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Grimma Tränen und Wut zur Mahnwache an der Bad Lausicker Mühle
Region Grimma Tränen und Wut zur Mahnwache an der Bad Lausicker Mühle
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06:18 01.10.2019
In Bad Lausick haben am Montagabend viele Menschen eine Mahnwache zum Gedenken für den tödlich verunglückten elfjährigen Lion und als Forderung für mehr Sicherheit an der alten Mühle abgehalten. Quelle: Frank Schmidt
Bad Lausick

Wind riss an den Zweigen der mächtigen Platane, rüttelte an den Gebäuden der alten Bad Lausicker Mühlenwerke. Am Bauzaun gemalte Bilder, Fotografien, Abschiedsworte, Herz-Ballons. Menschen mit Blumen traten heran, entzündeten Kerzen. Dutzende waren es, bald mehrere Hundert, die am Montagabend Abschied nahmen von Lion. Der Elfjährige war auf dem Mühlengelände am Wochenende tödlich verunglückt. Gedämpft blieben die Gespräche, die meist in einer Frage mündeten: Warum? Viele hatten Tränen in den Augen. Eine Stadt trauert.

Spenden für die Eltern gesammelt

„Wir wollen der Familie beistehen. Lion war der beste Freund unseres Sohnes Friedrich“, sagte Christina Hiebel. Vor allem für die Kinder sei es schwer, das Geschehene zu verarbeiten: „Wir können es ja selbst nicht verstehen.“ Um die Familie finanziell zu unterstützen, habe man ein Spendenkonto eingerichtet. Bis zum Abend gingen darauf 7500 Euro ein. Weiteres Geld wurde bei der Mahnwache am Unglücksort gesammelt.

Familie, Freunde, Bekannte, Mitschüler, Nachbarn – in Bad Lausick gedenken rund 300 Menschen des verunglückten Elfjährigen.

„Es ist unbegreiflich, dass er nicht mehr da ist“, sagte Tim (11), der den getöteten Jungen aus der Grundschule kennt. Inzwischen auf dem Geithainer Gymnasium, riss der freundschaftliche Kontakt nicht ab. Fassungslosigkeit nicht nur in der Bad Lausicker Oberschule, sondern auch am Internationalen Gymnasium in Geithain – seelsorgerischen Beistand bekamen die Schüler am Montag alle. Auch zum Gedenken am Abend standen Seelsorger für Gespräche bereit.

Kritik an Behörden und Mühlenbesitzer

„Mich hat das erschüttert“, sagte Cornelia Kuhlmann, die die Mahnwache mit initiierte. In einer so kleinen Stadt lasse das keinen kalt. „So etwas darf nicht passieren. Wir wollen Druck machen, dass das nicht im Sand verläuft. Die Mühle muss gesichert werden, unbedingt.“ Dass immer wieder Heranwachsende das verwahrloste Areal erkundeten, sei doch bekannt, meinte Dirk Hobler. Erst am 21. September habe man im Eltern-Chat der Klassenstufe 6 der Oberschule explizit vor den Gefahren dort gewarnt: „Und jetzt passiert das – grausam.“ Der Eigentümer und die Behörden hätten es an der nötigen Konsequenz fehlen lassen, zeigte sich Thomas Fröbel überzeugt, der extra aus Leipzig gekommen war: „Man darf dem Verfall doch nicht 25 Jahre lang zuschauen.“ Dass Besitzer solcher Immobilien Auflagen bekommen sollten, forderte Thomas Frunzke. Es sei fatal, ein solches Areal sich selbst zu überlassen und zu hoffen, dass nichts passiert.

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„Man hätte die Mühle längst abreißen müssen oder wenigstens sichern“, sagte Christian Geisler. „Seit Monaten und Jahren treffen sich Kinder auf dem Gelände“, bestätigte Julia Suthau. Wie viele andere war sie mit der ganzen Familie gekommen: „Wir kennen den Jungen nicht persönlich. Aber der Respekt gebietet es, hier zu sein.“

Eltern danken für den Beistand

Mit einem gefalteten Dampfer an den Bauzaun geheftet, versuchten Lions Mitschüler mit ihrer Trauer umzugehen. „Der Abschiedsdampfer kommt nie mehr zurück“, schrieben sie darauf. Auf anderen Blättern stand: „Wir vermissen Dich, Lion!“ und „Lebe wohl“. Shirley (6) trug eine große Lilienblüte. Die Mutter des verunglückten Jungen leite die Koch-Arbeitsgemeinschaft in der Schule, erklärte Shirleys Mutti: „Wir sind alle einfach nur geschockt.“

Lions Eltern waren auch bei der Gedenkstunde. Die Anteilnahme der vielen Menschen, die da waren, ging ihnen nahe. Sie dankten für den Beistand in diesen Stunden der Ohnmacht. Und sie sagten an die Adresse der Kinder: „Haltet Euch an das, was Euch die Eltern sagen. Die Mühle ist kein Spielplatz.“

Die alte Mühle – ein Risiko

Die Mühlenwerke, 1872 als Familien-Aktiengesellschaft gegründet, liegen seit einem Vierteljahrhundert still. 1993 wurde der Betrieb eingestellt. Seither verfällt das Areal, das nördlich an die Kernstadt angrenzt und dessen Stahlsilo-Türme, die jetzt zur tödlichen Falle für ein Kind wurden, immer noch eine weithin sichtbare Landmarke sind. Die Mühlenwerke Uhlig & Weiske waren bekannt für Mehle der Marken Bad Lausicker Ideal, Kurperle, Firnenglanz, Bad Lausicker Stolz. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg brannten große Teile ab. Kurz darauf entstand das Produktionsgebäude mit dem vielgeschossigen Dach, das die Mahlwerke und die Abfüllung beherbergt. Die Silos wurde 1934 ergänzt. Ab 1959 zu staatlicher Beteiligung gezwungen, wurde der Betrieb später VEB. Eine Reprivatisierung durch die Alteigentümer scheiterte. Die Wurzener Mühle setzte die Produktion fort, verlagerte sie 1993 an die Mulde.

Erste Sicherungsmaßnahmen an der Ruine hat die Stadt Bad Lausick am Wochenende durchgeführt. Dass die Kommune den finanziellen Aufwand vom Eigentümer zurück fordern wird, davon ist auszugehen. Bisher habe man mit ihm noch nicht sprechen können, so der Bürgermeister am Montag. Mehrfach habe er dem im Landkreis ansässigen Eigentümer am Wochenende Mails geschickt, am Montag mit einem Einschreiben nachgelegt: „Wir fordern ihn auf, dass er bis Donnerstag, spätestens Freitag das Gelände sichert.“ Die latente Gefährdung, die von der alten Mühle ausgeht, wurde in den vergangenen Jahren immer wieder thematisiert. 2005 etwa wies der damalige Leiter des Bad Lausicker Polizeipostens darauf hin, dass sich immer wieder Heranwachsende auf dem Gelände aufhielten und sich in Gefahr brächten.

Ein Altenheim, ein Restaurant über den markanten Kornspeichern, ein Supermarkt – Ideen, wie das Gelände vermarktet werden könnte, wurden in den neunziger Jahren mehrfach entwickelt. Realisiert wurde keine einzige. Das Betriebsgelände verfiel trotz bester Lage immer mehr. Erst im April habe man mit dem Eigentümer und dem Bauordnungsamt des Landkreises über Notsicherungen gesprochen, sagt der Bürgermeister: „Konkrete Pläne, was aus dem Gelände werden soll, sind uns nicht bekannt.“

Von Ekkehard Schulreich

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