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Markranstädt Lowis: „Wir brauchen einen Masterplan Energiewende“
Region Markranstädt Lowis: „Wir brauchen einen Masterplan Energiewende“
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16:26 23.11.2019
Windräder und ein Strommasten sind Symbole der Energiewende in Deutschland. Viele Beteiligte und Fachleute werfen der Bundesregierung eine Fehlplanung vor. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Leipzig

Die Energiewende in Deutschland ist nicht mehr zu stoppen. Aber EnviaM-Chef Stephan Lowis warnt vor größer werdenden Lücken bei der gesicherten Leistung.

Herr Lowis, wie hoch ist der Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien in Ihrem Netzgebiet?

Rein rechnerisch können wir in unserem Netzgebiet 100 Prozent der Nachfrage aus erneuerbaren Energien befriedigen. Das ist natürlich regional unterschiedlich. In Brandenburg ist es das Dreifache, in Sachsen liegt es unter den 100 Prozent, in Sachsen-Anhalt und Thüringen darüber.

Sie setzen bei der Eigenerzeugung aus erneuerbaren Energien vor allem auf Windkraft?

Ja, aber auch auf Solarkraft. Insgesamt betreiben wir in Ostdeutschland an rund 60 Standorten Strom- und Wärmeerzeugung aus erneuerbaren Energien.

Sie bauen bei den Erneuerbaren weiter aus?

Wir planen gerade im brandenburgischen Woschkow den Bau von zwei neuen Windkraftanlagen. Dabei handelt es sich um ein Repowering-Projekt. In Sachsen haben wir aktuell elf Photovoltaik-Anlagen, drei Windparks, dreizehn Wasserkraftanlagen und drei Bioenergieanlagen. Im laufenden Jahr ist die Errichtung von zwei weiteren Photovoltaikanlagen in Reichenbach und Zwönitz vorgesehen.

Stephan Lowis (50) ist Vorstandsvorsitzender von EnviaM. Der größte ostdeutsche Energieversorger kam im vorigen Jahr mit seinen 3350 Mitarbeitern auf einen Umsatz von 3,1 Milliarden Euro. Andre Kempner

Da Sie keine Kohlekraftwerke haben, können Sie sich also beim Ausstieg aus der Kohle, der bis 2038 erfolgen soll, gelassen zurücklehnen?

Ja und nein. Da wir in der Tat keine Kohlekraftwerke haben, sind wir im engeren Sinne nicht betroffen. Aber nein deshalb, weil wir auch Netzbetreiber sind. Das bedeutet: All das, was an gesicherter Leistung aus Kohlekraftwerken abgeschaltet wird, fehlt in unserem Netz. Oben drauf kommt: Stand heute gibt es keinen Plan, wie diese gesicherte Leistung ersetzt wird.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bringt hier Gaskraftwerke ins Spiel.

In der Energiebranche spricht keiner vom Bau eines Gaskraftwerks. Die Marktlage erlaubt es nicht, ein solches Kraftwerk zu errichten. Sie müssten es 40 Jahre lang so betreiben können, dass es sich rechnet. Aber diese Sicherheit ist nicht vorhanden. In den vergangenen 15 Jahren sind die Strompreise an der Börse zwischen 20 Euro je Megawattstunde und 100 Euro geschwankt. Nötig ist aber ein Preis von deutlich jenseits der 40 Euro, um ein neues Gaskraftwerk effizient zu betreiben.

Also geht uns bald der Strom aus?

Im Moment gibt es keinen Plan, wie wegfallende Kraftwerke ersetzt werden sollen. Wenn das Gaskraftwerke tun sollen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern. Sprich: Neben den Strompreisen sind weitere finanzielle Anreize für den Betrieb von Gaskraftwerken erforderlich. Heute sehen wir in der gesicherten Leistung Lücken, die immer größer werden, und es gibt niemanden, der sie füllt. Diese Lücken entstehen nicht erst 2035, sondern schon 2022, denn da schalten wir in Deutschland die restlichen Kernenergieanlagen ab.

Also?

Wir brauchen kein Stückwerk, keine kleinen Schritte, sondern einen Masterplan Energiewende. Er sollte die Netze umfassen, festlegen, welche gesicherten Erzeugungsanlagen nötig sind, die Ersatztechnologien benennen, die wir uns leisten können und auch vorschlagen, wie das infrastrukturell umgesetzt wird.

Da sprechen Sie das Problem der langen Genehmigungsverfahren an.

Wenn wir heute Netze bauen, dauert es Jahre, bis wir die gesamten Genehmigungen beisammen haben. Wenn wir jetzt die Entscheidung treffen würden, ein Gaskraftwerk zu errichten, würden wir ebenfalls mehrere Jahre benötigen, um alle Genehmigungen zu erhalten. Dann sind aber noch keine Bestellungen ausgelöst. Entsprechend lange zieht sich die Umsetzung hin.

