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Mitteldeutschland Ausnahmezustand in Sächsischer Kleinstadt - Erster Tag des Nazi-Festivals
Region Mitteldeutschland Ausnahmezustand in Sächsischer Kleinstadt - Erster Tag des Nazi-Festivals
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09:48 21.04.2018
Der erste Tag des Neonazi-Festivals in Ostritz ist weitgehend ruhig geblieben. Quelle: lvz
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Ostritz

„Wir sind hier vermutlich die bestbewachte Stadt auf der Welt!“, sagt  die Kassiererin im Penny-Markt am Eingang von Ostritz (Landkreis Görlitz), während sie gleichmütig die Waren übers Band zieht. Im 2300-Einwohner-Ort an der Grenze zu Polen herrscht seit spätestens gestern der Ausnahmezustand.  Wo sonst höchstens ältere Semester auf dem Neiße-Oder-Radweg entlang radeln oder Pilger auf dem Jakobsweg  wandeln, patrouilliert seit Tagen ein martialisches Großaufgebot an Polizei. Seit Wochenbeginn gibt es Sperrungen in der Stadt, die nun einer Festung gleicht, und eigens zugewiesene Parkplätze für Einwohner, deren Nerven längst blank liegen. 

Beamte in der Regional-Bahn

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„Das liegt doch an euch!“, fährt der Mann im Eiscafé hoch, nachdem ihm ein junger Gast mit langen Haaren gewünscht hat, dass an diesem Wochenende alles ruhig bleiben möge. Selbst in der Regional-Bahn fahren Beamte mit, und auf der Bundesstraße 99, die den geplagten Ort zerteilt, finden Kontrollen statt. Zeitweilig kreist ein Hubschrauber über der Stadt, eine Pferdestaffel verschafft sich Respekt. Zwei polnische Paare, die mit dem Rad herübergekommen sind und nun auf einem Freisitz eigentlich die Frühlingssonne genießen wollten, beratschlagen, ob sie ihren Ausflug abbrechen sollten. Und ein alter Herr am Nebentisch fragt besorgt, „wo denn die ganze Polizei hier schlafen will“.

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Seit dem Morgen strömen vom Bahnhof auf polnischer Seite  über eine schmale Brücke und durch eine enge Schleuse überwiegend schwarz gekleidete  Gestalten  auf das eingezäunte Gelände rund um das Hotel „Neißeblick“, das der hessische Bauunternehmer Hans-Peter Fischer (Ex-NPD-Mitglied) an den Thüringer Neonazi Thorsten Heise (führender Aktivist der Freien Kameradschaftsszene und Mitglied im Bundesvorstand der NPD) vermietet hat. Der veranstaltet hier das Rechtsrockfestival  Schild und Schwert  (kurz: SS), dass den programmatischen Titel „Reconquista Europa“ („Rückeroberung Europas“) trägt. Vor dem Eingang kontrollieren Sicherheitskräfte einer „Arischen Bruderschaft“.

Festival am Geburtstag von Adolf Hitler

Nicht zufällig fällt der Beginn auf den 129. Geburtstag von Adolf Hitler, dessen Waffen-SS vor 79. Jahren den rund 300 Kilometer entfernten Sender Gleiwitz überfiel, um einen Vorwand für den Einmarsch in Polen zu haben. Was polnische Rechtsradikale paradoxerweise nicht davon abhält, in „Mitteldeutschland“, wie es die Veranstalter nennen, mitzufeiern. Gestern eher noch ruhig mit Balladen von Bands, die Namen wie „Nahkampf“ oder „Amok Solo“ tragen.  Und mit kulinarischen Produkten, die „ausschließlich von Kameraden in der Region frisch produziert worden“ sind. Wie das ermittelt wurde, bleibt allerdings im Dunkeln. 

Rechtsrockfestival und Gegenproteste: So lief der erste Tag in Ostritz ab.

Klar ist dagegen eine Botschaft Richtung Stadt in holprigem Deutsch und mit kühner Orthographie: „Wenn sie beim Einlass sich als echte Ostritzer zu erkennen geben, sind sie spendenfrei unser Gast und können sich vor Ort selber ein Bild unseres politischen Wollens machen.“ Doch wer irgendwie konnte, hat auf das „Bild unseres politischen Wollens“ verzichtet und die Geisterstadt längst verlassen.

Ausnahmesituation in Ostritz

Und wer dageblieben ist, sucht lieber das Weite in den verwinkelten Gassen, um nicht von einem der zahllosen Reporter-Teams angesprochen zu werden.  Bürgermeisterin Marion Prange (parteilos) erklärt: „Das ist eine Ausnahmesituation für eine Kleinstadt wie Ostritz, die mit erheblichen Einschränkungen für die Bürgerschaft einhergeht. Einige, die im unmittelbaren Umfeld der Veranstaltung wohnen, haben auch Angst.“ Dass im Vorfeld immerhin 40 Bürgermeister aus der Region ihre Solidarität bekundet haben, hilft da nur wenig.

