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Mitteldeutschland Bahnhofsmissionen verzeichnen wegen Flüchtlingen stärkeren Zulauf
Region Mitteldeutschland Bahnhofsmissionen verzeichnen wegen Flüchtlingen stärkeren Zulauf
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Bahnhofsmission in Leipzig. Quelle: dpa
Leipzig/Chemnitz

Die drei Bahnhofsmissionen in Sachsen sind als Anlaufstellen bei Reisenden und Bedürftigen gefragt. In Chemnitz, Leipzig und Görlitz ist die Zahl der Menschen, die betreut werden oder Hilfe bekommen, seit 2013 gestiegen - auf fast 65 000 im vergangenen Jahr. „Zunehmend nutzen auch Flüchtlinge das Angebot“, sagte der zuständige Referent der Diakonie Sachsen, Tilmann Beyer, vor dem Tag der Bahnhofsmissionen (16. April) in Dresden. „Die Nachfrage nimmt wieder zu.“

Die meist ehrenamtlichen Mitarbeiter weisen den Weg zum Bahnsteig oder zur Auskunft, betreuen alleinreisende Kinder, Ältere und Kranke. „Es gibt zudem viele, die auf dem Bahnhof umherirren und wo der Kaffee Auslöser ist, um erzählen zu können“, berichtete Beyer. Auch für Obdachlose, Hartz IV-Empfänger oder Süchtige haben die Helfer ein offenes Ohr. Dieser soziale Bedarf könne jedoch nur begrenzt gedeckt werden, dafür reichten Personal und finanzielle Ausstattung nicht.

Anlaufstelle für Flüchtlinge am Leipziger Bahnhof

Indes ist das Engagement von Bürgern stark, wie Beyer beobachtet. „Ehrenamtliche habe ich genug“, sagte der Leiter der Bahnhofsmission in Leipzig, Carlo Arena. Er kann sich auf 25 Freiwillige stützen, die jeweils einmal in der Woche zur Verfügung stehen. Das Büro ist inzwischen auch Anlaufstelle für Flüchtlinge, die im Hauptbahnhof ankommen oder sich dort tagsüber aufhalten. „Sie sprechen uns an, suchen Kontakt, wollen die Sprache lernen und Integration.“ Auffällig ist laut Arena auch die Zunahme von Menschen mit Depressionen.

In Chemnitz hat die Bahnhofsmission vor allem mit sozial Schwachen aus der Stadt und Umgebung sowie Migranten zu tun. „Es ist die ganze Bandbreite derer, die Hilfe brauchen“, erzählte die Teamchefin,Schwester Claudia-Maria von der Caritas. Am Monatsende gebe es stets einen Ansturm. „Der Geldbeutel ist leer, die Suche nach Hilfe groß.“ Unter den mehr als 20 000 Besuchern pro Jahr sind auch viele Blinde und Sehschwache, da es ein großes Blindenzentrum in der Stadt gibt. 2015 wurden zahlreiche ankommende Flüchtlinge zur Erstaufnahme weitergeleitet.

„Wir schieben nur an. Machen müssen sie selbst“

Auch in Görlitz spürt die Bahnhofsmission - die erste, die vor 25 Jahren in Sachsen nach dem Ende der DDR wiedereröffnet wurde - die Krisen. „Tagsüber betreuen wir bis zu 50 Menschen“, sagte ihre Chefin Renate Tietz. Die Besucherzahlen stiegen seit 2011 kontinuierlich. In der deutsch-polnischen Grenzstadt nahe Tschechien haben es die Mitarbeiter - neben Tietz zwölf Ehrenamtliche - auch mit Menschen aus diesen Ländern zu tun. Die meisten sind Männer zwischen 20 und über 70 Jahren - ohne Arbeit oder festen Wohnsitz sowie Alleinerziehende.

Die Versorgung ist dort auch Mittel zum Zweck, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. „Wir vergolden ihnen aber nicht den Popo, sondern schieben nur an. Machen müssen sie selbst“, betonte Tietz. Für Essen ist dank Spenden gesorgt. „Ein Fleischer liefert Soljanka, ein Bäcker Kuchen, Brot und Brötchen, Bürger schicken Wurstpakete - was man eben so braucht.“ In Chemnitz gibt es den Pott Kaffee für 50 Cent, aber kein warmes Essen. „Wir sind keine Suppenküche, sondern eine Küche ohne Herd“, sagte Schwester Claudia-Maria.

Bundesweit kümmern sich nach Angaben der Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission 104 Anlaufstellen um Reisende, Menschen in akuter Not und existenzieller Gefahr. Sie werden in erster Linie von kirchlichen Hilfswerken wie Caritas und Diakonie getragen. Die älteste deutsche Bahnhofsmission im Berliner Ostbahnhof wurde 1894 eröffnet.

Von LVZ