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Grimma Sächsische Landtagskandidaten kritisieren Bertelsmann-Klinikstudie
Region Grimma Sächsische Landtagskandidaten kritisieren Bertelsmann-Klinikstudie
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10:00 23.07.2019
Die Muldentalklinik in Grimma. Quelle: Thomas Kube
Borna/Grimma

Es herrscht Einigkeit zwischen den Parteien: Die Muldentalkliniken in Wurzen und Grimma sollen unbedingt erhalten bleiben. Zu der umstrittenen Studie der Bertelsmann Stiftung haben sich nun verschiedene Landtagskandidaten und Politiker aus dem Landkreis Leipzig positioniert und deutlich Stellung bezogen.

Sie alle sind gegen die Schließung von ländlichen Krankenhäusern und kritisieren die Studie der Bertelsmann Stiftung teilweise scharf. Starker Protest kam zunächst von den Linken gegen die Ergebnisse der Studie. Darin war vorgeschlagen worden, bis zu 800 Krankenhäuser im Bundesgebiet zu schließen. Dagegen, so Linken-Kreischef Holger Luedtke, „melden wir ganz entschieden Widerspruch an“.

Holger Luedtke, Linken-Kreischef, lehnt die Ergebnisse der Studie Bertelsmann Stiftung ab. Quelle: privat

Attraktivität von Pflegeberufen stärken

In der Bertelsmann Studie wird vorgeschlagen, medizinische Kompetenzen in so genannten Komplexversorgern, also an großen Klinikstandorten, zu konzentrieren. Stattdessen aber, so Luedtke weiter, müsse es darum gehen, das Krankenhauspersonal auskömmlich zu bezahlen und dem Personalmangel mit einer Attraktivitätsoffensive für Gesundheits-und Pflegeberufe zu begegnen.

Vor allem aber gehe es um die Stärkung des ländlichen Raums „und dazu gehört eine gut erreichbare, wohnortnahe Gesundheitsinfrastruktur“. Werde die Zahl potenziell zu schließender Krankenhäuser auf den Landkreis Leipzig heruntergebrochen, müssten mehrere Kliniken geschlossen werden. Davon wären, so befürchtet der Linken-Kreischef weiter, wahrscheinlich die Muldentalkliniken mit etwa 950 Beschäftigten an den beiden Standorten Grimma und Wurzen betroffen.

Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger zeigt sich besorgt

„Die Argumente kann man nicht alle vom Tisch weisen. Die Erfahrung von Fachärzten in bestimmen Behandlungen ist sicherlich ein wichtiger Faktor für eine optimale Versorgung der Patienten“, entgegnet Matthias Berger (parteilos), Oberbürgermeister von Grimma. Er setzt sich entschieden für eine Erhaltung der Muldentalkliniken ein, sieht in der zunehmenden Zentralisierung jedoch ein großes Problem.

Berger weiter: „Wir sollten diese Diskussion sehr ernst nehmen. Die Muldentalkliniken haben bereits durch den zweigeteilten Standort einen Nachteil. Nun müssen Strategien entwickelt werden, um nicht langfristig durch eine fehlende Spezialisierung abgehängt zu werden.“ Für eine verlässliche Grundversorgung seien die Standorte nicht wegzudenken, doch müsse über einen Fachbereich als Spezialisierung nachgedacht werden.

Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) ist über die Klinikstudie besorgt. Quelle: Thomas Kube

Bertelsmannkonzern ökonomisches Interesse an Zusammenlegung

Annett Schmidt, Direktkandidatin von den Grünen für den Wahlkreis Wurzen, kritisiert auch die Hintergründe der Studie: „Die Bertelsmann Stiftung beteiligt sich mit ihren Studien am politischen Diskurs, sie finanziert sich aber auch über ihre Anteile am Bertelsmannkonzern, und hat damit auch eigene wirtschaftliche Interessen. Diese Studie liefert damit also einen Debattenbeitrag, mehr nicht.“

Das theoretische Modell zur Konzentration auf dem „Krankenhausmarkt“ sei aus ökonomischen Gründen entwickelt worden. Schmidt betont, dass Krankenhäuser aber vor allem für die Menschen funktionieren müssen und setzt auf die Daseinsberechtigung der Muldentalkliniken. „Entscheidend ist für den Fortbestand von Krankenhäusern ein dauerhaft gutes und preislich tragfähiges Versorgungsangebot. Das gewährleisten in unserer Region die beiden Häuser der Muldentalkliniken“, so die Landtagskandidatin weiter.

