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Mitteldeutschland Kraftwerk Lippendorf produziert nur noch halb so viel Strom
Region Mitteldeutschland Kraftwerk Lippendorf produziert nur noch halb so viel Strom
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16:34 27.06.2019
Das Kraftwerk Lippendorf in der Abenddämmerung: Ein Block wird aus wirtschaftlichen Gründen vorläufig nicht betrieben. Quelle: André Neumann
Neukieritzsch/Lippendorf

Im Braunkohlekraftwerk Lippendorf dampft und raucht seit einer reichlichen Woche nur noch einer der beiden Kühltürme, weil nur einer der beiden 900-Megawatt-Blöcke Strom produziert. Das ist an sich nichts ganz Ungewöhnliches, im aktuellen Fall aber doch.

Aus welchen Gründen werden Kraftwerksblöcke vom Netz genommen?

In erster Linie aus technischen Gründen. Es gibt turnusmäßige Wartungen und Instandhaltungen, für die ein Block vollständig heruntergefahren wird. Ein anderer Grund für die Drosselung oder das komplette Herunterfahren eines Blockes ist der gesetzlich geregelte Vorrang für erneuerbare Energien bei der Einspeisung ins Stromnetz. Wenn Solar- und Windkraftanlagen den Bedarf ausreichend abdecken, werden Kraftwerke, die fossile Energieträger verbrennen, gedrosselt. An besonders windreichen Tagen war das in der Vergangenheit auch am Kraftwerk Lippendorf zu beobachten.

Ist einer der beiden Fälle der Grund für die aktuelle Abschaltung?

Nein. Das Problem ist diesmal ein anderes, das zudem schwerwiegende Folgen haben könnte. Denn der Kraftwerksblock wurde von seinem Eigentümer aus wirtschaftlichen Gründen vom Netz genommen.

Wer hat die Abschaltung des Blocks veranlasst?

Betreiber des Kraftwerks in Lippendorf ist der Energiekonzern Leag. Dem Unternehmen gehört aber nur einer der beiden Blöcke, nämlich der mit der Bezeichnung R. Der zweite Block, der die Bezeichnung S trägt, gehört dem Konzern EnBW (Energie Baden-Württemberg). Dessen Sprecher Hans-Jörg Groscurth erklärt: „Der Einsatz unserer Kraftwerke richtet sich generell nach den jeweils aktuellen Gegebenheiten am Strommarkt.“

Die Bewertung der verschiedenen Parameter führe EnBW zum jetzigen Zeitpunkt „zu der betriebswirtschaftlichen Entscheidung, den Block in Lippendorf nicht am Markt zu betreiben“. Solche Parameter seien unter anderem der Großhandelspreis, der Kohlendioxid-Preis, Strommengen und die Nachfrage nach Strom im Markt, außerdem Beschaffungs- und Betriebskosten.

Was steckt hinter der Entscheidung der EnBW?

Der Experte für Energiewirtschaft Martin Maslaton, Rechtsanwalt in Leipzig und Hochschullehrer für Umwelt- und Energierecht an der TU Chemnitz, sieht zwei Gründe für die Abschaltung des Blocks. „Die Preise für Strom, den man dauerhaft liefert, sind extrem niedrig“, sagt der Experte. Wegen des Vorrangs für erneuerbare Energien, die nicht kontinuierlich zur Verfügung stehen, müssten herkömmliche Kraftwerke ständig an- und abgefahren werden.

Energieexperte Martin Maslaton. Quelle: privat

„Dann kann es bei einem Braunkohlekraftwerk bei den aktuellen Preisen günstiger sein, einen Block nicht zu fahren.“ Der zweite Grund, den Maslaton sieht, ist ein politischer. EnBW gehört überwiegend dem Land Baden-Württemberg und dortigen Kommunen. Das Unternehmen, das mehrere Kern- und fossile Kraftwerke betreibt, tue auch viel im Bereich erneuerbarer Energien, weiß der Branchenkenner. „Das ist Geschäftspolitik“, sagt der Hochschullehrer. Deswegen verkaufe das Unternehmen jetzt offenbar vorrangig Strom aus solchen Quellen.

Und was ist bei Halblast-Betrieb mit der Belegschaft?

Tatsächlich werde weniger Personal benötigt, sagt Leag-Sprecher Thoralf Schirmer und deutet an: „Wir werden Kollegen bitten, Überstunden abzubauen und flexible Urlaubstage zu nehmen.“ Was passiert, wenn die Abschaltung länger dauern sollte, darüber will Schirmer nicht spekulieren. Der Betriebsratsvorsitzende des Kraftwerkes Jens Littmann erwartet, dass keine Nachteile auf die Mitarbeiter zukommen werden. Der Leiter des Werks, Christian Rosin, war bisher nicht zu erreichen.

Jens Littmann erwartet, dass die Abschaltung des Blocks in Lippendorf keine Konsequenzen für die Mitarbeiter hat. Quelle: André Nemann

Wie lange wird der Block in Lippendorf ruhen?

„Wir sind der Meinung, dass es eine zeitweilige Abschaltung ist“, drückt Schirmer die Hoffnung seines Unternehmens aus. EnBW macht dazu keine konkreten Angaben. Sprecher Groscurth teilt lediglich mit: „Verändern sich die Parameter, kann der Betrieb auch kurzfristig wieder aufgenommen werden.“ Er sagt aber auch: „Die Besonderheit im Moment besteht darin, dass die relevanten Rahmenbedingungen vermutlich längere Zeit andauern.“ Energie-Experte Martin Maslaton hält eine Rückkehr zum Betrieb für weniger wahrscheinlich als den Weg zu einer endgültigen Stilllegung. Das sei aber Spekulation, fügt er hinzu.

Multimedia-Reportage

So funktioniert das Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig.

Welche Auswirkung hat der ruhende Block für den Betreiber?

„Schön ist es für ein Kraftwerk nicht, nicht mit voller Last arbeiten zu können“, gibt Leag-Sprecher Schirmer zu. Technisch sei eine längere Ruhephase kein Problem, sagt er und verweist als Beispiel auf einen 500-MW-Block am Kraftwerk Jänschwalde, den die Leag seit einem knappen Jahr in Sicherheitsreserve hält, also nicht betreibt.

Wirtschaftlich sei der abgeschaltete Block im Moment in Lippendorf kein Problem, da jeder der beiden Eigentümer seinen erzeugten Strom selbst vermarkte. Weil auch ein ruhender Block unterhalten und gewartet werden müsse, lege die Leag weiterhin Betriebskosten auf EnBW um, so Schirmer. Auf die Fernwärmelieferung nach Leipzig, sagt Schirmer, habe die Abschaltung keine negative Auswirkung, die könne auch mit einem Block realisiert werden.

Von André Neumann

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