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Markkleeberg „Für die Leipziger sind wir hier draußen Landeier“
Region Markkleeberg „Für die Leipziger sind wir hier draußen Landeier“
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07:00 08.11.2016
Handwerkstradition in vierter und fünfter Generation: Matthias, Jochen und Thomas Forßbohm (v. l.) am Firmensitz im Gewerbegebiet Wachau. Quelle: André Kempner
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Markkleeberg

Nach dem 3 zu 1 gegen Mainz ist am Montagmorgen auch in der Baufirma Forßbohm & Söhne im Gewerbegebiet Wachau die furiose Siegesserie von Bundesligist RB Leipzig das Thema beim Kaffee. Der Stolz ist hier vielleicht noch ein bisschen größer als anderswo: Denn die Forßbohms arbeiten ein Stück weit mit am Erfolg der Aufsteiger.

„Wir sind Leipziger. Klar freuen wir uns über jedes Tor. Und schließlich haben wir 2002 nach der Holzmann-Pleite das Stadion fertiggebaut“, sagt Senior Jochen Forßbohm, der gerade erst seinen 75. Geburtstag gefeiert hat. Seine Söhne, Diplom-Bauingenieur Thomas (50) und Restaurator und Maurermeister Matthias (47), führen das Unternehmen in fünfter Generation, haben das Geschäft inzwischen breiter aufgestellt. Neben der denkmalgerechten Sanierung, für die die Firma schon mehrere Preise erhalten hat, gehören heute Serviceleistungen für RB und DHL zur Angebotspalette.

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„Wenn im Stadion der Rasen gewechselt werden muss, organisieren wir das. Als vor dem Dortmund-Spiel kurzfristig Recaro-Sportsitze auf die Trainerbank sollten, haben wir das übernommen. Und wir haben auch den neuen 90-Kubikmeter-Wasserspeicher eingebaut“, sagt Thomas Forßbohm. Er ist Leipziger mit Herz und Seele – wie alle Forßbohms.

„Als wir 1994 nach Wachau gezogen sind, hieß es noch Markkleeberg wird bald eingemeindet“, erinnert sich Jochen Forßbohm. Sie hätten keine Wahl gehabt, sagt Sohn Matthias: „Leipzig hat sich erst ab Mitte der Neunziger um Gewerbegebiete gekümmert. Da waren die Umlandgemeinden schneller.“ In Wachau fühlten sie sich sehr gut aufgehoben, betont Thomas Forßbohm. „Das ist eines der best organisierten Gewerbegebiete. Nur für die Leipziger sind wir hier draußen Landeier“, ärgert er sich.

Dabei verkörpern Forßbohms 138 Jahre Leipziger Bautradition. Ururgroßvater Bernhard Möbius gründete 1878 das Bauunternehmen, hinterließ unter anderem mit der Commerzbank gegenüber der Thomaskirche und am Hauptbahnhof seine Spuren. 1903 trat Schwiegersohn Max Forßbohm in die Fußstapfen. Nach seinem Tod 1933 übernahm Sohn Gerhard und führte die Geschäfte bis 1978. Um die limitierte Beschäftigtenzahl zu umgehen, machte sich Jochen Forßbohm 1968 als Maurermeister selbstständig.

„Den Gewerbeschein habe ich nur bekommen, weil die dringend Leute brauchten, die Schornsteine reparieren konnten“, erzählt der Senior. Nach der Wende gründete er 1991 die GmbH, nutzte den Bauboom und kämpfte wie viele andere mit Außenständen.

Schwerpunkt von Forßbohm & Söhne ist die denkmalgerechte Altbausanierung. Dafür stehen der Glockenturm des Zentralstadions, der Gartenpavillon in der Blumenstraße, der Straßenbahnhof Wittenberger Straße, die Henriette-Goldschmidt-Kita und die Störmthaler Kirche. „Wir profitieren vom Erfahrungsschatz und unserem Mitarbeiterstamm“, sagt Thomas Forßbohm. 20 Angestellte und drei Azubis – seit 1990 wurden 75 ausgebildet – beschäftigt die Firma aktuell. „An Aufträgen mangelt es nicht, wie überall im Handwerk“, weiß Matthias Forßbohm, stellvertretender Obermeister der Bauinnung, „im Grunde haben wir eher ein Luxusproblem. Bei unseren Bestandskunden ist so viel zu tun, dass wir gar nicht mehr zu Neubauten kommen.“

Zwei Drittel der Aufträge würden bei ihnen noch heute per Handschlag gemacht. Am liebsten arbeiteten sie mit Architekten, privaten Bauherren und ortsansässigen Fachgewerken. „Man kennt sich und weiß, wer die Schmutzbuckel in der Stadt sind“, sagt Thomas Forßbohm schmunzelnd. Anders als in den Neunzigern müsse Forßbohm & Söhne nicht mehr alles machen. „Wir können uns unsere Kunden aussuchen. Aber man darf die Nase auch nicht zu hoch tragen. Die Auftragslage kann sich auch mal wieder ändern“, mahnt Thomas Forßbohm.

Von Ulrike Witt