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Grimma Tag des Gesundheitsamtes – auch im Landkreis Leipzig
Region Grimma Tag des Gesundheitsamtes – auch im Landkreis Leipzig
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07:06 20.03.2019
Das Gesundheitsamt in Grimma ist für viele Situationen in Sachen Gesundheit gerüstet. Quelle: Frank Schmidt
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Grimma

Handystrahlung macht doch nicht krank. Das Gesundheitsamt jedenfalls ist in den beiden oberen Etagen eines Büroblocks in Grimma-Süd untergebracht – auf dem Dach stehen gleich mehrere Funkantennen. Die gut 50 Kollegen der Behörde müssen wissen, was gut oder schlecht für den Organismus ist. Sie sind so etwas wie die Gesundheitspolizei des Landkreises Leipzig.

Die Antennen machen zudem deutlich: Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes sind gut vernetzt – mit Sozialministerium und Landesdirektion als übergeordnete Behörden, aber auch mit Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten, Kindergärten, Schulen, Pflegeheimen, Versorgern und – den Klienten, wie die rund 258.000 Einwohner des Kreises in der Amtssprache heißen.

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Robert-Koch-Institut initiiert Würdigung

Amtsärztin Martine Matthes Quelle: Frank Schmidt

Martine Matthes ist die Leiterin des Gesundheitsamtes. Wenn die 61-Jährige sonst mit Journalisten zu tun hat, dann zumeist im Krisenmodus. Vor der hysterischen Medienmeute muss sie in aller Regel erklären, was sie zu tun gedenkt, wenn etwa das Trinkwasser verunreinigt oder ein Schüler an Masern erkrankt ist. Oder wie sie mit einem psychisch Kranken umgeht, der zur Gefahr für sich und andere wird. Diesmal ist alles anders. Ganz unaufgeregt kann sie über ihr Haus informieren, das so viel tue, von dem aber so wenig bekannt sei. Verdanken könne sie den Umstand dem „Tag des Gesundheitsamtes“. Das Robert-Koch-Institut hatte dazu erstmals aufgerufen.

Anerkennung vom Präsidenten des Koch-Institutes

Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Institutes, sagt: „Krankenhäuser oder Arztpraxen kümmern sich um das Wohl des einzelnen Patienten. Im Unterschied zu diesem individualmedizinischen Ansatz haben die Gesundheitsämter die Bevölkerung im Blick. Damit hat der Öffentliche Gesundheitsdienst einen größeren Einfluss auf die Gesundheit, als vielen bewusst ist.“ Eine ausreichende Finanzierung der Gesundheitsämter sei für eine gute gesundheitliche Situation der Bevölkerung unverzichtbar. Die personelle Ausstattung der Gesundheitsämter sinke seit Jahren. „Aber kein noch so gutes Labornetzwerk reicht aus, um vor Ort Verdachtsfällen von Erkrankungen nachzugehen oder Quarantänemaßnahmen durchzuführen. Dazu werden qualifiziertes Personal und eine moderne Ausstattung benötigt – und das in jedem Gesundheitsamt.“

Mit diesem Gedenktag solle die Arbeit der rund 400 Gesundheitsämter in Deutschland gewürdigt werden. Zurück geht die Initiative auf den Geburtstag des Pfälzers Johann Peter Frank. Der Arzt und Philosoph erblickte am 19. März 1745 das Licht der Welt. Er gilt als Begründer der Sozialhygiene und öffentlichen Gesundheitsdienste. Unter anderem bezeichnete er es als Sache des Staates, durch angemessene Wohn- und Arbeitsverhältnisse sowie sorgfältig aufbereitetes Trinkwasser allerlei Krankheiten zu verhindern.

Sachsen alles andere als Impfmuffel

Neben Kliniken und Arztpraxen bilden die Ämter die dritte Säule im Gesundheitswesen. „Wir beobachten den Gesundheitszustand der Bevölkerung, verhindern die Weiterverbreitung ansteckender Krankheiten und sorgen mit gezielter Aufklärung dafür, dass sie gar nicht erst ausbrechen“, sagt Chefin Matthes. Die Sachsen seien sehr gut geimpft. Als einziges Bundesland leiste sich der Freistaat eine eigene Impfkommission. „Sie ist oft Vorreiter. So hatte sie eher als andere den Vierfachimpfstoff als Grippeschutz empfohlen.“

Lob von Sachsens Gesundheitsministerin

Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch nimmt den Tag des Gesundheitsamtes zum Anlass, die Tätigkeit aller Mitarbeiter in den 13 kommunalen sächsischen Gesundheitsämtern ausdrücklich zu würdigen: „Ich möchte an diesem Tag allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre qualifizierte und engagierte Arbeit für die sächsische Bevölkerung herzlich danken. Ich wünsche mir mehr öffentliche Anerkennung für die Gesundheitsämter, denn sie spielen eine unverzichtbare Rolle für unser aller Gesundheit.“

Ja, es gebe die Tuberkulose. Auch hierzulande. Aber es seien Einzelfälle. Keine Ausbrüche. Sobald meldepflichtige Erkrankungen wie diese bekannt würden, nimmt das Amt die Ermittlungen auf, prüft den Impfstatus, fahndet nach Kontaktpersonen, veranlasst Röntgen, Bluttest und – gegebenenfalls Isolierung. Die Mitarbeiter gehen jedem Hinweis, jeder Spur nach – eben wie richtige Polizisten, nur ohne Uniform.