Annett Schmidt, Direktkandidatin im Wahlkreis Wurzen und Umgebung von Bündnis 90 / Die Grünen kritisiert die Nähe der Bertelsmann Stiftung zum Bertelsmannkonzern. Quelle: privat

Distanzen gering halten, Grundversorgung absichern

Kritik an der Studie kommt auch au den Reihen der SPD. Die Landtagskandidatin Birgit Kilian zweifelt, dass das ursprünglich dänische Reformmodell auf Deutschland anwendbar ist. In Dänemark sollen bis 2025 zahlreiche kleine Klinken geschlossen werden, um diese durch Großkrankenhäuser zu ersetzen. „Was aber in einem vergleichsweise kleinen Staat mit einer deutlich geringeren Einwohnerzahl richtig und sinnvoll ist, lässt sich auf die hiesigen Verhältnisse nicht eins zu eins übertragen“, so Kilian.

In den ländlichen Regionen, also auch im Muldental, seien schnell die Distanzen ein Problem für eine gute Erstversorgung. „Hier müssen wir auch in Zukunft eine flächendeckende medizinische Grundversorgung gewährleisten. Gerade in Notfällen wäre es oft fatal, würde man Patienten zunächst viele Kilometer durchs Land transportieren müssen, um eine Erstversorgung stattfinden zu lassen“, sagt die Direktkandidatin weiter. Notärzte und Rettungsdienste seien zwar in der Lage, vor Ort einiges zu leisten, dennoch seien medizinische Geräte, Labore und Behandlungsräume im Nahbereich für eine gute Diagnose und Eingriffe unbedingt notwendig.

Birgit Kilian, Vorsitzende SPD-Ortsverein Brandis-Borsdorf-Naunhof, sagt, dass dänische Modell lasse sich nicht auf Deutschland übertragen. Quelle: privat

Erstversorgung durch Kliniken ohne Vollangebot an Fachärzten möglich

Ganz ähnliche Kritik kommt auch von dem Landtagskandidaten der AfD, Jörg Dornau: „Weniger Krankenhäuser mit dafür breiterer Ausstattung machen in Ballungszentren vielleicht Sinn.“ So sei es vielleicht in Leipzig einigen Patienten zumutbar statt des St.-Georgs-Klinikums in Grünau direkt das Haupthaus in Eutritzsch aufzusuchen. „Im ländlichen Raum hingegen beträgt die Entfernung zwischen den Standorten der Muldentalkliniken in Grimma und Wurzen fast das Doppelte, nämlich 22 Kilometer. Patienten benötigen im Notfall eine Erstversorgung“, so Dornau weiter. Das könne auch ohne ein Vollangebot an Fachärzten gewährleistet werden.

Jörg Dornau, Landtagskandidat der AfD, setzt auf kleine Krankenhäuser im ländlichen Raum. Quelle: privat

Schließung resultiert voraussichtlich in stärkerer Belastung der Hausärzte

Eine deutliche Position gegen die Bertelsmann-Studie nimmt auch Anja Jonas, Direktkandidatin der FDP im Muldental, ein. „Die vorgelegte Studie stützt sich auf eine verbesserte medizinische Qualität bei hochkomplexen Krankheitsbildern in großen Fallzahlen und leitet daraus eine Zusammenlegung von Krankenhäusern ab. Die überwiegende Masse der Patienten hat jedoch vergleichsweise leichte Erkrankungen“, so Jonas.

Das von der Studie kritisierte Problem und der angesprochene Effekt würden in diesem Fall keine Rolle spielen. Die FDP-Kreisvorsitzende: Die Schließung weiterer Krankenhäuser wäre „ein Verlust medizinischer Versorgung“. Auch die Zahl der Hausärzte könnten dies in den ländlichen Regionen nicht ausgleichen.

Anja Jonas, Direktkandidatin der FDP im Muldental sagt, die Schließung von Krankenhäusern würde einen Verlust medizinischer Versorgung auslösen. Quelle: privat

Muldentalkliniken als Grundversorger zu wichtige Bedeutung

Auch Kay Ritter, der Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Wurzen, ist entschieden gegen eine Schließung der Muldentalkliniken. „In dieser Größe liegt die Muldentalklinik über dem Durchschnitt deutscher Krankenhäuser und hat im Bereich der Grund- und Regelversorgung eine wichtige Bedeutung! Handlungsbedarf liegt bundesweit eher bei den kleinen Krankenhäusern in den alten Bundesländern“, so der Landtagskandidat. Als Mitglied im Förderverein des Krankenhauses in Wurzen unterstütze er den Erhalt des kommunalen Eigentums des Landkreises.

Kay Ritter, Vorsitzender CDU-Stadtverband Wurzen, will die Muldentalkliniken erhalten. Quelle: Frank Schmidt

Von Nikos Natsidis und Tilman Kortenhaus

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