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Mitteldeutschland Altenburger Lungenexperte: Bei Feinstaub gibt es Bedrohungsszenarien ohne Beleg
Region Mitteldeutschland Altenburger Lungenexperte: Bei Feinstaub gibt es Bedrohungsszenarien ohne Beleg
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15:14 23.01.2019
Aufreger Schadstoff-Grenzwerte: In Stuttgart protestieren Autofahrer gegen das seit Januar geltende Fahrverbot für ältere Diesel.
Altenburg/Leipzig

Sind die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid in Deutschland überzogen? Über 100 deutsche Lungenfachärzte haben jetzt ein Positionspapier unterschrieben, das genau diesen Vorwurf erhebt. In der Stellungnahme heißt es eindeutig: Die bislang dargestellte Gesundheitsgefahr ist wissenschaftlich nicht zu belegen. Andere, weitaus gravierende Risikofaktoren für Lungenerkrankungen seien unzureichend mitbetrachtet worden. Aus bislang vorliegenden Daten seien zudem falsche, einseitige Rückschlüsse gezogen worden.

Aktuelle Grenzwerte müssen ausgesetzt werden

Als Fazit des Papiers heißt es: „Die Kritikpunkte sind so gravierend, dass die Rechtsvorschrift für die aktuellen Grenzwerte ausgesetzt werden sollte.“ Die Lungenexperten fordern eine Neubewertung der wissenschaftlichen Studien durch unabhängige Forscher.

Ärzte aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt unterzeichnen

Die Stellungnahme haben auch Ärzte und Wissenschaftler aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt unterzeichnet. Auf der Namensliste finden sich unter anderem der Leiter der Pneumologie an der Uniklinik Halle, Stephan Eisenmann, der Altenburger Chefarzt Thomas Blankenburg, der Leiter des Dresdner Fraunhofer-Instituts für Verkehr Matthias Klingner, aber auch niedergelassene Mediziner wie der Lungenfacharzt Tobias Andreas aus Aue. Mediziner aus Leipzig fehlen hingegen auf der Liste.

Der Altenburger Chefarzt Dr. Thomas Blankenburg sagt: Es gibt bessere Möglichkeiten, die Lungengesundheit wirklich zu verbessern. Quelle: Carsten Schenker

Altenburger Mediziner beklagt verzerrte Debatte

Der Altenburger Lungen-Spezialist Dr. Thomas Blankenburg begründet seine Unterstützung für die Mediziner-Initiative mit seiner Sorge über die verzerrte Debatte, die derzeit über die Gefahr von Feinstaub und Stickoxid in Deutschland geführt wird. „Momentan hat man leider den Eindruck, dass anhand von punktuell gewonnenen Werten ein Bedrohungsszenario beschrieben und verallgemeinert wird, welches durch Daten so nicht belegt werden kann“, sagt Blankenburg. Wenn zum Beispiel in einer Stadt wie Halle mehrmals der geltende Grenzwert für Feinstaub im letzten Jahr überschritten wurde, dann sei der Befund zwar richtig. „Aber wir können daraus eben nicht gesichert ableiten, dass dadurch tatsächlich Menschen gesundheitlich weitaus mehr gefährdet sind.“

Bis zu 80 000 zusätzliche Feinstaub-Tote?

Der Mediziner Blankenburg teilt die Meinung des deutschen Lungenexperten Professor Dieter Köhler, der die Aussagen vorliegender Studien zur Gefährdung durch Luftverschmutzung insgesamt bezweifelt. So gehen aktuelle Untersuchungen des Umweltbundesamt davon aus, dass durch Stickoxid-Belastung jährlich 6000 bis 13000 zusätzliche Sterbefälle in Deutschland zu beklagen sind. Beim Feinstaub liegt die Sterblichkeit mit 60 000 bis 80 000 zusätzlichen Fällen sogar noch höher.

Professor Köhler: „Tote durch Feinstaub sehen Ärzte nie“

Köhler, ehemals Präsident der deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP), widerspricht diesen Zahlen. So gäbe es in Deutschland pro Jahr etwa die gleiche Anzahl an Todesfällen durch Zigarettenrauch bedingtem Lungenkrebs und COPD (chronische Lungenerkrankung). „Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und Stickoxid, auch bei sorgfältiger Anamnese, nie. Bei der hohen Mortalität müsste das Phänomen zumindest irgendwo auffallen“, so Köhler.

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Lungenexperten Köhler zum Dieselverbots-Irrsinn

Vorwurf: Falsche Rückschlüsse aus einseitigen Studien

In dem Papier werden gleich mehrere Schwachpunkte der bisherigen Interpretation von Daten kritisiert. So würden aus dem Vergleich unterschiedlich stark belasteter Feinstaub-Regionen in Deutschland falsche Rückschlüsse gezogen. Weitaus schwerwiegendere Risikofaktoren, wie das Rauchen oder zu wenig körperliche Bewegung, würden bei der Gefährdungsbeurteilung ausgeblendet – obwohl diese meist hundertfach stärker wirkten als die Luftverschmutzung. Und: Der Vergleich von Nichtrauchern mit Rauchern belege die Einseitigkeit, mit der Feinstaubdaten ausgewertet würden. „Würde die Luftverschmutzung tatsächlich ein solches Risiko darstellen und hohe Todeszahlen generieren, so müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten alle versterben, was offensichtlich nicht der Fall ist.“

Debatte über Rauchen bei Kindern und Jugendlichen wichtiger

Der Altenburger Chefarzt Thomas Blankenburg ist daher überzeugt: „Wir haben so viele andere Möglichkeiten, die Lungengesundheit wirklich zu verbessern. Diese gilt es vor allem zu nutzen.“ So ließe sich viel mehr erreichen, wenn eine verstärkte Debatte um den gefährlichen frühen Nikotinkonsum von Kindern und Jugendlichen geführt würde. „Hier gibt es verlässliche Daten, die die Gesundheitsgefährdung tatsächlich belegen. Hier können wir wirklich gegensteuern.“ Dagegen sei niemandem geholfen, mit der Sperrung einer Straße in Hamburg für ältere Diesel vermeintlich etwas für die Gesundheitsverbesserung zu tun, ohne dies wirklich zu wissen.

Blankenburg fordert daher, dass in die politische Debatte um Dieselfahrverbote und Schadstoff-Grenzwerte mehr Experten-Meinungen aus der Medizin einfließen. „In der Entscheidungsfindung sollten wir Lungenärzte gehört werden.“ Andernfalls werde bei dieser Problematik weiterhin ein enormer gesellschaftlicher Aufwand betrieben, der aus wissenschaftlicher Sicht so nicht gerechtfertigt sei.

Von Olaf Majer

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