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Grimma Trebsener Schäfer: „Ich mag die deutsche Weltretterei nicht“
Region Grimma Trebsener Schäfer: „Ich mag die deutsche Weltretterei nicht“
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10:03 16.04.2019
Die Schafe von Schäfer Henry Seifert sind schneller als die Polizei erlaubt. Sie nehmen regelmäßig an Rennen teil. Quelle: André Kempner
Trebsen

Sie heißt Hedwig, und sie ist sein Adler. Wie ein Falkner präsentiert Henry Seifert das stattliche Federvieh. Auf dem Standstreifen der Autobahn hatte er das Huhn damals aufgelesen. „Die gerupfte Hedwig hatte keine Federn mehr und war wohl auf dem Weg in die Fleischmehlfabrik verlustig gegangen. Jetzt steht sie hier in der Papageienvoliere, lässt es sich gut gehen und legt fast jeden Tag ein Ei.“

Die eierlegende Wollmilchsau scheint auf dem Trebsener Kirschberg keine Utopie mehr zu sein. Dort lebt der Vorsitzende des Imkervereins Grimma einträchtig mit seinen Schafen, den Bienen und seiner Frau Sandra. In der Gartenlaube hegt und pflegt er die besonders hilfsbedürftigen Lämmer. Er reicht ihnen die Milchflasche, ehe er draußen die Großen füttert.

Leipziger galt in der nahen Großstadt lange als erster EDV-Unternehmer

„Gladius, wo steckst du?“ Ausgerechnet das schmächtigste Flaschenlamm trägt den Namen, der auf das Schwert der römischen Legionäre zurück geht. Die Mischung aus Sahne und H-Milch mundet ihm. Und auch Henry Seifert fühlt sich pudelwohl. Der Leipziger galt in der nahen Großstadt lange als erster EDV-Unternehmer, der sich selbstständig gemacht hatte. Das tierische Landleben reizt ihn inzwischen mehr als die Beschäftigung mit Bits und Bytes.

Der langjährige Henry Seifert hält in Trebsen Renn-Schafe. Der IT-Experte ist auch Imker und ein kritischer Kopf.

Im Auftrag der Sächsischen Stiftung für Landschafts- und Naturschutz kümmert sich der Pächter um die Streuobstwiese. Bienen und Schafe – das ergänze sich wunderbar. Die Wollknäuel auf vier Beinen seien nicht nur die perfekten Rasenmääääher. Sie bohrten die Pflanzensamen zudem tief ins Erdreich, auf dass es grünen und blühen möge. Ganz zur Freude der bestäubenden Bienen, von denen der Imker jede Menge hat.

Mit ein paar Kamerunschafen fing damals alles an, genauer gesagt mit Shawn, dem Schaf aus dem Trickfilm. 2014 kamen die ersten sechs Bluefaced Leicester aus Wales – die allerersten nach Deutschland importierten überhaupt. Ihre Böcke gelten in Züchterkreisen als extrem begehrt. Deren Nachkommen garantieren viel Milch, beste Wolle und – zumeist Zwillinge. 2016 flog Henry Seifert als Co-Pilot einer Cessna weitere zwei Böcke aus dem Vereinigten Königreich ein.

Schafe halten das Gras kurz auf Hängen, Deichen und Auen

Die stehenden Ohren erinnern an die Löffel der Osterhasen. Mit etwas Glück kann man die Schafe im Trebsener Stadtgebiet bewundern: Am Kirschberg oder im Solarpark, auf Halden oder Hängen, Deichen und Auen. So wird das Gras kurz gehalten, mancher Strauch verbissen und das letzte Mauseloch zugetreten. Auch auf dem zwischenzeitlich beinahe verwilderten Reitplatz in Nitzschka machen sie seit neuestem Revue, wie der Sachse sagt.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Schon Ende Juni wollen die Muldentaler Trabifreunde auf dem nun wieder zugänglichen kommunalen Grundstück ihr 1. Sächsisches Kugelporsche-Treffen veranstalten. Und auch Schäfer Henry Seifert träumt von einer sinnvollen Nutzung: „Ich würde dort gerne lustige Wettkämpfe veranstalten. Gekrönt werden könnte das schönste Lamm, die schönste Gans oder das schönste Kaninchen.“

In Großbritannien gehörten solche Ausscheide zum täglichen Leben. Bei Ausstellungen wetteiferten die Dorfbewohner nicht nur um die beste selbst gemachte Erdbeermarmelade oder den leckersten Apfelkuchen. „Preise gibt es auch für den, der das Gewicht des ausgestellten Ferkels richtig erraten hat.“ Zum Dank dürfe derjenige das Vieh auch gleich mit nach Hause nehmen.

Henry Seifert ist sachsenweit bekannt für besondere Wettkämpfe

Für ungewöhnliche Wettkämpfe ist Henry Seifert sachsenweit bekannt. Nach britischem Vorbild bestreiten seine Lieblinge am 12. Oktober das bereits dritte Schafrennen – und zwar im Vorfeld des offiziellen Wettkampftages auf der Galopprennbahn Scheibenholz in Leipzig. „Meine Schafe Penny und Elisabeth sind schneller als ein Sprinter.“ Davon konnten sich bereits Tausende von Fans überzeugen, die die 100-Meter-Strecke gesäumt hatten.

