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Grimma Zoff um Papierfabrik Golzern geht weiter
Region Grimma Zoff um Papierfabrik Golzern geht weiter
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13:00 06.05.2019
Ein Blick über die Dächer der alten Papierfabrik offenbart die Sturmschäden an der alten Bausubstanz.
Ein Blick über die Dächer der alten Papierfabrik offenbart die Sturmschäden an der alten Bausubstanz. Quelle: Frank Schmidt
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Grimma

Der Konflikt um den Abbruch der alten Papierfabrik Golzern geht in eine weitere Runde. Nachdem die Landesdirektion Sachsen Anfang April der Stadt Grimma die im November 2014 beantragte Verlängerung zum Abriss der Industriegebäude verweigert hatte, kündigte Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) umgehend an, Rechtsmittel einzulegen.

Mitte April richtete sich die Bürgerinitiative (BI) für den Erhalt der Papierfabrik Golzern in einem offenen Brief an die Grimmaer Stadträte. An deren Spitze steht Dorothea von Below aus Döben.

Berger bezeichnet Papierfabrik als Ruine

Von Below wischte die Behauptung des Rathauschefs vom Tisch, dass die ehemalige Papierfabrik „eine Ruine“ sei. Vielmehr werde die Befürchtung geäußert, dass das Objekt dazu verkommen könnte, wenn man die Sturmschäden am Dach nicht beheben würde. Schließlich, so argumentierte von Below, verfüge die Kommune dafür über eine Versicherung.

Von Bahren über die Muldebrücke kommend, ist der Sturmschaden auf dem Dach der alten Papierfabrik deutlich zu sehen. Quelle: Frank Schmidt

Irrtum, kontert Berger auf LVZ-Nachfrage. „Für diese Ruine“ – damit bleibt er bei seiner Feststellung – „gibt es keine Versicherung“. Es würde auch keinen Sinn machen, „ein zum Abriss stehendes Gebäude zu versichern“, schob Berger nach.

Dennoch beharrte die BI im besagten Schreiben auf die ihrer Ansicht nach weitere Nutzbarkeit der Gebäude „mit heilen Dächern“. Denn: „Lediglich Maschinen im Erdgeschoss hätten keinen Versicherungsschutz mehr erhalten“, so von Below weiter, weshalb sich der Betrieb zum Standortwechsel gezwungen gesehen habe.

Gleich nach der Flut im Sommer 2013 sind die Tore der bis dahin funktionierenden Produktionsstätte für immer geschlossen worden. Quelle: Frank Schmidt

Obwohl die Papierfabrik Golzern schon 2002 „eine Jahrtausendflut mit minimalen Gebäudeschäden überstand“ und auch elf Jahre später den Wassermassen standgehalten habe. Deshalb sei es „verantwortungslos, dass die vom Sturm Friederike im Januar 2018 verwehten Wellblechteile des Daches teilweise immer noch locker herumliegen“, legte die BI nach.

Zudem seien immer mehr Scheiben eingeschlagen, Zugänge durch Fenster und Türen offen, „so dass vermutlich Kabel und Heizungsbestandteile herausgerissen und wertvolle Metallteile gestohlen wurden“.

Zweifel an behördlichem Gutachten in Golzern

In Sachen Hochwasserschutz zweifelt die BI erneut das Gutachten der Landestalsperrenverwaltung an, wonach sich das Abflussverhalten ohne Fabrik als Staustufe verbessern würde. Stattdessen berief sich von Below auf eigene, jedoch nicht näher benannte „Fachleute der Bürgerinitiative“. Diese würden „jegliche signifikante Verbesserung des Abflussverhaltens durch den Abriss“ bestreiten und könnten das mit einem eigenem Gutachten vom Juni 2016 belegen.

Experte ordnet Auswirkungen auf Hochwasserschutz ein

Selbst Professor Martin Socher von der oberen Wasserschutzbehörde, so ließ von Below wissen, äußerte in einem Gespräch mit der BI im Umweltministerium Ende Mai 2018, „dass der Abriss des Kulturdenkmals nicht mehr mit dem Hochwasserschutz für Dorna begründet sei.“ Dem widersprach Socher in einem Schreiben vom 24. April, das der Leipziger Volkszeitung vorliegt. Richtig sei, dass es darüber eine „sehr kontrovers geführte Diskussion“ gibt, über die eine „Gesprächsnotiz mit den wesentlichen Inhalten“ existiere.

Darin wird darauf hingewiesen, dass der Hochwasserschutz für Grimma „ganzheitlich zu betrachten“ sei. Weiter stellt Socher in seinem Schreiben klar: „Leider hatten die Vertreter der Bürgerinitiative kein Interesse an dieser Diskussion.“ Und: „Die zitierten Aussagen meinerseits sind so nicht getroffen worden.“

Für Oberbürgermeister Matthias Berger ist die alte Papierfabrik in Golzern mit Blick auf den Hochwasserschutz ein Dorn im Auge Quelle: Frank Schmidt

Ungeachtet dessen werden Grimmas Oberbürgermeister und Stadträte von der BI aufgefordert, „die wertvolle und überregional bedeutsame Bausubstanz vor dem weiteren Verfall zu schützen und Maßnahmen zur Ermöglichung der Weiterverwendung der Gebäude zu ergreifen.“

Hierfür stützt sich von Below auf „politischen Rückenwind“ aus dem sächsischen Wissenschaftsministerium. Neben nicht näher benannten Künstlern, Journalisten, Professoren, Natur- und Denkmalschützern habe auch Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) ihr Interesse an der Fabrik bekundet und Hilfe angeboten, ließ von Below aufhorchen.

Staatsministerium relativiert Stanges Engagement

Diese Feststellung wird auf LVZ-Anfrage zum Stand der Dinge vom Ministeriumssprecher Andreas Friedrich relativiert. Demnach werde das Engagement für den Erhalt der historischen Fabrik gewürdigt. „Dies sei von großer Bedeutung für den Erhalt und die Weiterentwicklung des reichen industriekulturellen Erbes Sachsens.“

Deshalb wolle die Ministerin sowohl über Denkmalpflege als auch über Denkmalschutz Zuständigkeiten und Unterstützungsmöglichkeiten bei der Beseitigung des Dachschadens prüfen lassen. Darüber hinaus wurde der BI empfohlen, sich mit Blick auf das Themenjahr der Industriekultur 2020 an die Koordinierungsstelle Sächsische Industriekultur bei der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen zu wenden. Die Stiftungsmitarbeiter könnten bei der Suche nach Ideen für eine sinnvolle Nachnutzung der Papierfabrik und Möglichkeiten einer Projektförderung behilflich sein, sagte Friedrich.

Von Frank Schmidt