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Mitteldeutschland Aufgeflogen und freigekauft: DDR-Ausreise über das „Tor zur Freiheit“
Region Mitteldeutschland Aufgeflogen und freigekauft: DDR-Ausreise über das „Tor zur Freiheit“
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21:35 11.08.2019
Michael Schlosser steht vor dem selbstgebauten Flugzeug "Ikarus". Der gebürtige Thüringer baute 1983 heimlich ein Flugzeug in der DDR, um nach Westdeutschland zu fliehen, wurde aber verraten und verurteilt und ein halbes Jahr später von der Bundesrepublik freigekauft. Für einen Film baut er 2007 zum ersten Mal sein Fluchtflugzeug nach - mit der Außenhaut aus Aluminium statt Polyester. Quelle: dpa
Liebstadt/Chemnitz

Auf dem Weg in die Freiheit rutscht Michael Schlosser dann doch das Herz in die Hose. Die Stufen der Holztreppe hinaus auf das Freigelände im Kaßberg-Gefängnis im damaligen Karl-Marx-Stadt geht der damals 40-Jährige mit puddingweichen Beinen herunter. „Die Knie waren wie Gummi“, erinnert sich der Wahl-Sachse an jenen 5. Dezember 1984. In einem Magirus-Bus mit Gießener Nummernschild verlässt Michael Schlosser über das als „Tor zur Freiheit“ bekannt gewordene Gefängnis für immer die DDR.

Das Kaßberg-Gefängnis im heutigen Chemnitz: Von 1963 bis 1989 wurde über die Haftanstalt der Freikauf politischer Häftlinge durch die Bundesrepublik zentral abgewickelt - für Männer wie für Frauen. Nach Angaben des Vereins Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis sind so 31.775 Menschen aus DDR-Gefängnissen von der BRD für mehr als drei Milliarden D-Mark freigekauft worden.

Zur wechselvollen Geschichte des 1886 errichteten Gebäudes gehört auch die Nutzung als Untersuchungs- und Strafgefängnis während des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 sowie anschließend als Gefängnis des russischen Innenministeriums NKWD (1945-1952). Zu DDR-Zeiten wurde sie überwiegend vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) genutzt. Nach der Wende war der Komplex bis 2010 Justizvollzugsanstalt des Freistaates Sachsen.

Das Gefängnis weicht Eigentumswohnungen

Seit dem vorigen Jahr wird das Gelände komplett umgestaltet. Die nicht denkmalgeschützten Gebäude sind abgerissen worden. An ihrer Stelle entstehen bis 2022 Häuser mit Eigentumswohnungen und Tiefgaragen. 14 Millionen Euro sollen dafür ausgegeben werden. „Für die, die dann dort wohnen, ist es vielleicht ungewöhnlich“, sagt Michael Schlosser.

Das Gebäude, in dem er 42 Tage lang zwangsweise „wohnte“, bleibt erhalten - der Block B. Der mehrstöckige Zellentrakt wird Gedenkstätte und soll vom Sommer 2021 an den Häftlingsfreikauf erinnern. 3,1 Millionen Euro sind für den Bau geplant. Sachsen steuert dafür zwei Millionen Euro bei - und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das Geld aus dem DDR-Parteienvermögen stammt. „Es ist ein wichtiges Signal, wie wir mit unserer jüngeren Geschichte umgehen, wenn ehemalige SED-Gelder jetzt für die Aufarbeitung der SED-Diktatur eingesetzt werden, indem sie in Gedenkstätten wie das einstige Kaßberg-Gefängnis fließen“, sagt Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD).

Geplante Flucht per selbstgebautem Flugzeug

Michael Schlosser wollte weder Teil der Gefängnis-Geschichte werden, noch mit dem Bus in den Westen ausreisen. Sein Plan war wagemutiger: Ein selbstgebautes Flugzeug soll den beim DDR-Fernsehen in Dresden angestellten Kfz-Mechaniker über den Grenzstreifen tragen. Entlang der heutigen Autobahn 9 will er 1983 aus dem thüringischen Hirschberg ins fränkische Rudolphstein fliegen. Später bringt es ihm den Beinamen „Dresdner Ikarus“ ein.

Dazu aber kommt es nicht. Schlosser fliegt auf, statt ab und wird am 30. März 1984 zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Das Urteil bringt dem gebürtigen Thüringer aber auch Gewissheit: Er darf ausreisen. Denn vor Gericht wird er von einem Dresdner Rechtsanwalt vertreten im Auftrag des bekannten DDR-Unterhändlers Wolfgang Vogel (1925-2008). „Ich wollte nach wie vor in die BRD“, sagt er rückblickend. Dann aber beginnt das Warten. Zuerst im Knast in Bautzen, ab dem 24. Oktober 1984 in Karl-Marx-Stadt. „In Bautzen war schon klar: Jetzt kommst du raus. Man hat aber nicht gewusst, wie lange das dauert“, erzählt der heute 75-jährige Schlosser.