Aber die Zeit ist nicht vorhanden.

Danke, Sie sagen es. Die Zeit ist wirklich knapp. Unsere Netzkollegen sind durchaus nervös. Denn wir sehen heute schon deutliche Frequenzschwankungen. Diese können im schlimmsten Fall zu regionalen Blackouts führen. Mit der nicht auszuschließenden Folge, dass für Millisekunden die Produktion aussetzen würde. Das ist nicht unproblematisch für die Industrie.

Das alles führt zur Schlussfolgerung, dass die Energiewende in der Umsetzung eher gescheitert ist?

Gescheitert ist sie nicht. Aber wir brauchen eine andere, höhere Geschwindigkeit bei der Umsetzung. Wir müssen jetzt rasch die nächsten Schritte gehen. Dazu gehören vor allem der Netzausbau und die Kopplung des Stromsektors mit dem Wärme- und Verkehrssektor. Hierbei sind wir noch nicht konsequent genug. Die Stromwende ist kein großes Problem mehr. Aber der Klimaschutz hört da nicht auf. Wir müssen uns verstärkt der Wärme- und Verkehrswende widmen. Ohne diese zwei Bereiche werden wir die CO2-Neutralität nicht schaffen.

Der Ausbau der Stromautobahnen kommt auch nur schleppend voran.

Richtig. Die Übertragungsnetze sind ein Teil des Problems. Aber die Energiewende findet vor allem de-zentral statt, in den Verteilnetzen. Allein in unserem Netzgebiet speisen rund 45 000 Anlagen ihren Strom aus erneuerbaren Energien in unsere Netze ein. Dazu benötigen wir künftig eine ganz andere Form der Bewirtschaftung. Wir müssen es schaffen, diese Masse von Anlagen dezentral und automatisch im Netz zu steuern.

Der Ausbau der Windenergie ist im ersten Halbjahr fast zum Erliegen gekommen. Die Proteste nehmen zu, etwa wenn für neue Anlagen Waldflächen verschwinden sollen, was nicht im Sinne der Ökologie ist.

Das ist in der Tat ein Zielkonflikt, der zu entscheiden ist. Der Zielkonflikt in der Energiewende ist Versorgungssicherheit versus Bezahlbarkeit versus Klimaschutz. Wenn wir das Klima schützen wollen, wird es Probleme mit der Bezahlbarkeit geben, denn das ist nicht zum Nulltarif zu haben. Ohne Versorgungssicherheit leiden wir als Industriestandort. Am Ende werden wir nicht jeden Wunsch erfüllen können. Der Ausbau der Infrastruktur für die Energiewende tut an der ein oder anderen Stelle weh. Das ist bei einer Bahnstrecke so, bei einer Autobahn, bei einem Windrad. Diese Ehrlichkeit gehört dazu. Um den Betroffenen entgegenzukommen, sind Lösungen wie die Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg der Windparks vor ihrer Haustür denkbar.

Statt auf Freileitungen wird vermehrt auf Erdverkabelung gesetzt.

Aber das erfolgt nicht umsonst. Erdverkabelung kostet ein Vielfaches.

Deutschland hat für Unternehmen wie Privatkunden europaweit mit die höchsten Strompreise. Droht die Gefahr, dass die Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit verliert?

Die Gefahr besteht. Wenn wir die Strompreise weiter mit Steuern, Abgaben und Umlagen belasten, wird die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen eingeschränkt. Ein internationaler Chemiekonzern kann entscheiden, ob er das nächste Werk hier baut, in den USA, in Russland oder in China. Die Konsequenzen sind häufig nicht sofort spürbar, es handelt sich um einen schleichenden Prozess.

Da ist der Staat gefordert?

Ein Stück weit schon. Aber auch wir als Energieversorger sind gefordert, unseren Beitrag zu leisten, etwa indem wir unsere Prozesse durch Digitalisierung weiter verschlanken. Damit sparen wir jedoch nur einen Bruchteil dessen ein, was als Steuern, Abgaben und Umlagen auf dem Strompreis liegt. Sie belaufen sich bei einem Privatkunden im Durchschnitt auf rund 50 Prozent.

Schafft die Bundesrepublik das Ziel, dass 65 Prozent der Stromerzeugung bis 2030 aus erneuerbaren Energien kommen soll?

Ich bin skeptisch. Wir haben noch Zeit, das zu ändern, müssen es aber auch in Angriff nehmen. Wir brauchen die gesamthafte Sicht auf das Thema. Energiewirtschaft ist komplex. Da kann man sich nicht nur einen Teil wie die Erzeugung anschauen, sondern muss zum Beispiel auch berücksichtigen, welche Auswirkungen dies auf die Netze hat.

Von Ulrich Milde / Ulrich Langer

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