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Markkleeberg Sechs Firmen im Landkreis gehen neue Wege in der Ausbildung
Region Markkleeberg Sechs Firmen im Landkreis gehen neue Wege in der Ausbildung
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09:00 11.09.2019
Tony Brauße (19) hat im FALL-Verbund gelernt - und fand das gut. Quelle: Claudia Carell
Groitzsch/Großstolpen

Tony Brauße steigt auf den Traktor und lächelt. Der 19-Jährige arbeitet auf einem Feld bei Neukieritzsch für seinen Betrieb, die Agross e.G. in Großstolpen. Das hier ist genau sein Ding: „Ich wollte nie was anderes machen.“ Sein Vater und Onkel haben einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb bei Markranstädt. Schon als Junge saß Tony mit auf Traktor oder Radlader, half beim Melken und bei der Ernte. „Man ist den ganzen Tag an der frischen Luft und dieser Beruf ist so abwechslungsreich“, sagt er. „Pflanzen, Tiere und es gibt ’ne Menge Technik.“

2017 und 2018 keine einzige Bewerbung für Agross

Diese Begeisterung wünscht sich sein Chef Lars Hartung von mehr jungen Leuten. Die Zahl der Bewerbungen sei überschaubar. 2017 und 2018 gab es keine einzige. Ansonsten stellt er pro Jahr meist zwei Azubis ein. „Für unseren Beruf braucht man eine wichtige Voraussetzung“, sagt er. Das seien nicht unbedingt Schulnoten, sondern „die Freude an der Sache“. Gut sei, wenn Eltern oder andere Verwandte etwas mit Landwirtschaft zu tun hatten und der Jugendliche „vorbelastet“ ist. „Tony war der perfekte Bewerber“, meint er.

Ausbildungsleiter Sebastian Mahler (l.) bei der Agrargenossenschaft Kohrener Land mit Feldbauleiter Heiko Harzendorf, Azubi Loris Heubner und Jungfacharbeiterin Moreen Donath. Quelle: Jens Paul Taubert

Nun hat der junge Mann nach drei Jahren ausgelernt und ist Landwirt. Zwei Jahre davon erlebte er den Fachkräftesicherungs- und Ausbildungsverbund Leipziger Land (FALL). Der Großstolpener Betrieb ist eines der sechs Unternehmen, die sich in diesem Verbund 2017 zusammengeschlossen haben – um ihre Azubis besser auszubilden.

Was ist FALL?

– Die Abkürzung FALL steht für Fachkräftesicherungs- und Ausbildungsverbund Leipziger Land. Daran sind sechs landwirtschaftliche Betriebe beteiligt: Agrarproduktion Elsteraue GmbH & Co. KG in Zwenkau als Trägerbetrieb des Projektes sowie Agrarprodukte Kitzen e. G., Agrar und Beteiligungsunternehmen Agross e.G. in Großstolpen, Wachauer Agrar und Transport GmbH, Saat-Gut Plaußig Voges KG und Agrargenossenschaft Kohrener Land in Kohren-Sahlis.

– FALL wurde 2017 gegründet. Den Betrieben geht es um „fachliche Kompetenz durch betriebliche Vielfalt“. Dabei können sich die Lehrlinge in verschiedenen Betrieben weiterbilden und sind somit vielfältig ausgebildet.

– Ein weiterer Schwerpunkt ist soziale Kompetenz. Da die Lehrlinge in unterschiedlichen Unternehmen arbeiten, lernen sie verschiedene Strukturen vom Familien- bis zum Großbetrieb kennen.

– Wesentlich für das Projekt ist die Öffentlichkeitsarbeit und Werbung für die „Grünen Berufe“.

„Der Grundgedanke ist: Landwirtschaft ist so vielfältig – ein Betrieb allein kann dies schwer vermitteln“, sagt Hartung. Sein Unternehmen hat 480 Milchkühe mit der entsprechenden Nachzucht und Pflanzenproduktion. Damit die Lehrlinge noch mehr Facetten der Landwirtschaft kennenlernen können, sei es sinnvoll, wenn sie für einige Zeit in andere Betriebe gehen, zum Beispiel in die Agrarproduktion Elsteraue in Zwenkau oder Saat-Gut Plaußig, „um dort andere Verfahrenstechniken erlernen zu können“. Viele Lehrgänge, die mit Milchviehhaltung zusammenhängen, finden für alle 18 Lehrlinge der sechs Firmen in der Milchviehanlage in Wischstauden der Agross e.G. statt.

Kerngedanke des Projektes ist Austausch

Dank des Verbundes würden die Lehrlinge besser betreut, „im Tagesgeschäft bleibt sonst oft zu wenig Zeit dafür“. Ausbildungsleiter Sebastian Mahler schult sowohl in Theorie wie Praxis. Ein Kerngedanke des Projektes ist zudem der Austausch. Die Lehrlinge sind jeweils vier Wochen in den anderen Unternehmen.

Tony Brauße fand das gut: „Man kriegt was Neues zu sehen. In Zwenkau habe ich gepflügt und mit in der Werkstatt gearbeitet. Dort gibt es wieder ganz andere Technik als bei uns hier. In Plaußig war ich bei der Rübenernte dabei und habe Getreide gefahren. Auch über Pflanzenschutz hab’ ich dort viel gelernt.“

Tony Brauße (19) hat im Ausbildungsverbund gelernt. Er will jetzt studieren. Quelle: Claudia Carell

Umdenken in der Ausbildung notwendig

Sein Chef hält ein Umdenken in der Ausbildung für notwendig: „Wir haben nicht mehr so viele Azubis. Sie müssen sehr viel können und wissen und wir müssen sie intensiver einsetzen.“ Die Maschinen seien teuer, da dürfe kein Bedienungsfehler passieren. Das Fachwissen sei wie schon vor Hunderten Jahren notwendig. Wenn eine Kuh kalbt, müsse man wissen, was zu tun ist, „sonst sterben Kuh und Kalb“. Oder wenn mit dem Euter beim Melken etwas nicht in Ordnung ist, müsse der Land- oder Tierwirt eben sicher entscheiden können, ob er den Tierarzt informieren muss oder nicht.