Der Union-Jack weht nicht zufällig auf dem Kirschberg. „Ich bin ein Brexit-Befürworter. Alle reden nur von Gefahren. Dabei bietet sich den Briten bei einem EU-Austritt doch auch manche Chance.“ Die Menschen auf der Insel wollten wieder von eigenen Politikern regiert werden. Er könne das verstehen. „Wenn ein Politiker sagt, der Wolf darf nicht gejagt werden, dann soll er das sagen, weil er das so will und sich nicht auf die EU heraus reden.“

Der in seinen Augen völlig überzogene Regulierungswahn der EU verbiete sogar Misthaufen in Feldnähe. „Wo Höfe sterben, da sterben die Fliegen. Und wenn Fliegen sterben, gibt es keine Schwalben. Wo kein Pferd scheißt, dort gibt es auch keinen Sperling.“ Nein, er wolle nicht etwa die Welt retten. „Ich mag die ganze deutsche Weltretterei eh nicht. Wir schalten fünf Kohlekraftwerke ab. Gleichzeitig baut China 1000 neue. Das ist doch alles Irrsinn.“

Seifert hält Schafe, um das Klima zu retten

Die Kinder sollten freitags wieder in die Schule gehen, sagt Henry Seifert. Er hatte schon Schafe gehütet, da sprach kaum jemand von Klimawandel. Die Welt lasse sich nun mal nicht so einfach in gut und böse aufteilen: „Die Atomkraft mag nicht ungefährlich sein. Andererseits sind es die Windräder, die die Insekten schreddern. Und wofür brauchen wir die Maiswüsten? Klar, für die Biogasanlagen.“

Der Weg nach vorn sei nicht der nach hinten: „Wenn ich Schafe halte, dann nicht deswegen, weil ich das Klima retten will. Ich mag Schafe einfach nur. Es ist die bedingungslose Dankbarkeit der Tiere, die es mir angetan hat. Sie brauchen den menschlichen Beistand, fordern ihn regelrecht heraus.“ Schafe könnten allein nicht überleben, sagt Seifert: „Wenn sie ungeschützt auf der Wiese stehen, würde sie der nächste Hund auseinander treiben oder der nächste Wolf gar reißen.“

Klimaschutz heißt für Seifert nicht, dass alle zu Vegetariern werden oder sich nur noch mit dem Fahrrad fortbewegen müssten: „Stattdessen sollten wir uns Gedanken machen, wie wir innovativ mobil bleiben.“ Da ist er wieder, der alte PC-Stratege. Zwar arbeite er weiter in ausgewählten EDV-Projekten, doch die Schäferei werde immer mehr zu seinem Lebensmittelpunkt: „Die großen Innovationen sind in der IT-Branche eh durch. Das Beherrschen des Feuers war der große Schritt – Kochen ist nichts besonderes mehr.“

Weltweit verkauft er seine Böcke. Die Besten gehen nicht unter 4500 Euro weg. Ein scheinbar einträgliches Geschäft. Henry Seifert kann sich ein Lächeln nicht ganz verkneifen: „Schäferei bedeutet viel Verantwortung, keine Freizeit, wenig Geld.“ Perspektivisch werde es immer weniger Schäfer, immer weniger Weiden geben. Die Zeit der großen Herden sei längst vorbei. „Was uns bleibt, ist die Nische“, sagt Seifert, der demnächst seine Prüfung zum Schäfermeister ablegt.

Kommentar: Trebsener lebt Artenvielfalt

Ein Kommentar von Haig Latchinian

In wenigen Tagen ist es soweit: Die agra 2019, das ostdeutsche Schaufenster der Tier- und Pflanzenproduktion, lädt vom 25. bis 28. April auf das Gelände der Messe Leipzig ein.

Für die wirtschaftliche Bedeutung der Fachmesse sprechen bereits die nackten Zahlen: Mit 50 450 Besuchern und 1183 Ausstellern verzeichnete das agra-Team zuletzt einen neuen Teilnehmerrekord. Kein Wunder, in Zeiten von Klimaschutz und Co. Vor ganz neuen Herausforderungen stehen auch die Forstleute. Nach dem Sturm ist vor dem Sturm.

Mit dabei in Leipzig ist Henry Seifert. Der Pächter vom Trebsener Kirschberg hat sich als Imker sowie Schäfer einen Namen gemacht. Er kommt mit seinen Bluefaced Leicester an den Stand des Sächsischen Schaf- und Ziegenzuchtverbandes. Auf den Ausstellungen möchte er die in Deutschland exotisch anmutende Schafrasse erlebbar machen.

Der 48-Jährige hebt die Arme, wenn es darum geht, die Welt zu retten. Seine Bescheidenheit ehrt ihn. Tatsächlich aber ist er ein Vorbild für nachhaltiges Wirtschaften. Viele reden, er handelt. Auf der von ihm gepachteten Streuobstwiese lebt er jeden Tag Natur pur. Bienen und Schafe ergänzten sich wunderbar, sagt er. Die Wollknäuel seien nicht nur die perfekten Rasenmäher. Sie bohrten die Pflanzensamen zudem tief ins Erdreich, auf dass es grünen und blühen möge. Zur Freude der bestäubenden Bienen, von denen der Imker jede Menge hat.

Artenvielfalt ist für den ursprünglichen Stadtmensch weder leere Worthülse noch starre Ideologie, sondern ganz unspektakulärer Alltag.

Von Haig Latchinian

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