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Markranstädt Landkreis Leipzig: Ein Jahr nach Sturm Friederike
Region Markranstädt Landkreis Leipzig: Ein Jahr nach Sturm Friederike
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10:00 18.01.2019
Auch im Thümmlitzwald gab es massive Schäden. Im hiesigen Forstamtsbezirk waren es 400 Hektar sturmbedingte Kahlflächen. Quelle: Archiv
Landkreis Leipzig

Unwetterwarnungen wegen Orkanböen gibt es ja hin und wieder mal. Meistens wird es dann gar nicht so schlimm. Was diesen Warnungen aber am 18. Januar 2018 folgte, wird so mancher im Landkreis Leipzig nicht vergessen.

Enorme Schäden: Bäume stürzten in Massen um, Straßen waren unpassierbar, Ziegel flogen von den Dächern. Die Stromversorgung brach zusammen, 27.000 Haushalte waren ohne Licht. Die Bornaer Klinik schaltete das Notstromaggregat an. Züge fuhren nicht mehr. Schulen schickten die Kinder nach Hause, Banken schlossen zeitiger. In Regis-Breitingen hatte der Orkan nahezu das komplette Dach eines Einkaufsmarktes abgedeckt.

Tausende Anrufe gingen während Friederike ein

Die Feuerwehr war ab Nachmittag bis tief in die Nacht im stressigen Dauereinsatz. Die Rettungsleitstelle – verantwortlich für die Stadt Leipzig sowie die Landkreise Nordsachsen und Leipzig – war überfordert, weil in der gesamten Region der Sturm tobte und Tausende Anrufe eingingen. Viele Kommunen übernahmen das Krisenmanagement deshalb vor Ort selbst.

Aufräumen nach dem Sturm

Nach dem Sturmtief "Friederike" haben die Aufräumarbeiten begonnen http://go.lvz.de/2tr

Gepostet von LVZ Leipziger Volkszeitung am Freitag, 19. Januar 2018

Ein Bagger räumt Dachtrümmerteile des Einkaufsmarktes in Regis-Breitingen vom benachbarten Grundstück. Quelle: Olaf Krenz

Kommunen organisierten den Katastrophenfall:
Zum Beispiel in Grimma. „Bei uns arbeiteten Stadt und Feuerwehr Hand in Hand. Wir sind schon krisenerprobt durchs Hochwasser“, sagte Oberbürgermeister Matthias Berger.

Nach wie vor sei er ein Gegner dieser großen Rettungsleitstelle: „Die Zusammenlegung war sinnlos. Man wollte Kosten sparen, aber am Ende ist alles teurer und komplizierter geworden. Doch wir müssen jetzt das Beste daraus machen.“ Bei einem Sturm dieser Art wäre allerdings auch eine kleinere Rettungsleitstelle überlastet gewesen.

Wälder sollen bei großen Sturmwarnungen gesperrt werden

Die Schäden seien auch in Grimma enorm, in Ortschaften, aber vor allem in den Wäldern. Was seine Kommune nach Friederike anders machen will: Die Hauptachsen durch die Wälder sollen bei großen Sturmwarnungen gesperrt werden, auch um Feuerwehrleute zu schützen. „Es kann nicht sein, dass unsere Kameraden Leute freischneiden müssen, nur weil sie so verrückt waren, mit dem Auto bei solch einem Sturm durch den Wald zu fahren“, meint Berger.

Das Dach einer Tankstelle in der Leipziger Straße in Grimma wurde vom Sturm beschädigt. Die Feuerwehr musste Teile sichern. Quelle: Frank Schmidt

Überlastung bei Alarmierung: Bei der Alarmierung gab es Fehler und Probleme, sagt David Zühlke, Chef des Kreisfeuerwehrverbandes. „Man muss aber dazu sagen, dass es sich um eine Flächenlage handelte, das heißt, eine große Region war betroffen. Solch ein Ereignis hatten wir noch nie.“ Dennoch müsse dies alles aufgearbeitet und überlegt werden, wie es künftig besser laufen kann.

Digitalfunktechnik auf „Express-Alarm“ umgestellt

Eine ganze Reihe Verbesserungen habe es bereits gegeben, meint Kreisbrandmeister Nils Adam. So sei in der Arbeitsweise der Leitstelle einiges umgestellt worden. Die Digitalfunktechnik halte nach und nach Einzug in die Ortswehren, um auf „Express-Alarm“ umzustellen. Das sei in etwa so, „als wenn man statt einer 56-K-Leitung plötzlich Breitband hat“. 3000 Feuerwehrleute sind im hiesigen Landkreis von der Umstellung betroffen. Der Rettungsdienst gehöre ebenfalls dazu. Jede Menge Schulungen sind dabei vorgesehen.