Am späten Nachmittag führt die Polizei eine letzte Begehung auf dem Festivalgelände der Rechtsradikalen durch. Journalisten dürfen ausnahmsweise auch auf das Areal, wo sie von martialischen Gestalten empfangen werden. Dort gibt es Panzer als Bausatz und Hetz-T-Shirts. Nicht jeder der Festivalteilnehmer mag ein Foto von sich. Die Stimmung lädt spürbar hoch, bevor man wieder unter sich ist.

Friedensfest mit 1000 Besuchern

Am Abend beginnt dann das Friedensfest zunächst auf dem Markt mit rund 1000 Besuchern. Eingeladen haben Kirchen, Vereine und örtliche Initiativen. Die Schirmherrschaft für diese Fest hat Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) übernommen. Auch Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) ist da. „Das hier ist meine Heimat“, ruft Kretschmer in die klatschende Menge. „Ich kenne die Menschen, ich weiß, wie sie sind. Und ich möchte, dass niemand Angst haben muss an so einem Tag, wenn Nazis hier irgendwo eine Show abziehen. Dem stellen wir uns gemeinsam entgegen.“ In Ostritz habe sich die Mitte der Gesellschaft versammelt. Nicht die grölenden Nazis, sondern die Menschen, die sich für Demokratie engagieren - das sei Sachsen, sagt Kretschmer und bekommt dafür langen Beifall. 21 Uhr beginnt die Lichterkette auf dem Markt. Und für einige Minuten herrscht in Ostritz das pure Gänsehautgefühl.

Ihre eigenen Gegenveranstaltungen haben die Linken-Landtagsabgeordneten Juliane Nagel aus Leipzig und Mirko Schultze aus Görlitz angemeldet.  Doch noch am Nachmittag zieht Nagel plötzlich zurück. Offenbar war es nur darum gegangen, Parkplätze freizuhalten. „Rechts rockt nicht“ wird auf Schultzes  Veranstaltung auf der Lederwerkswiese versprochen, wo unter anderem  „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel auftritt. Außerdem hat die Linke am Ortseingang ein großes Schild angebracht. Darauf ist zu lesen: „Ostritz an der Neiße findet Nazis ... nicht gut“. Ein brauner Haufen deutet an, wie der Spruch eigentlich enden sollte. 

Der Protest ist sich nicht ganz einig

Doch der Protest ist in sich uneins. Michael Schlitt, Direktor des Internationalen Begegnungszentrums St. Marienthal, das das Friedensfest auf dem Markt organisiert, sieht das Treiben der Konkurrenten vor dem Hintergrund des Friedensfestes durchaus mit gemischten Gefühlen: „Ich hätte mir gewünscht, dass sich die Linken an unserer Form des parteiübergreifenden, friedlichen Protests beteiligen.“ Und er fügt kritisch hinzu, es sei zu wenig, „linken Gruppierungen allein den Protest gegen Neonazis zu überlassen“. Die Partei Die Linke, habe die Gelegenheit nutzen wollen, „ihr eigenes politisches Profil besser herausarbeiten zu können“. Dem widerspricht Kretschmer. Er habe seine Meinung nach einem Gespräch mit Krumbiegel geändert. „Alle, die einen Beitrag dazu leisten möchten, sind uns willkommen. Lasst uns hier ein klares Zeichen setzen“, fordert Kretschmer.

Derweil läuft für die  Polizeidirektion (PD) Görlitz der größte Einsatz seit zehn Jahren. Immerhin: Einen Fahndungserfolg gab es schon im Vorfeld – in einer Lagerhalle auf dem Versammlungsgelände, wurden 32 Tonnen unverzollten Tabaks sichergestellt. Unterstützung kommt von mehreren Hundertschaften der Bundespolizei

Zuspitzung der Lage am Samstag erwartet

Bis zu späten Abend bleiben Auseinandersetzungen aus. Die Polizei twittert über Hashtag #Ostritz, aber in großen Teilen der Stadt ist an Internet nicht zu denken. Gemeindereferent Stephan Kupka von der Katholischen Pfarrei in Ostritz hat deshalb einen kostenlosen WLAN-Spot vor seinem Pfarrhaus installiert. „Viele in Ostritz haben gesagt: Wir nageln alles zu“, erklärt er verschmitzt. „Dagegen habe ich mir gedacht, ich stelle für die Leute eine Sitzbank raus.“ Spätestens am Samstag dürfte sich die Lage jedoch zuspitzen,  wenn rechte Szene-Bands wie „Die Lunikoff-Verschwörung“, „Kategorie C“ oder  „Oidoxie“ auftreten und das Kampfsportevent „Ring der Nibelungen“ auf dem Festivalgelände beginnt. 

Nach dem Rechtsrock-Konzert im thüringischen Themar im vergangenen Jahr findet damit an diesem Wochenende der neuerliche Test statt, welche Mengen die rechtsradikale Szene mobilisieren kann. In Sachsen hat sich laut Innenministerium die Zahl rechter Konzerte 2017 auf 46 mindestens verdoppelt. Dass sie vor allem Ostsachsen stattfinden, halten Initiativen gegen Rechts für keinen Zufall. Die Region könne auf eine lange rechtsextreme Geschichte zurückblicken, warnt das Kulturbüro Sachsen.

lvz