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Grimma Wie geht’s eigentlich der Ich-AG? Ein Besuch in Naunhof
Region Grimma Wie geht’s eigentlich der Ich-AG? Ein Besuch in Naunhof
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19:36 18.09.2018
Auch Pflasterarbeiten gehören zum Betätigungsfeld des Naunhofers Uwe Jenschmischek (49). Quelle: Haig Latchinian
Naunhof

Das Wort „Ich“ kommt Uwe Jenschmischek nie über die Lippen. Wenn er überhaupt redet, dann nur in der „Wir“-Form. Er hat eine Ich-AG unter sich, ist aber weiter bekennender Einzelkämpfer – und das schon seit 2003. Damals hatte er allen Mut zusammen genommen und sich für das Existenzgründerseminar beim Arbeitsamt angemeldet. Das klingt wie Höchststrafe für einen Mann wie ihn, der nichts lieber will als zupacken. Freiwillig drückte er nochmal die Schulbank: Betriebswirtschaft, Versicherungsschutz, Steuerrecht. Böhmische Dörfer halt.

Aller Anfang ist schwer

Uwe Jenschmischek biss sich durch und war plötzlich Unternehmer. Kaufen konnte er sich dafür nichts. Aller Anfang war schwer. „Sauschwer! Wie sollten wir auf die Leute zugehen? Dienstleistungen rund ums Haus – die waren nicht wirklich gefragt. In Richtung Leipzig hatten alle langfristige Termine, da war kein Reinkommen für einen kleinen Kerl wie mich“, sagt ausgerechnet Jenschmischek, ein Kerl „wie ’n Booom“. Kurzfristig wurde der Familienrat einberufen. Wenig später war der Firmenname geboren: Jimmys Hilfsdienst. Griffig. Pfiffig. Kauf’ ich? „Noch lange nicht. Die ersten Jahre hielten wir uns mit Schrottsammlungen und Entrümpelungen über Wasser. An die Aushänge klebten wir unser eigentliches Angebot: Rasen mähen, Hecke schneiden, Bäume fällen.“ Tatsächlich, Strategie und Taktik gingen auf.

Hilfsdienst in allen Lebenslagen

Mittlerweile braucht „Jimmy“ keinerlei Werbung mehr. Seit zehn Jahren ist er gut im Geschäft, die Kunden sind zufrieden, empfehlen ihn weiter. Mund-zu-Mund-Propaganda nennt es der agile Naunhofer. Winterdienst in der kalten Jahreszeit, Gartenarbeiten in den wärmeren Monaten. Christa Zeidler, die blinde Rentnerin, lobt ihren Herrn Jenschmischek in den höchsten Tönen: „Er ist absolut zuverlässig, kehrt die Straße, schippt den Schnee – wir kommen wunderbar miteinander aus.“ Nach dem Tod ihres Ehemannes war Christa Zeidler schnell klar, in Haus und Hof nicht mehr alles selber leisten zu können: „Da wurde mir Jimmys Hilfsdienst empfohlen. Herr Jenschmischek redet zwar nicht so gern, was für einen Blinden durchaus ein Problem ist. Dafür arbeitet er umso fleißiger. Nein, Jimmy ist gewiss kein Volkstribun, aber ein tatkräftiger Helfer und immer bescheiden. Ich möchte ihn nicht missen.“

Echte Alternative bei 20 Prozent Arbeitslosigkeit

Volkmar Beier, Sprecher der Agentur für Arbeit Oschatz. Quelle: Agentur

Volkmar Beier, Sprecher der Oschatzer Agentur für Arbeit, zu der seit 1996 das Muldental und ab 2013 auch die Region Borna/Geithain gehören, freut sich über solche Erfolge. „Man muss sich klar machen: Zu der Zeit, als sich Herr Jenschmischek selbstständig machte, hatten wir im Gebiet des heutigen Landkreises Leipzig eine Arbeitslosenquote von über 20 Prozent. Allein 2005 waren 28 000 Menschen ohne Job.“ Zum Vergleich: Aktuell seien es rund 7000 (5,3 Prozent). Da sich die Arbeitslosigkeit auch bundesweit auf Rekordniveau befand, habe der Staat reagieren müssen, so Beier. Die Ich-AG sei eines der Instrumente gewesen, um Arbeitslosen den Einstieg in die Selbstständigkeit zu erleichtern. Bei aller Kritik, die es damals gab, sei die Ich-AG kein Flop gewesen: „Sondern eine Hilfe, die in die Zeit gepasst und Menschen voran gebracht hat und die vom Gesetzgeber weiterentwickelt wurde.“

Unwort des Jahres 2002

Das Wort Ich-AG wurde in Deutschland 2002 zum Unwort des Jahres gekürt. Die Jury Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres ging in ihrer Urteilsbegründung davon aus, dass der Wortbestandteil AG als Abkürzung für Aktiengesellschaft stehe. Da aber ein Individuum keine Aktiengesellschaft sein könne, sei die Wortschöpfung nicht nur lächerlich unlogisch, sondern stufe menschliche Schicksale auf ein sprachliches Börsenniveau herab. Selbst als ironisches Bild sei das Wort nicht hinzunehmen, da sich die Arbeitslosigkeit nach Ansicht der Jury mit solcher Art von Humor kaum vertrage. Ich-AG rede einen schwierigen sozialen und sozialpolitischen Sachverhalt mit sprachlicher Kosmetik schön.

