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Mitteldeutschland Keine Russisch-Dolmetscher mehr? Ausbildung an der Uni Leipzig vor dem Aus
Region Mitteldeutschland Keine Russisch-Dolmetscher mehr? Ausbildung an der Uni Leipzig vor dem Aus
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13:40 28.02.2019
Dolmetscher arbeiten oft unauffällig im Hintergrund und brauchen beim Übersetzen viel Fingerspitzengefühl. Quelle: dpa
Leipzig

Russisch-Dolmetscher aus Sachsen sind in aller Welt gefragt – doch könnte es mit dem Akademiker-Nachwuchs von der zweitältesten deutschen Universität bald vorbei sein. Denn der letzten Ausbildungsstätte für Russischdolmetscher und -übersetzer in den neuen Bundesländern droht das Aus. Am Leipziger Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) erfuhren die Studenten vor kurzem, dass der Sprachschwerpunkt Russisch geschlossen werden soll.

In einer Online-Petition an das Rektorat der Leipziger Uni warnen die künftigen Russisch-Dolmetscher vor der Schließung als „Rückschritt in der Völkerverständigung in Zeiten wirtschaftlichen Aufbruchs und außenpolitischen Situation, in der wir uns nicht mehr nur nach Westen orientieren können.“ Die Mitinitiatorin der Petition Olga Frolova setzt sich für eine akademische Ausbildung in der Messestadt ein: „Bei allen internationalen Messen und Kongressen in Sachsen braucht man Dolmetscher für die russische Sprache“, betont die Studentin. Auch in der russischen Presse wird das drohende Aus der Russisch-Übersetzungswissenschaft in Ostdeutschland als handfester Skandal bezeichnet.

Traditions-Ausbildung seit über 70 Jahren

Die drohende Schließung des Schwerpunkts Russisch am IALT sei „eine Konsequenz der bereits einige Jahre zurückliegenden Sparbeschlüsse der vormaligen sächsischen Landesregierung“, erklärt Institutsleiter Oliver Czulo. „Die Stellen im Schwerpunkt Russisch wurden, wie auch andere, nach Verrentungen in den letzten Jahren nicht neu besetzt“, so der Professor. Aufgrund knapper Finanzausstattung sei man gegenüber Dolmetscher-Schmieden wie München, Germersheim und Heidelberg, die auch Russisch anbieten, kaum noch konkurrenzfähig.

Das Leipziger Institut habe durch Spardiktate eine Reihe von Sprachschwerpunkten verloren. „Eine weitere Schließung würden wir natürlich sehr bedauern“, betont Czulo. Mit Lehrkräften anderer Fachrichtungen wie West- und Ostslawistik, Orientalisitk und anderen suche man nach Auswegen, um die Lehre doch noch fortsetzen zu können. Russisch-Dolmetscher werden seit über 70 Jahren in Leipzig ausgebildet, seit 1956 auch akademisch an der damaligen Karl-Marx-Universität.

Uni Leipzig massiv von Stellenabbau betroffen

Die Zukunft der Leipziger Übersetzungswissenschaft will Sachsens Wissenschaftsministerium offenbar nicht mitbestimmen. Die Regelung, wie der Übergang zur neuen Struktur des IALT gestaltet werden soll, sei Aufgabe der Universität Leipzig, heißt es auf Nachfrage. Als Ursache für die notwendige Neustrukturierung nannte eine Ministeriumssprecherin den 2010 von der CDU/FDP-Regierung beschlossenen Stellenabbau, der 2016 gestoppt wurde.

Seitdem musste die Leipziger Uni reichlich 100 Stellen abbauen, gibt das Rektorat zu bedenken. „Die sind weg, und das ist ein schmerzlicher Verlust“, räumt Uni-Sprecher Carsten Heckmann ein. „Wenn da nicht nachgesteuert wird, werden wir die Schmerzen auch in den nächsten Jahren noch an mehreren Stellen spüren.“ Trotz personeller Engpässe habe aber „niemand beschlossen, den Russisch-Schwerpunkt in dieser Ausbildung zu streichen“, versichert er. Statt Professuren für einzelne Sprachschwerpunkte sollen übergeordnete Professuren den geordneten Übergang zum neuen IALT gestalten. Dazu werde es in den kommenden Monaten weitere Gespräche geben, im Mai beispielsweise zum Austausch mit der Philologischen Fakultät.

Linke kämpfen für Erhalt des Russisch-Schwerpunktes

Sachsens Linke bleibt besorgt und setzt sich vehement für den Erhalt des Russisch-Schwerpunktes an der Leipziger Uni ein. Dessen Abschaffung wäre „das gänzlich falsche Signal zur falschen Zeit und außerdem wissenschaftlich, professionell, gesellschaftlich und politisch unangemessen und schädlich, ja ein Armutszeugnis“, schrieb der hochschulpolitische Sprecher der Fraktion, René Jalaß, in einem Brief an Unirektorin Beate Schücking. „Russland gehört zu Europa - und der Sprachschwerpunkt Russisch gehört einfach zur Uni Leipzig!“ Seine Fraktionskollegin Luise Neuhaus Wartenberg fügt hinzu: Der Osten Deutschland hat mit seiner größeren Russisch-Sprachkompetenz ein wichtiges Potenzial in die deutsche Einheit eingebracht, das leider schnell der Geringschätzung anheim fiel.“

Umso wertvoller sei heute das Leipziger Alleinstellungsmerkmal der Ausbildung der Russisch-Übersetzer und -dolmetscher. „Wenn wir trotz zunehmender internationaler Spannungen keinen neuen Kalten Krieg wollen, muss mehr miteinander gesprochen werden – auch russisch“, so die Ost-Koordinatorin der Fraktionsvorsitzenden-Konferenz der Linken. Auch der Co-Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Linken, Dr. Dietmar Bartsch, soll sich gegenüber Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) für den Erhalt des Sprachschwerpunkts Russisch eingesetzt haben.

Auch IHK warnt vor negativen Folgen

Sorge äußert auch die Industrie- und Handelskammer zu Leipzig. „Außenwirtschaftlich aktive Unternehmen sind auf gut ausgebildete Dolmetscher angewiesen“, sagte deren Präsident Kristian Kirpal. Die ostdeutsche Wirtschaft, allen voran der Maschinen- und Anlagenbau, pflege traditionell enge Verbindungen zum russischen Markt, aber auch zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. „Russisch ist dort nach wie vor die beherrschende Sprache im Wirtschaftsverkehr. Die Schließung der Ausbildungsstätte für Russisch-Dolmetscher und -Übersetzer an der Universität Leipzig wäre deshalb sehr bedauerlich“, so Kirpal.

Von Winfried Mahr

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