„Es geht nicht darum nur zu meckern, sondern Fehler, die gemacht wurden, zu analysieren und zu beheben“, so Adam. In diesem Prozess sei man mittendrin und dazu gehöre eben auch moderne Technik. Generell sei solch ein Großereignis immer eine riesige Herausforderung.

Leitstelle allein kann Ansturm im Extremfall nicht bewältigen

Schwachstellen beheben: „Das war ein Ausnahmezustand, das darf bei aller Kritik nicht vergessen werden“, sagt auch Landkreis-Sprecherin Brigitte Laux. Die Regionalleitstelle musste an diesem Tag 1025 Feuerwehreinsätze managen, davon 335 im Landkreis Leipzig. Dahinter stecke ein Vielfaches an Anrufen, da ein Schaden regelmäßig von mehreren Personen gemeldet werde. Generell müssten bei derartigen Notsituationen alle an einem Strang ziehen. Die Leitstelle allein könne dies nicht bewältigen.

Der Start der „gemeinsamen integrierten Rettungsleitstelle“, wie es exakt heißt, war in Leipzig Ende August 2017, also knapp fünf Monate vor diesem Sturm. „Die Anpassungen an Änderungs- und Ergänzungsbedarfe aus der täglichen Arbeit heraus erfolgen kontinuierlich, zum Bespiel in den Qualitätszirkeln zwischen Leitstelle und Landkreis“, so Laux. Dadurch könnten Abläufe verbessert und Schwachstellen behoben werden.

Auch in Ortschaften stürzten viele Bäume um wie hier in Braußwig bei Borna. Quelle: André Neumann

400.000 Kubikmeter Schadholz: Ein Großereignis war Friederike vor allem für das Staatliche Forstamt Leipzig – und zwar das gesamte Jahr 2018. Der Sturm rodete große Teile des Waldes, besonders im Muldental. 400.000 Kubikmeter Schadholz heißt die Bilanz, das ist das Vierfache des jährlichen Holzeinschlages, sagt Forstamtsleiter Andreas Padberg.

Am schlimmsten erwischte es den Colditzer Forst, wo mit 150.000 Kubikmeter Schadholz das Siebenfache des üblichen Jahresholzeinschlages am Boden lag. Das Amt orderte Forstdienstleistungsunternehmen aus ganz Deutschland, um monatelang Wege und Wälder zu beräumen. So waren 30 so genannte Holzernte-Systeme unterwegs, die Bäume fällten und Holz aus dem Wald schleppten.

Holzpreis ging nach Sturm Friederike in den Keller

80 Prozent davon war für den Verkauf bestimmt – der Holzpreis ging nach Friederike kräftig nach unten. 20 Prozent blieb liegen – entweder aus Naturschutzgründen oder weil die Großgeräte dort nicht ran kamen. Knapp 400 Hektar des Forstbezirkes – das sind in etwa 800 Fußballfelder – seien sturmbedingte Kahlflächen.

Erschwert wurde dies alles noch, weil der Herwart-Sturm vom Oktober 2017 noch nicht lange zurück lag. „Wir waren bei Herwart noch nicht fertig mit Aufräumen, da lag Friederike schon drüber“, sagt der Forstamtschef. Er lobt seine Mitarbeiter, die im vergangenen Jahr 150 Prozent gearbeitet hätten, kaum einer habe seinen kompletten Jahresurlaub genommen.

Der Wald des Leipziger Südraums wurde das gesamte Jahr 2018 aufgeräumt. Quelle: LVZ-Archiv

Borkenkäfer wurde in den Wäldern zum Problem

Problem Borkenkäfer: Es war eine Ausnahmesituation – die weitere Folgen hatte. Da das Holz nicht so schnell beräumt werden konnte, hat sich der Borkenkäfer in den liegenden Stämmen prächtig vermehrt und später auch die gesunden Bäume angegriffen. In ganz Sachsen gab es im vergangenen Jahr 500.000 Kubikmeter Schadholz wegen der Borkenkäfer, so viel wie seit 1946 nicht, so Padberg.

Seine Lehre nach dem Sturm: Wieder einmal würde sich zeigen, wie wichtig der Waldumbau ist, den seine Behörde seit Jahren betreibt. Dabei geht es darum, die aufgeforsteten Nadelwälder nach und nach wieder auf einheimische Laubbäume, wie die Eiche, umzustellen. „Kiefern und Fichten lagen am Boden, die Eichen hielten dem Sturm stand. Das sollten wir als Botschaft mitnehmen“, sagt der Wald-Experte.

Nach dem Orkan konnte der Borkenkäfer sich prächtig vermehren – das ist derzeit ein Riesenproblem für den sächsischen Wald. Quelle: dpa

Von Claudia Carell

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