Zirkus Bügler – Nerchauer kritisieren Vorgehen
Region Grimma Rückenwind für Zirkus Bügler – Nerchauer kritisieren Vorgehen
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11:32 14.02.2017
Dem gerichtlichen geschlossenem Vergleich entsprechend, haben die Zirkusleute die unter anderem wild verlegten Stromleitungen eingerollt.
Dem gerichtlichen geschlossenem Vergleich entsprechend, haben die Zirkusleute die unter anderem wild verlegten Stromleitungen eingerollt. Quelle: Frank Schmidt
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Grimma/Nerchau

„Es gibt Schafe und es gibt Schäfer“, macht Pascal Wiatrowski in Nerchau eine zweideutige Anmerkung und verpasst damit eindeutig der Stadtverwaltung Grimma einen derben Seitenhieb. Die hatte sich wie berichtet mit einem Eilverfahren gerichtlich gegen das Verhalten der Fahrensleute im Zirkus Bügler durchgesetzt und das Betreten und Nutzen von städtischen Flächen untersagt.

Der Wanderzirkus war bereits im November in Nerchau gestrandet und bezog an der ehemaligen BHG nahe dem Muldentalbahnradweg ein Winterquartier. Dafür wurden den Zirkusleuten Flächen von Wiatrowski zur Pacht und somit zur zeitlich begrenzten Nutzung überlassen. Zum Konflikt mit der Kommune kam es, nachdem sich der Zirkus mit einigen Fahrzeugen auf angrenzenden städtischen Flächen ausgebreitet hatte. Illegal, wie Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) monierte und mehrere Ultimaten zum Verlassen der Flächen setzte, die auch mit Polizeipräsenz untermauert waren. Grund sei die Befürchtung, so beharrte Berger, der Zirkus könnte die städtischen Flächen vermüllen und entsprechend verlassen, so dass die Stadt für die Beräumung aufkommen müsste.

Höhepunkt des Streites war besagtes gerichtliches Eilverfahren, der die Zirkusleute massiv in die Defensive zwang. Vor allem, weil damit die Energieversorgung der etwa 25 Zirkusleute gekappt wurde, die via Stromkabel vom Bahnhofsgebäude über städtisches Gelände zur Wagenburg führte. Das regte Widerstand in der Bevölkerung und motivierte zur Hilfe für den Zirkus Bügler. War anfänglich davon die Rede gar eine Bürgerinitiative zu gründen, beschränkt man sich derweil auf temporäre Aktionen, um den um den Fahrensleuten zu helfen, solange sie in Nerchau ausharren. Allem voran Wiatrowski, der seinem Habitus geschuldet, auch „Jesus“ genannt wird. Der 35-Jährige hat vor zehn Jahren sein Grundstück samt Haus erworben, ist vor sechs Jahren aus Leipzig aufs Land hingezogen. „Nehmen Sie mal alle zusammen, die sich inzwischen für den Zirkus engagieren, dann kommen gut 30 Leute zusammen. Darunter auch Nerchauer Gewerbetreibende“, sagt Wiatrowski und stellt dieser Helfergemeinschaft die Kirchgemeinde voran. Als eine Art Sprachrohr für Helfer und Zirkusleute erhebt auch Sigrid Lorius ihre Stimme. Sie war über zwölf Jahre (1977-1990) Bürgermeisterin in Nerchau und kann das Vorgehen des jetzigen Amtsinhabers nicht nachvollziehen. „Wenn die Stadt diese Flächen verweigert, was rechtlich in Ordnung ist, dann sollte sie den Leuten Alternativen anbieten, das wäre menschlich korrekt“, schlägt sie mit der Faust auf den Tisch. „Verdammt noch mal, wir lassen eine Million Fremde ins Land und sind nicht in der Lage den Zirkusleuten zu helfen, die Deutsche sind. Das ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.“

Was den unstrittig vorhandenen Müll angeht, erhebt Wiatrowski Anklage an jene Zeitgenossen aus Nerchau und Umgebung, die noch vor Ankunft der Zirkusleute das Gelände als illegale Müllhalde für sich entdeckt haben. „Dank der Zirkusleute konnte viel davon beräumt werden, damit sie Platz für ihre Fahrzeuge haben“, stellt Wiatrowski klar.

Licht am Horizont des Streites ist das Einlenken der Stadtverwaltung, wonach nun dank Vermittlung durch die Kirchgemeinde wieder Strom zur Verfügung steht. „Danke Herr Berger“, sagt Sigrid Lorius ausdrücklich ohne ironischen Unterton. Dann das könnte der Anfang sein, eine Grundforderung der Nerchauer Helfer zu erfüllen. „Wir wollen einfach nur etwas mehr Toleranz“, bringt diese Jesus auf den Punkt.

Von Frank Schmidt