Von Connewitz in den Landkreis Leipzig: Das treibt eine Leipziger Familie aufs Land
Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Grimma Von Connewitz in den Landkreis Leipzig: Das treibt eine Stadt-Familie aufs Land
Region Grimma

Von Connewitz in den Landkreis Leipzig: Das treibt eine Leipziger Familie aufs Land

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:12 17.08.2021
Diese Riesen-Gartenbank bietet Platz für die gesamte Familie: Milena (v.l), Liesbeth, die Eltern Christian und Sindy sowie Rosalie.
Diese Riesen-Gartenbank bietet Platz für die gesamte Familie: Milena (v.l), Liesbeth, die Eltern Christian und Sindy sowie Rosalie. Quelle: Kathrin Haase
Anzeige
Groitzsch/Löbnitz-Bennewitz

„Horch doch mal“, sagte Sindy Bröcker zu ihrem Mann Christian und zupfte ihn ungläubig am Ärmel. „Was ist denn?“ „Na, nüscht.“ Es war die Stille, die ihr plötzlich bewusst wurde und die sich wie ein zartes Tuch über den Dreiseitenhof in Löbnitz-Bennewitz legte. „Die Ruhe ist man als Großstädter gar nicht mehr gewöhnt.“ An jenem Sommertag vor drei Jahren traf das Paar eine weitreichende Entscheidung.

Zu der Zeit hatten Christian Schneider-Bröcker (43) und Sindy Bröcker (42) schon länger nach bezahlbaren Häusern im Umkreis von Leipzig Ausschau gehalten. Ihre Wohnung im Stadtteil Connewitz war längst zu klein geworden für die fünfköpfige Familie, die Stadt insgesamt zu laut und die Mieten für eine größere Wohnung zu hoch. „Ursprünglich wollten wir mit Freunden ein Wohnprojekt verwirklichen“, erzählt die 42-Jährige, „aber dann haben wir die Idee wieder aus den Augen verloren.“ Der Wendepunkt kam, als Sindy Bröcker 2017 ihr Elternhaus in Freyburg (Burgenlandkreis) auflösen musste. „Das hat wehgetan und war emotional sehr anstrengend. Wir haben in dieser Zeit viel nachgedacht und uns entschieden, die Idee von eigenem Wohnraum nun ganz konkret anzugehen.“ Den Töchtern Rosalie (14), Milena (10) und Liesbeth (5) etwas Beständiges zu schaffen und den Zauber des Landlebens nahezubringen, wurde zum erklärten Ziel. Die Großstadt hatte zu sehr Geschwindigkeit aufgenommen.

Christian Schneider-Bröcker hat goldene Hände und erledigt die meisten handwerklichen Dinge auf dem Hof selber. Zeit für Kaffee und Kuchen im Garten ist aber immer. Quelle: Kathrin Haase

Eine schicksalhafte Begegnung

In der Folgezeit durchforstete die gelernte Kauffrau das Internet nach preiswerten Häusern und Höfen – und stieß auf das Angebot in Löbnitz-Bennewitz. „Ich war schon die treibende Kraft bei dieser Aktion“, lacht sie, „mein Mann hat nur gesagt: ,Schon wieder so eine alte Bude.´ Dabei haben wir genau das gesucht, wir hatten schon immer ein Faible für alte Dinge.“

Alles zum Thema Familie in Leipzig als Newsletter

Alle News zum Thema Familie in Leipzig immer donnerstags gegen 16 Uhr im E-Mail-Postfach

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Löbnitz Nummer 45 war ein Volltreffer. Die 86-jährige Eigentümerin zog das Paar von Anfang an in ihren Bann. „Sie hatte so eine positive Ausstrahlung, eine richtige Aura, dass wir gedacht haben: Wer hier lebt und so strahlt, das kann doch nicht falsch sein“, erinnert sich der Familienvater an die schicksalhafte Begegnung. Schon auf dem Nachhauseweg waren sich die jungen Eltern einig: „Wir wollen den Hof, wir machen das jetzt.“ Ein paar Tage später erhielten sie die Zusage und unterschrieben im Sommer 2018 den Kaufvertrag.