Qualität am Bau und im Trinkwasser

Facharzt für Öffentliche Gesundheitsmedizin Klaus Wallmann beim Desinfizieren des Wasserauslaufes, um eine Wasserprobe nehmen zu können. Quelle: Frank Schmidt

Klaus Wallmann ist einer der wenigen im Amt, der den weißen Kittel tragen muss. Er leitet das Sachgebiet Hygiene und ist seit acht Jahren dabei. Der Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen durchlief nach Medizinstudium und Klinikpraktika sämtliche Stationen bis hin zum stellvertretenden Amtsleiter. Er überwacht die Güte des Trinkwassers vom Brunnen bis zum Hahn. Er prüft Baupläne für Kindergärten, Schulen oder Gemeinschaftsunterkünfte. Er belehrt jeden, der mit offenen Lebensmitteln hantiert und dafür einen Gesundheitspass benötigt.

Wallmann weiß: „Zu Aidstests gehen die Leute lieber zu unseren Kollegen nach Leipzig. Viele fürchten, im Warteraum könnte jemand sitzen, der womöglich tratscht. Wie auch immer: Wir Mitarbeiter sind zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet. Befunde von Belang sind zwar meldepflichtig, aber immer anonym. Das dient einzig und allein der Statistik.“

Beratung und andere Hilfsangebote sind kostenlos

Ute Böhme (l.) und Marina Worm sind Beraterinnen im Gesundheitsamt. Quelle: Frank Schmidt

Bis auf Reisemedizin und Gesundheitszeugnisse sind die meisten Leistungen des Amtes für die Klienten kostenlos. Marina Worm und Kathrin Severin etwa besuchen Krebspatienten nach Chemotherapien auf Wunsch auch zu Hause. Ute Böhme berät schwangere Frauen in Konfliktsituationen. Thomas Fritzsche, Roswitha Grosche, Sandra Müller und Susanne Maureschat helfen, wo immer ein Mensch unter schwersten Depressionen leidet und außer Stande ist, sich selbst zu versorgen. Jana Junghans bemüht sich um Drogenkranke, die in ihrer Sucht unfähig sind, Hilfsangebote anzunehmen.

Petra Janich leitet den Kinder- und Jugendärztlichen Dienst. Zu ihrem Aufgabenfeld gehören die obligatorischen Reihenuntersuchungen in der sechsten Klasse, aber auch die freiwilligen Tests im Vorschulalter. Dabei spürt sie mögliche Defizite auf: Der eine kann nicht hüpfen, der andere hält den Stift nicht richtig. Ihr geht es nicht um Besserwisserei, sondern um möglichst frühzeitige Förderung. Gerade verhaltensauffällige Kinder, längst keine Seltenheit, bräuchten mehr Zuwendung.

Prävention in den Schulen des Landkreises

Ob Läuse oder Krätze – Fragen rund um die Körperhygiene beschäftigen das Amt seit eh und je. Genauso wie regelmäßige Wasserproben in Badeseen, Therapiebädern oder Saunen. Neu hinzugekommen, so Anna Heit, seien Probleme mit der Internetsucht. Nomophobie, die Angst, über Handy nicht mehr erreichbar zu sein, ziehe immer größere Kreise. Mittlerweile reagierten die Teens gar mit körperlichen Symptomen, sobald ihr Smartphone nicht mehr greifbar sei. Die Sozialarbeiterin berichtet vom Spiel Fort Night, das mitunter zu hohen Handyrechnungen verleiten könne.

Bei Präventionsveranstaltungen in Schulen ist sie genauso gefragt wie ihr Kollege Gunnar Rietzsch-Matros. Der berichtet von Mobbing unter Fünft- und Sechstklässlern, von regelrechten Hassgruppen, die Mitschüler verunglimpfen und bedrohen. Allzu oft werde noch weggeschaut und verharmlost, bedauert Amtsleiterin Martine Matthes. Sie und ihre Kollegen nehmen das Thema sehr ernst: „Schließlich können junge Leute sogar in den Suizid getrieben werden.“

Chefin im Grimmaer Amt ist bekennender Familienmensch

Die sechsfache Mutter steht dem Amt in Grimma seit knapp zwei Jahren vor. Sie hatte sich ganz bewusst für den Facharzt im Öffentlichen Gesundheitswesen entschieden: „Du stehst immer wieder vor neuen Herausforderungen. Das hat mich gereizt. Sicher, in Krankenhäusern und Arztpraxen verdient man mehr als in unserer Behörde, was uns die Nachwuchsgewinnung nicht immer leicht macht. Dafür hast du geregelte Arbeitszeiten“, sagt der bekennende Familienmensch.

Und jetzt müsse sie sich entschuldigen. Die nächste Begutachtung warte. Was viele nicht wissen: Jeder angehende Beamte muss vor seiner Anstellung den ärztlichen Test im Gesundheitsamt bestehen. So ähnlich wie der Fußballprofi den Medizincheck vor der Vertragsunterzeichnung.

Von Haig Latchinian