Der Flyer des Ausbildungsverbundes mit Logo. Quelle: Claudia Carell

Knapp 30 vorrangig junge Mitarbeiter hat das Agrar- und Beteiligungsunternehmen Agross in Großstolpen. „Wir müssen aber trotzdem ausbilden“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Nicht jeder würde heutzutage sein Leben lang in der Landwirtschaft bleiben. Denn: „Im Sommer gibt es keinen Urlaub und die Arbeitszeiten sind oft nicht optimal.“

Studium statt Überstunden abfeiern

Für den 33-Jährigen ist es dennoch der Traumjob. Es fasziniere ihn nach wie vor, wie in dieser Branche jahrhundertealte Verfahrensweisen in Ackerbau und Viehzucht mit moderner Technik zusammenfinden, wie aus dem kleinen Korn Getreide entsteht, wie der Spagat zwischen Nachhaltigkeit und Gewinn gemeistert werden kann, obwohl er immer eine Herausforderung sei. Es gibt Tage, da hat er vormittags auf dem Acker zu tun und verhandelt nachmittags in seinem Büro mit Banken oder Versicherungen. Welcher Job könne solch eine Abwechslung bieten?

Sein junger Mitarbeiter teilt diese Faszination. Für ihn ist mit der Ausbildung zum Landwirt noch nicht Schluss. „Ich werde an der Fachschule Roda studieren und möchte staatlich geprüfter Agrarfachwirt werden“, sagt Tony Brauße. Nicht hauptamtlich: Er wird im Winterhalbjahr studieren, wenn eigentlich die Überstunden abgefeiert werden. Im Sommer will er in den Stall oder aufs Feld.

Interview

Lehrlinge umfassender ausbilden und mit mehr Erfahrung ausstatten – darum geht es bei FALL. Ausbildungsleiter Sebastian Mahler spricht im Interview über das Projekt. Der 36-Jährige hat in der Landwirtschaft gelernt, Agrarwissenschaften studiert, als Produktionsleiter und Ausbilder gearbeitet. Seit zwei Jahren betreut er den Ausbildungsverbund Leipziger Land.

Frage: Welche Vorteile sehen Sie in diesem Ausbildungsverbund?

Sebastian Mahler: Die Landwirtschaft ist immens vielfältig. Ein Ausbildungsbetrieb kann die komplette Bandbreite niemals abdecken. Da wir sechs Betriebe haben, in denen die Lehrlinge lernen, wird die Ausbildung umfassender. Das ist ein Vorteil für die Azubis – und auch für die Betriebe.

Wie funktioniert der „Austausch“ konkret?

Wir haben in unseren sechs Unternehmen derzeit 18 Lehrlinge in drei verschiedenen Ausbildungsberufen. Das sind Landwirt, Tierwirt und Fachkraft Agrarservice. Sie sind die meiste Zeit in „ihrem“ Betrieb, jedoch für jeweils vier Wochen in den anderen fünf Firmen. So erhalten sie mehr Wissen, Erfahrung und es stärkt auch die soziale Kompetenz. Sie lernen andere Unternehmensstrukturen kennen, müssen sich in ein neues Team einarbeiten, vergrößern ihr persönliches Netzwerk.

Finden die Azubis das gut?

Naja, es gibt zu Beginn oft Berührungsängste. In ihrem Betrieb kennen sie die Abläufe und alle Mitarbeiter – und nun sollen sie sich neu einarbeiten. Aber das gibt sich meist schon nach den ersten Tagen. Ich bin zur Einarbeitung immer mit vor Ort, das klappt gut.

Es gibt auch gemeinsame Weiterbildungen?

Ja, neben der Berufsschule haben wir Lehrunterweisungen, bei denen wir die Auszubildenden in der Gruppe unterrichten, auch an unterschiedlichen Standorten. Wenn es zum Beispiel um die Bodenkunde geht, bietet sich Plaußig als reiner Ackerbaubetrieb an.

Das Projekt gibt es seit 2017 – ist die Verbundausbildung neu?

Nein, das gibt es schon eine ganze Weile. Das Problem ist ja, die Betriebe haben oft weder Zeit noch Kraft, sich umfassend um die Lehrlinge zu kümmern. So leid es mir tut, es läuft eben oft nebenbei. Aber man muss sich fragen: Was ist mir eine gute Fachkraft wert? In der Verbundausbildung wird Geld in die Hand genommen.

Wie finanziert sich das Projekt?

Wir erhalten Fördermittel von der Sächsischen Aufbaubank (SAB) und vom Landkreis Leipzig. Zusätzlich zahlt jeder der sechs Betriebe einen Anteil.

Wie sind die Jobchancen nach der Ausbildung?

Arbeitslosigkeit ist bei den grünen Berufen kein Thema. Wenn der Ausbildungsbetrieb keine freie Stelle hat, bietet sich oft schon eine Möglichkeit in einem der Unternehmen des Verbundes.

Von Claudia Carell

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