Die Ich-AG war Bestandteil des zweiten Pakets der Hartz-Gesetzgebung (Hartz II). Staatliche Zuschüsse gab es von Januar 2003 bis Juni 2006. Die Förderdauer betrug maximal drei Jahre: 600 Euro im ersten Jahr, 360 Euro im zweiten und 240 im dritten. Offizielle Statistiken über dauerhaft erfolgreiche Ich-AG im Landkreis Leipzig sind nicht verfügbar. Nach LVZ-Recherchen wurden im ehemaligen Muldentalkreis in den dreieinhalb Jahren rund 1100 Existenzgründer über Ich-AG gefördert, im selben Zeitraum meldeten sich etwa 300 von ihnen wieder ab. Die Gründe hierfür können sehr unterschiedlich sein, müssen nicht zwangsläufig auf ein gescheitertes Projekt hindeuten.

50 Prozent der Abbrecher wieder arbeitslos

Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) waren im Dezember 2004 bundesweit noch mehr als 80 Prozent der bis dahin gegründeten Ich-AG am Markt. Das IAB analysierte in der Studie gleichzeitig die Abbrecher. Etwa 50 Prozent der Jungunternehmer, die mit der Ich-AG keinen Erfolg hatten, wurden danach wieder arbeitslos. Immerhin begann für weitere 34 Prozent nach der gescheiterten eigenen Existenz wieder eine sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmertätigkeit.

Nach der Wende war Schluss

Mit seiner Existenzgründung endete für Uwe Jenschmischek eine Zeit des Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Nach der zehnten Klasse ging der gelernte Agrotechniker zunächst zur Armee. Anschließend ackerte er für die Beiersdorfer LPG. Nach der Wende wurde ausgesiebt: „Ich fiel durchs Raster“, erinnert sich Jimmy. Fast zehn Jahre arbeitete er bei einer Abrissfirma. Als es eine Flaute gab, wurde er arbeitslos. Er schulte zum Klempner um, den zu der Zeit niemand brauchte. Dann das Angebot: Existenzgründung, Ich-AG.

Gründungszuschuss

Ab 1. Juli 2006 ist der sogenannte Gründungszuschuss als Kannleistung aus Existenzgründungszuschuss (Ich-AG) und dem Überbrückungsgeld als neue einheitliche Zahlung hervorgegangen. Der Gründungszuschuss wird in zwei Phasen geleistet. Für sechs Monate wird der Zuschuss in Höhe des zuletzt bezogenen Arbeitslosengeldes zur Sicherung des Lebensunterhalts und monatlich 300 Euro zur sozialen Absicherung gewährt. Für weitere neun Monate können 300 Euro pro Monat zur sozialen Absicherung geleistet werden, wenn eine intensive Geschäftstätigkeit und hauptberufliche unternehmerische Aktivitäten dargelegt werden. Förderfähig sind Personen, die noch mindestens einen Anspruch von 150 Tagen auf Arbeitslosengeld I haben.

Aber wieso Jimmys Hilfsdienst? „Jimmy war früher mein Spitzname“, lacht der dreifache Familienvater. So er da sein sollte, hilft Sohn Maik bei manchem Auftrag. Der 23-Jährige studiert Elektrotechnik. Anfangs unterstützte auch Ehefrau Heike die Ein-Mann-Firma ihres Gatten. Sie arbeitet als Reinigungskraft im Krankenhaus und ist sichtlich stolz auf ihren Uwe: „Er arbeitet die ganze Woche durch – von Montag bis Sonnabend, nicht selten mehr als acht Stunden. Seine Auftraggeber vertrauen ihm blind, geben praktisch nur den Schlüssel raus. Noch nie ist einer von Uwes Stammkunden abgesprungen.“ Die Familie profitiert von den gut gefüllten Auftragsbüchern des Oberhaupts, baute sich inzwischen ein eigenes Häuschen aus.

Kredite kommen nicht in Frage

Uwe Jenschmischek würde es immer wieder so machen: „Natürlich darfst du kein Feigling sein. Das Risiko war schon riesig. Klar, der Staat hat uns unterstützt, trotzdem springst du ins eiskalte Wasser. Krankenkasse, Werkzeuge, Maschinen – alles bezahlst du mit einem Schlag aus der eigenen Tasche. Größere Geräte mieten wir, Kredite kommen nicht in Frage.“ Seit zehn Jahren reinigt er Treppenaufgänge und Fensterscheiben der AWG-Wohnblöcke in der Klingaer Straße. Er verlegt Holzfußböden, baut Zäune, legt Teiche an und ist sich nicht zu schade, selbst die Toilette zu reparieren. „Wir würden nie behaupten, dass wir alles können“, sagt Jimmy. Wir, das ist er. Als ein Kunde anfragte, ob er auch pflastern würde, las Uwe Jenschmischek in Fachzeitschriften und sah sich Videos im Internet an. Bis er es konnte ...

Bei Ausfall schlägt die Konkurrenz zu

Vielleicht besteht das Erfolgsrezept seiner Ich-AG darin, dass sich Jimmy zerteilen kann und deshalb immer von „Wir“ redet. Jede Woche, jeder Schritt, jede Tour ist genau geplant. „Wir organisieren alles so, dass wir keine Leerfahrten haben. Beim Rückweg vom Kunden besorgen wir meist schon das Material für den nächsten Auftrag.“ Selbst und ständig. Für den Allrounder kein Grund zu stöhnen. „Solange wir gesund sind, ist alles gut. Aber: Ein Beinbruch und schon wird’s eng. Wir können eben nicht zum Meister rennen und sagen, wir sind krank geschrieben. Wir dürfen nicht ausfallen, andernfalls gehen die Kunden zur Konkurrenz.“ Deshalb achtet der Hausmeister auch in der Freizeit auf sich. Um die Knochen, sein Handwerkszeug, zu schonen, meidet er wie die Primaballerina jedwede Gefahr: „Ich gehe angeln, das ist sicher, es gibt kaum noch Wasser und Fische sowieso nicht mehr.“

Von Haig Latchinian

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