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Mitteldeutschland Ärztemangel in Sachsen: Bündnis schnürt millionenschweres Maßnahmenpaket
Region Mitteldeutschland Ärztemangel in Sachsen: Bündnis schnürt millionenschweres Maßnahmenpaket
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15:18 03.06.2019
Neues Bündnis gegen den Ärztemangel in Sachsen. (v.l.n.r.) Erik Bodendieck (Präsident der Landesärztekammer), Hubertus Jaeger (Vorstand Krankenhausgesellschaft Sachsen), Barbara Klepsch (CDU, Gesundheitsministerin), Rainer Striebel (Vorstand AOK Plus) und Klaus Heckmann (Vorsitzender Kassenärztliche Vereinigung). Quelle: Matthias Puppe
Dresden

Mit breitem Schulterschluss aus Politik, Ärzten und Krankenkasse sowie mit einer kräftigen Finanzspitze will Sachsen gegen den zunehmenden Ärztemangel im Freistaat vorgehen. Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) sprach am Montag im Dresdner Landtag von 92 Millionen Euro Anschubfinanzierung, mit denen im In- und Ausland bis zu 170 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden sollen. Die Aufstockung sei Teil eines ganzen Maßnahmenpakets, in das auch finanzielle Unterstützung für junge Ärzte, mehr Geld für Krankenhäuser, der Ausbau digitaler Technik und die Einführung mobiler Praxen für den ländlichen Raum gehören.

Aufgestellt und ausgehandelt wurde das Paket mit führenden Vertretern von Kassenärztlicher Vereinigung (KV), Landesärztekammer (SLÄK), Krankenhausgesellschaft Sachsen (KGS) und Krankenkasse AOK Plus. Allesamt unterzeichneten am Montag eine Bündniserklärung mit der Ministerin, die Sachsens Gesundheitsversorgung insgesamt zukunftssicher machen soll. „Das ist heute ein historischer Moment für den Freistaat. So etwas hat es in Sachsen bisher nicht gegeben“, freute sich die Unionspolitikern. Die Kommission sei als Anfang gedacht, künftig erhofft man sich weitere Partner, hieß es.

Die Bündnispartner nach Unterzeichnung der Erklärung. Quelle: Matthias Puppe

Sachsen fehlen schon jetzt 100 Ärzte

Bei aller Feierlichkeit blieb nicht unerwähnt: Nicht allein der politische Wille, sondern der gravierende Mangel an Ärzten im Freistaat hat die Parteien an einen Tisch gebracht. Ein mahnender Brief der neuen Bündnispartner, geschrieben bereits vor mehr als einem Jahr, sei Grundlage der Verhandlungen gewesen, sagte Klepsch. Laut KV-Chef Klaus Heckmann fehlen aktuell bereits mehr als 100 Allgemeinmediziner in Sachsen – vor allem in den ländlichen Regionen. Landesärztekammer-Präsident Erik Bodendieck nannte es eine Herausforderung, junge Ärzte bei der „Verwirklichung ihrer Work-Life-Balance“ wieder zu mehr Verantwortung zu bewegen – damit sie eigene Praxen eröffnen und nicht nur als Angestellte arbeiten wollen.

Im neuen Maßnahmenkatalog soll diese Lücke perspektivisch unter anderem durch 100 zusätzliche Medizin-Absolventen an Sachsens Hochschulen gefüllt werden. Finanzminister Matthias Haß (CDU) müsse allein dafür 20 Millionen Euro locker machen, so Klepsch. Interessierte Studienbewerber müssten künftig allerdings auch damit rechnen, nicht nur am Abitur gemessen zu werden. „Gute Noten machen noch keinen guten Arzt aus“, sagte Klepsch und kündigte die Einführung einer Landarztquote beim sächsischen Medizinstudium an.

Mehr Studienplätze in Ungarn

Weitere Hilfe soll künftig aus dem Ausland kommen – konkret aus Ungarn. KV-Chef Heckemann berichtete von 15 Medizinstudenten in Pésc, die seit Jahren vom Freistaat unterstützt würden und die demnächst ihr Staatsexamen machen. Im neuen Maßnahmenkatalog des Gesundheitsbündnisses werden die Studienplätze in Pésc ebenfalls aufgestockt – bestenfalls verdoppelt.

Klar ist aber auch: Ein Medizinstudium dauert hier wie dort mindestens sechs Jahre. In der Zwischenzeit muss noch mehr passieren. Die Kommission setzt dabei unter anderem auf mehr Strukturförderung für Krankenhäuser, vor allem für jene auf dem Land. „Wir müssen diese Strukturen unbedingt erhalten“, mahnte Sachsens Krankenhausgesellschaftschef Hubertus Jaeger und versprach auch den Ärzten im Praktikum – die meist kein BaFög mehr beziehen können – künftig bessere finanzielle Unterstützung.

Mobile Arztpraxis für Problemregionen

In Weißwasser oder Marienberg könnte derzeit nicht einmal mehr Geld ein Anreiz sein, denn dort ist die Abdeckung mit Ärzten besonders schlecht, sagte die Gesundheitsministerin. Klepsch will deshalb ab 2020 auch eine mobile Ärztpraxis in Betrieb nehmen und jene in solche Problemregionen schicken. Gebaut hat das rollende Gesundheitsbüro die Bahntochter Berlin Bus. „Das ist ein ehemaliger Linienbus, der je nach Anforderung mit Medizintechnik ausgerüstet wird“, sagte Geschäftsführer Florian Szameit. Während nach Hessen zuletzt ein Zahnarztbus geliefert wurde, wird in Sachsen demnächst eben einer für Allgemeinmedizin über die Lande fahren. Der könne zwar kein EKG, sei aber mit digitaler Videotechnik für Telemedizin ausgestattet.

Barbara Klepsch (CDU, Gesundheitsministerin) lässt sich von Florian Szameit den Medibus erklären. Quelle: Matthias Puppe

SPD und Linke: Maßnahmen kommen zu spät

Aus Sachsens Landtagsopposition gab es am Montag einerseits Zustimmung zu den Maßnahmen, anderseits aber auch Kritik: „Pünktlich drei Monate vor der Landtagswahl übt die Sozialministerin den Schulterschluss mit wichtigen Akteuren des Gesundheitssystems“, sagte Susanne Schaper (Linke) und verwies darauf, dass ihre Partei ähnliches schon lange gefordert hatte. „Dass den Ankündigungen Taten folgen, glaube ich aber erst, wenn ich es erlebe. Die 92 Millionen Euro, die laut der Ministerin für die Maßnahmen eingeplant sind, reichen nie und nimmer“, so Schapers weiter.

In das selbe Horn bließ am Montag auch der SPD-Landtagsabgeordnete Holger Mann: „Die SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag ist erstaunt, dass – nach 55 Monaten im Amt – von der Gesundheitsministerin doch noch Vorschläge vorgelegt werden, die helfen sollen, die ärztliche Versorgung in Sachsen sicherzustellen.“ Drei Monate vor einer Landtagswahl sei das allerdings zu spät. „Ideen, die Geld aus dem Landeshaushalt erfordern, können frühestens im Doppelhaushalt 2021/22 berücksichtigt werden“, so Mann weiter. Der Sozialdemokrat wunderte sich zudem, dass Klepsch den Bedarf an 100 neuen Studienplätzen nicht schon bei den Haushaltsverhandlungen 2016 und 2018 angezeigt habe.

Von Matthias Puppe

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