Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Markranstädt Spiske erkennt “menschliche Abgründe“, Lehmann gute Wirtschaftslage
Region Markranstädt Spiske erkennt “menschliche Abgründe“, Lehmann gute Wirtschaftslage
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:32 09.01.2017
Alles rausgeholt: Auktionator Rainer Küster und Heike Helbig versteigern einen Original-Stein aus der Leipziger Straße nach dem Neujahrsempfang zugunsten des Kinderfestvereins.
Alles rausgeholt: Auktionator Rainer Küster und Heike Helbig versteigern einen Original-Stein aus der Leipziger Straße nach dem Neujahrsempfang zugunsten des Kinderfestvereins. Quelle: André Kempner
Anzeige
Markranstädt

Kurios: Gleich zwei Ansprachen gab’s beim Neujahrsempfang der Stadt Markranstädt. Der erkrankte Stadtchef Jens Spiske (FMW) ließ seine von der Fraktionsvorsitzenden der FWM, Kirsten Geppert, verlesen. Und die Erste Beigeordnete Beate Lehmann, sprach ebenso, bevor drei Ehrenamtliche geehrt wurden und für den Kinderfestverein versteigert wurde.

Wie bekannt wurde, hatten sich im Rathaus sowohl Lehmann als auch der stellvertretenden Bürgermeister Volker Kirschner (CDU) nicht in der Lage gesehen, Spiskes Grußworte vorzutragen. Seine gesundheitliche Verfassung lasse eine Teilnahme am Empfang nicht zu, ließ sich Spiske also von Geppert im randvollen KuK entschuldigen, ohne Details zu nennen. Die aktuellen Entwicklungen in Deutschland und Europa sehe Spiske mit großer Sorge. Lokal erinnerte er an die Umnutzung des Hotels Gutenberg zur Gemeinschaftsunterkunft und die Ängste drumherum. Viele Befürchtungen seien nicht eingetreten, auch die anfangs gut besuchten Donnerstagsdemos hätten sich schnell wieder erledigt. Den Erwerb von Pappelwald und Gewerbegebiet Ranstädter Mark betonte er besonders als positive Ereignisse, ebenso den Baustart an der Kita. „Vieles hat mich gefreut, vieles geärgert und einiges zutiefst positiv, aber auch negativ berührt“, ließ Spiske ausrichten. Er habe viel gelernt, „auch über Freundschaft und menschliche Abgründe“. 2017 bringe viele Herausforderungen: Breitbandausbau und weitere Senkung der Verschuldung nannte er als wichtigste Ziele.

Deutlich detaillierter und herzlicher kam dann Lehmann rüber. Sie erinnerte an den avisierten Bevölkerungszuwachs für die Stadt, die Schwierigkeiten beim Kitabau (“bis hierher sicher kein Ruhmesblatt“), aber auch die Probleme bei der Ermittlung der Kapazitäten für Kitas und Schulplätze. Fast kurios mute an, dass von Geburt bis Einschulung der aktuelle Jahrgang zahlenmäßig um fast 50 Prozent gewachsen sei. Lehmann sprach über die Pläne für vier neue Räume fürs Gymnasium, bat die Bildungsagentur, nicht immer alle Plätze in Oberschule und Gymnasium voll zu belegen, so dass ein Wechsel dazwischen unmöglich wird. „Es darf nicht sein“, so Lehmmann, „dass Markranstädter Schüler in die Oberschule nach Leipzig verwiesen werden.“ Beim Thema Flüchtlinge und Zuwanderung dankte sie den oftmals ehrenamtlichen „Friedensstiftern“, die den sozialen Frieden in der Stadt zu wahren halfen, für ihr großes Engagement. Lehmann erinnerte an die kulturelle Vielfalt der Stadt und ihrer 17 Ortsteile, an die großen Feste des zurückliegenden Jahres.

Beim Spiske-Thema Pappelwald ging die Erste Beigeordnete auf die Rolle des oft gescholtenen Bauamtes ein und erntete Applaus dafür, dass es diesem gelungen sei, mit anderen Ämtern binnen drei Wochen den Fördermittelantrag für den nun möglichen Ausbau des Rundweges um den See fertig zu stellen. Mit Erfolg: Kurz vor Weihnachten sei die Förderzusage über mehr als 320 000 Euro gekommen, so Lehmann. Was sie verschwieg: Spiske hatte es mit dem Antrag erst nicht so eilig, wollte ihn lieber später ausarbeiten lassen.

Lehmann betonte die gute Entwicklung der Wirtschaft in der Stadt. So sei das Gewerbesteueraufkommen von 2006 (3,4 Millionen Euro) bis 2016 (5,6 Millionen Euro) gestiegen, wie auch die Zahl der Arbeitsplätze – und dies trotz des Wegfalls eines großen Arbeitgebers wie Fehrer. Lehmann betonte zum Schluss die Bedeutung der Meinungsvielfalt bei der Entwicklung der Stadt. Es liege in der Natur der Sache, dass auf dem Weg von der Idee zur Umsetzung Zielkonflikte mit einzelnen oder Interessenvertretern entstehen könnten. Dem Stadtrat obliege es letztlich, nach entsprechender Beratung und Abwägung zu entscheiden. Sie wünschte den Damen und Herren weiterhin eine glückliche Hand dabei.

Im Anschluss wurden drei Ehrenamtliche für ihre besondere Arbeit geehrt. Landtagsmitglied Oliver Fritzsche (CDU) lobte Dieter Rackwitz für seine Verdienste um die Aufarbeitung der Orts- und vor allem der Bergbaugeschichte; Jens Radke vom SSV Kulkwitz hielt die Laudatio auf den Fußballabteilungsleiter und gute Seele des Vereins, Horst Schindler, der aber erkrankt fehlte; und Pfarrer Zemmrich ehrte den langjährigen Posaunenchorchef Bernd Meißner als einen „Meister der leisen Töne, der auch laut kann“.

Das Orchester Youth Brass des Gymnasiums Markranstädt unterhielt zwischen den Redebeiträgen. Schließlich versteigerte Rainer Küster sehr gekonnt Kuriositäten zugunsten des Kinderfestvereins. Nach anfänglicher Zurückhaltung zeigten sich die Gäste spendabel. Der Originalstein aus der Leipziger Straße (vermutlich habe sogar Ernst Thälmann mal draufgestanden, juxte Küster), brachte 205 Euro, die Bierflasche der Markranstädter Brauerei 100 Euro. Aus Zeitmangel wurde abgebrochen, als nach vier Gegenständen mit 630 Euro schon mehr als die Zielmarke von 500 Euro beisammen war. Die Stadt übergab dem Verein für dieses Jahr zudem 2000 Euro als Starthilfe.

Von Jörg ter Vehn