Die Tage auf dem Kaßberg sind langweilig, eintönig und unkomfortabel. Seine Zelle im zweiten Stock muss sich Schlosser mit vier Mitgefangenen teilen - als einziger Nichtraucher. In der Enge der Zelle ist neben dem Tisch nur Platz für einen Stuhl. Die unteren Betten dienen als Sitzgelegenheiten - auch beim Essen. „Das war fast zum Ersticken“, sagt Schlosser. Die einzige Abwechslung besteht im Küchendienst am Wochenende, für den man sich melden kann. „Das habe ich mit Vorliebe gemacht, um aus der Zelle rauszukommen.“

Für 96.000 D-Mark freigekauft

Sehnsüchtig lauschen die Gefangenen jeden Tag auf Geräusche, die die Ausreise signalisieren. Wenn montags ein Glöckchen zu hören ist, keimt Hoffnung, weil es heißt, dass der Notar im Haus ist und es dann noch eine Woche dauert. „Wenn freitags Getrappel auf der Treppe war wussten wir, es ist wieder ein Transport.“

Bei Michael Schlosser ist es dann ein Mittwoch. Er erinnert sich noch genau: „Der Moment, in dem die Tür aufging, das war so leise, man hätte alles fallen gehört.“ Dann geht es die Holztreppe hinunter, vorbei an einem Spalier aus Offizieren. Auf dem Hof wartet Rechtsanwalt Vogel. „Er hat mit eine Urkunde in die Hand gedrückt und alles Gute gewünscht.“ Erst später stellt er fest: Es ist die Aberkennungsurkunde der Staatsbürgerschaft der DDR. Nach eigenen Recherchen hat die BRD für ihn 96.000 D-Mark bezahlt. Um 14 Uhr rollen die beiden beige-roten Busse aus dem Gefängnis, vier Stunden später ist der Grenzübergang im hessischen Herleshausen passiert.

Schlosser erfüllt sich seinen Traum, der ihm in der DDR verwehrt wurde und für ihn Anlass zur Ausreise war: In Alzey (Rheinland-Pfalz) macht er sich mit einer Kfz-Werkstatt selbstständig. 2003 dann verkauft er alles, kehrt nach Sachsen zurück und ist nun in Liebstadt (Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) zu Hause.

Der Erstbau von "Ikarus" ist verschollen

Dort hat er ein kleines Häuschen mit großer Scheune für sein Flugzeug „Ikarus“, den dritten Nachbau nach seinem verschollenen Erstbau, das er zu Zeitzeugenvorträgen mitnimmt. Der Silbervogel steht auf dem Rasen neben der Scheune und glänzt, wenn die Wolken die Sonne freigeben. Mit Wucht zieht Schlosser am Anlasserseil. Nach einigen Versuchen bringt der Trabantmotor den Propeller auf Touren. „Die Maschine hebt ab“, beteuert Schlosser.

Dass der Tüftler vor 15 Jahren wieder in den Osten zurückgekehrt ist, hat viel mit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu tun. Man habe bei ihm psychosomatische Störungen festgestellt, berichtet er. „Auch durch die Haft bedingt.“ Die sechs Wochen auf dem Kaßberg haben Spuren hinterlassen. „Wenn ich mir die Zelle angucke, gehe ich nicht weiter als bis zur Schwelle, weil es zu eng ist.“ Ihm sei empfohlen worden, alles vor Ort aufzuarbeiten. Bei einem Besuch in Dresden einige Jahre nach der Wende stellte er dann fest: „Mir ging es hier besser als dort drüben.“

„Ich werfe den Stasi-Leuten nichts vor“

Michael Schlosser ist als Zeitzeuge gefragt. Am Samstag, drei Tage vor dem 58. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961, war er wieder am Kaßberg-Gefängnis - und wie immer von Neugierigen umlagert. „Ich bin nicht mal zum Essen gekommen“, erzählt er. Das Interesse an seiner Geschichte sei groß gewesen. „Ich habe den Motor drei Mal angeworfen, das war das Highlight.“ Groll über seine Zeit als politischer Häftling empfindet Schlosser nicht. „Ich rede darüber, aber ich beschwere mich nicht darüber, dass ich eingesperrt war.“ Denn er war sich des Risikos einer Flucht in den Westen im Klaren. „Ich wusste, wenn es schief geht, gehe ich in die Kiste.“

Nicht einmal den Mitarbeitern der Stasi, die seinen Fall bearbeitet haben, trägt Schlosser etwas nach. „Ich werfe den Stasi-Leuten nichts vor“, sagt er mit Nachdruck. Schlosser ist überzeugt: Mit denen wäre er nie in Kontakt gekommen, wären die Spitzel aus seinem Umfeld nicht gewesen, Leute, denen er die Autos repariert habe. „Nur denen werfe ich etwas vor.“

Fast 35 Jahre nach seiner Ausreise über das „Tor zur Freiheit“ ist Michael Schlosser mit sich im Reinen. Flugzeugbau, gescheiterter Fluchtplan, Haft und Ausbürgerung – das sei nicht schön gewesen, habe tiefe Einschnitte ins Leben hinterlassen. Und dennoch: „Ich bereue es nicht. Ich würde es wieder machen.“

von Martin Kloth/dpa

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