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Grimma Werbe-Offensive der Uniklinik Leipzig stößt im Muldental auf Kritik
Region Grimma Werbe-Offensive der Uniklinik Leipzig stößt im Muldental auf Kritik
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08:55 19.06.2019
Der Geschäftsführer der Muldentalkliniken, Mike Schuffenhauer, ärgert sich über die Offensive des Universitätsklinikums Leipzig. Auf dem klinikeigenen Mitarbeiter-Parkplatz hat das UKL Zettel unter die Scheibenwischer geklemmt, um Pflegekräfte abzuwerben. Quelle: Frank Prenzel
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Grimma/Wurzen

Die offensive Abwerbung von Pflegekräften kritisiert der Geschäftsführer der Muldentalkliniken, Mike Schuffenhauer. Dass medizinisches Personal und insbesondere Pflegekräfte seit langem Mangelware sind, ist kein Geheimnis. Allerdings ärgert den Klinikchef die Dreistigkeit, mit der Mitbewerber vorgehen. „Wir waren sehr erstaunt, als wir dieser Tage unter den Scheibenwischern sämtlicher Mitarbeiter-Autos Zettel des Universitätsklinikums Leipzig vorfanden“, berichtet Schuffenhauer. Die Vorgehensweise, Personal abzuwerben, sei schon äußerst unverfroren. „Immerhin haben sich die Zettel-Verteiler auf firmeneigenem Gelände der Muldentalkliniken bewegt und damit Hausrecht verletzt.“

Mit diesem Flyer warb das Universitätsklinikums Leipzig um Mitarbeiter der Muldentalkliniken. Quelle: Frank Prenzel

Uniklinik wirbt mit Cocktails und Fingerfood

Die Steckaktion sollte Pflegekräften aus dem Muldental einen Job in der Leipziger Uniklinik schmackhaft machen. Geworben wurde für einen Kennenlerntermin „in entspannter Atmosphäre, mit Fingerfood und Cocktails“. Sogar 20 Euro „Leipzig-Entdecker-Bonus“ wollte das UKL springen lassen – bar auf die Hand und ausschließlich für Pflegepersonal aus dem Umland.

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Mike Schuffenhauer betont, dass man bislang in vielen Fachbereichen – zum Beispiel der Betreuung Neugeborener – eng mit dem Universitätsklinikum kooperiere. „Mit Partnern, mit denen man langfristig gut zusammenarbeiten möchte, geht man aber nicht so um“, zeigt sich der Geschäftsführer verwundert. „Man stelle sich vor, wir würden im Foyer der Leipziger Einrichtung Prospekte der Muldentalkliniken verteilen. So etwas tut man einfach nicht.“ Großformatige Werbung auf öffentlichen Flächen, wie sie der Helioskonzern für seine ausgesetzten Kopfprämien macht, könne man schon nicht verhindern. „Aber eine solche Abwerbung direkt vor der Haustür sollte unterbleiben.“ Schuffenhauer ist sich in diesem Punkt auch mit seinen Geschäftsführer-Kollegen in Delitzsch und Eilenburg einig. Auch die dortigen Krankenhäuser mussten ähnliche Scheibenwischer-Funde bei ihren Mitarbeitern machen. „Ich kann Ihnen versichern, auch dort war man not amused.“

Uniklinikum wollte Bewerbertag in Leipzig publik machen

Die Uniklinik Leipzig relativiert die Aktion: „Das Universitätsklinikum Leipzig hat einen Bewerbertag Pflege veranstaltet und diesen Termin auch in der Region über die Leipziger Stadtgrenzen hinaus publik gemacht. Teil des Bewerbertags war eine Erstattung der Anreisekosten für Bewerber von außerhalb in Höhe von 20 Euro. Das ist völlig üblich“, erklärte UKL-Pressesprecherin Helena Reinhardt. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Kliniken aktuell in verschiedener Weise um Pflegekräfte werben. Reinhardt: „Manche übrigens mit Plakaten direkt vor anderen Klinken, auf denen Mitarbeitern in der Pflege bei einem Wechsel eine vierstellige Prämie in Aussicht gestellt wird“, verweist Reinhardt auf die Kopfgeldprämie des Helios-Konzerns. Die Uniklinik jedenfalls habe keine böse Absicht mit der Aktion verfolgt. Reinhardt: „Da wir, wie andere Häuser auch, aktuell immer wieder Verstärkung in der Pflege suchen, möchten wir auf die Optionen in unserem Klinikum aufmerksam machen. Wir werden natürlich unsere guten medizinischen Kooperationen wie bisher fortsetzen.“

Muldentalkliniken zahlen nach Tarifvertrag öffentlicher Dienst

Dass den Muldentalklinken durch die Aktion Mitarbeiter in Scharen abhanden kommen, befürchtet Mike Schuffenhauer indes nicht: „Die Arbeitszufriedenheit bemisst sich nach Entgelt, Arbeitsinhalten und -umfeld. Hier versuchen wir – trotz aller Probleme – unseren Mitarbeitern attraktive Bedingungen zu bieten.“ So sei die Vergütung bei den Muldentalkliniken höher als in der Uniklinik. „Wir zahlen nach dem Tarifvertrag öffentlicher Dienst für Krankenhäuser“, so Schuffenhauer, „im UKL hingegen gilt ein Haustarif.“

Dennoch ist man sich in den Krankenhäusern Wurzen und Grimma und weiteren Einrichtungen der Muldentalkliniken bewusst, dass sich der Wettbewerb ums Personal noch verschärfen wird. „Schon jetzt treibt der Fachkräftemangel weitere Blüten“, berichtet der Chef. So komme es bereits vor, dass Leiharbeitsfirmen Mitarbeiter abwerben, um ihnen anschließend dieselben Mitarbeiter für teures Geld wieder anzubieten.

Von Simone Prenzel und Thomas Lieb

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