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Mitteldeutschland Automatenunternehmer: „Illegales Glücksspiel in Sachsen außer Kontrolle“
Region Mitteldeutschland Automatenunternehmer: „Illegales Glücksspiel in Sachsen außer Kontrolle“
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18:45 13.02.2019
Kann süchtig machen: Spiel am Automaten. Quelle: dpa
Leipzig

Die Eisenbahnstraße im Leipziger Osten sorgt mal wieder für Gesprächsstoff, und das weit über Stadt- und Landesgrenzen hinaus. „Das ist ein Brennpunkt der illegalen oder halblegalen Glücksspielszene“, kritisierte Thomas Breitkopf vom Verband der ostdeutschen Automatenkaufleute am Mittwoch bei einem Rundgang durchs Viertel. „Die meisten der 14 Shisha-Bars, Café-Casinos und Wettbüros sind fest in der Hand von Clans“. Vier weitere Bars mit Geldspielautomaten seien in den vergangenen Wochen dazugekommen. Das illegale Glücksspiel sei in Sachsen „außer Kontrolle“, so Breitkopf.

Um Schießereien und Messerattacken in den Griff zu bekommen, habe sogar eine Waffenverbotszone eingerichtet werden müssen, erinnerte der Verbandsvorsitzende. Bei Kontrollen müsse die Polizei zur Eigensicherung in Hundertschaften anrücken und ganze Straßenzüge sperren. „Das alles macht keineswegs den Eindruck eines beglückenden und legalen Spielbetriebes.“ Dagegen wird die letzte verbliebene gewerbliche Spielhalle in den kommenden Wochen schließen müssen, da sie zu nah an einer Schule liegt.

Zahl legaler Spielstätten fast halbiert

„Das ist bereits die siebente Spielstätte, die wir in Leipzig schließen müssen“, beklagt Unternehmer Andreas Wardemann, der zum Verbandsvorstand gehört. „Hier in Leipzig und in ganz Sachsen ist der Spielbetrieb in eine deutliche Schieflage geraten – zu Lasten des legalen Glücksspiels.“ Alkoholverbot, Mindestalter oder Zugangskontrollen spielten in den haufenweise neu eröffneten Bars keine Rolle. „Die derzeitige Regulierung trifft die falschen Unternehmen und begünstigt das illegale Spiel“, betont der 52-Jährige. „Illegale Anbieter stoßen genau in die Lücke, die durch die Schließungen legaler Spielhallen entsteht.“ Während sich die Zahl legaler Spielstätten fast halbiert habe, hätten sich scheingastronomische Betriebe, bei denen eigentlich das Automatenspiel dominiere, um ein Viertel zugenommen, rechnete der Leipziger Unternehmer vor. Er sagte für 2018 einen deutlichen Rückgang der versicherungspflichtig Beschäftigten sowie des Steueraufkommens in der Branche voraus. Bundesweit setzte der legale Glücksspielmarkt zuletzt rund 35 Milliarden Euro um. Mehr als fünf Milliarden Euro kommen an Steuern rein.

Nicht mit dem Zollstock regulieren

Dass die Leipziger Eisenbahnstraße kein Einzelfall ist, weiß Georg Stecker. „Die fehlgeleitete Regulierung des Marktes drängt immer mehr Spieler in die Illegalität“, sagt der Vorstandssprecher der Deutschen Automatenwirtschaft. Sie gingen ihrem Spieltrieb stattdessen im Internet, in kaum zu kontrollierenden Hinterzimmern oder in der Scheingastronomie nach. Die Branche fordert deshalb ein Umsteuern in der Regulierung. „Stattdessen muss das legale Spiel gestärkt werden, um den Schwarzmarkt auszutrocknen.“ Nur so könne effektiver Spielerschutz gewährleistet werden. „Deshalb fordern wir, nach Qualität zu regulieren und nicht mit dem Zollstock“, so Stecker weiter.

„Es ist frustrierend, dass der Jugend- und Spielerschutz so leichtfertig geopfert wird“, schlug Breitkopf in die gleiche Kerbe. Das sei weder den Unternehmen, ihren Beschäftigten noch den Spielern zu vermitteln. Um den Schwarzmarkt bekämpfen zu können, forderte Breitkopf, der auch Präsident des Bundesverbandes der Automatenunternehmer ist, stärkere Kontrollen von illegalen Glücksspielangeboten. „Ordnungskräfte müssen härter gegen Betreiber von Café-Casinos durchgreifen“, sagte er. „Zudem darf das legale Spiel nicht weiter geschwächt werden. Gewerbliche Spielhallen halten sich an die Jugend- und Spielerschutzvorgaben. Wenn diese geschlossen werden, wandern Freizeitspieler in die Illegalität ab“, so Breitkopf.

Mehr Kontrollen nötig

In der Praxis würden halbseidene Bars und Cafés viel aber zu selten kontrolliert. „Ich würde da als Ordnungshüter auch ungern reingehen“, räumte Wardemann ein. „Ich bin zwar mutig, aber nicht übermütig!“ Allerdings sehe er für fairen Wettbewerb im Sinne eines legalen Glücksspiels keine andere Möglichkeit als den Kontrolldruck deutlich zu erhöhen, um Licht in den sich ausweitenden Schwarzmarkt zu bringen.

Der Glücksspieländerungsstaatsvertrag, auf den sich die Bundesländer 2012 geeinigt hatten, sollte das Glücksspiel eigentlich eindämmen. Allerdings ist der Effekt heftig umstritten. Hunderte Spielhallen mussten bereits schließen, Tausende Mitarbeiter wurden entlassen. Stattdessen blüht das illegale Zocken im Internet und in Hinterzimmern mit geschätzten Milliardeneinnahmen – und das weitgehend am Fiskus vorbei.

Von Winfried Mahr

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