Milena liebt es, im Garten zu schaukeln oder auf dem Trampolin zu springen. Für die Kinder ist der riesige Garten das reinste Abenteuerland. Quelle: Kathrin Haase

Blick für das Besondere und rustikaler Charme

Damit nahm das Abenteuer Landleben seinen Lauf. Christian Schneider-Bröcker, ein Dorfkind aus Farnstädt bei Querfurt, der das handwerkliche Geschick seines Vaters geerbt hat, krempelt seitdem die Ärmel hoch und verleiht dem Hof seine ganz eigene Handschrift. Mit Liebe zum Detail, dem Blick für das Besondere und industriellem Charme richtet die Familie das alte Bauernhaus zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt her: 180 Quadratmeter Wohlfühlfläche, verteilt auf zwei Etagen. Parallel dazu entwickelt sich das 2600 Quadratmeter umfassende Gartengrundstück mit Schaukel und Trampolin für die Kinder zu einem einzigartigen Vogel- und Bienenparadies. „Was aus einer kleinen Tüte Wildblumenmischung alles wachsen kann“, meint Sindy Bröcker angesichts des Wildwuchses hinterm Gartenzaun.

Papa Christian nimmt seine Jüngste, Liesbeth, Huckepack. Quelle: Kathrin Haase

Baustoffe aus zweiter Hand

„Für Christian ist der Hof wie ein großer Spielplatz“, lacht seine Frau, die wie er auf ökologische und nachhaltige Bauweise setzt. Keine Folien, kein Zement, dafür Lehmsteine, Kalk, Baustoffe aus zweiter Hand. Die „neue“ alte Eichentreppe stammt aus einem Umgebindehaus in Bautzen, die Haustür, ebenfalls Eiche, haben sie für 150 Euro in Frankfurt am Main erstanden. „Wir sind große Recycler und mehr noch: Es darf alles seine Zeit haben. Ganz sicher werden uns hier die Projekte nie ausgehen. Aber diese Vorstellung erschreckt uns nicht, sondern sie ist einfach auch ein schöner Gedanke.“

Industrie-Charme: das Tor zum Garten wurde mit einem Kreissägeblatt verziert. Quelle: Kathrin Haase

Zeit zum bauen hatte der 43-Jährige in den letzten Monaten mehr als ihm lieb war. Als selbstständiger Hochzeits- und Eventfotograf blieben im Corona-Lockdown plötzlich die Aufträge aus. „Man hat zwar wenig Geld, aber dafür viel Zeit“, nimmt er den Umstand mit Humor. Parallel werkelt der Mann mit den goldenen Händen an der einstigen Scheune, dann wieder am denkmalgeschützten Fachwerkhaus, das aus der Zeit um 1750 stammt, oder er mäht Rasen im Garten. „Wir springen immer von A nach X“, lacht Christian Schneider-Bröcker, „je nachdem, welche Seite vom Hof gerade um Hilfe ruft.“

Nach und nach richtet es sich die fünfköpfige Familie im Bauernhaus gemütlich ein. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war der Einbau einer neuen Treppe. Quelle: Kathrin Haase

Fördermittel für eine Notsicherung des Giebels

Im März bekam die Familie Fördermittel für eine Notsicherung der Giebelseite, seitdem liegt der Fokus mehr auf diesem Bereich. Das denkmalgeschützte Fachwerkhaus mit Bohlenstube und den niedrigen Decken soll später einmal für Gäste hergerichtet werden. Sindy Bröcker, die als Sachbearbeiterin in einem Onlineunternehmen arbeitet, kann sich hier gut Seminare und Workshops vorstellen, mal einen Flohmarkt oder kleine Hofkonzerte in der Scheune gegenüber. „Wir möchten das alles sehr maßvoll machen, damit die dörfliche Ruhe gewahrt bleibt.“

Der Dachboden des Fachwerkhauses steckt voller Geheimnisse und Geschichten. Sindy Bröcker entdeckt immer wieder neue Details. Quelle: Kathrin Haase

Respekt vor dem, was schon lange da ist

Der Dreiseitenhof hat schon jetzt das Leben der fünfköpfigen Familie komplett verändert. „Klar, die Großstadt bietet eine unglaubliche Vielfalt an Kultur und Kneipen, aber dann sitzt du hier im Garten und merkst plötzlich, was wirklich zählt“, philosophiert der Familienvater. „Wir verstehen diesen Fleck Erde als eine große Chance und gehen entsprechend nicht mit der Walze durch den Garten, sondern haben Achtung und Respekt vor dem, was schon seit Jahrzehnten da ist, und halten es in Ehren.“ Nie im Leben hätte der 43-Jährige gedacht, dass ihm Rasenmähen im eigenen Garten einmal so viel Freude machen wird. Zaun an Zaun mit seinem neuen Nachbarn Anselm Harz, der mit seiner Familie ebenfalls von Leipzig hierher gezogen ist, gibt es immer viel zu lachen...

Von Kathrin Haase