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Mitteldeutschland Bruderstaat Sowjetunion: Egon Krenz liest sein Loblied im Leipziger Felsenkeller
Region Mitteldeutschland Bruderstaat Sowjetunion: Egon Krenz liest sein Loblied im Leipziger Felsenkeller
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16:10 06.09.2019
Egon Krenz bei seiner Lesung von "Wir und die Russen" im Felsenkeller in Leipzig. Quelle: Matthias Puppe
Leipzig

Donnerstagabend im „Naumanns“, dem kleinen, fensterlosen Saal des Leipziger Felsenkellers. Dort, wo sonst Rockbands ihre Wut ins Publikum brüllen, manch blätternde Wandfarbe zur Atmosphäre gehört, nimmt ein Mann auf der Bühne Platz, dem früher Podien vor Hunderttausenden gerade groß genug waren. Am besten mit Fahnen und Fackeln in der Hand. Egon Krenz war Staatsratsvorsitzender der DDR, für sieben Wochen die einsame Spitze im selbsternannten sozialistischen Staat.

Der Höhepunkt seiner langen politischen Karriere ist fast genau drei Jahrzehnte her. Der heute 82-Jährige hat inzwischen als Verantwortung für die Mauertoten im Gefängnis gesessen, danach eher sparsam Reue präsentiert. Für die Hundert Zuhörer im Felsenkeller ist Krenz aber auch der letzte Zeitzeuge aus dem inneren Zirkel der SED-Macht. Sie hoffen auf Antworten, auch auf Bestätigung: So schlimm war es doch gar nicht in der DDR. Am Ende des Abends wird eine Zuhörerin sagen: „Mir ist das Herz aufgegangen, ihn nach 30 Jahren so zu sehen, dass er viele Dinge einfach richtig gerückt hat.“

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Egon Krenz ist auf Einladung des Rotfuchs Fördervereins in der Messestadt, einer Gruppe von traditionellen Kommunisten und Sozialisten. Am Donnerstag wurde der Ex-Staatschef aber auch von Leipzigs langjährigem Linken-Chef Volker Külow in den Saal begleitet. Es gibt sie also noch, die Verbindung zur Partei, die ihn 1990 ausgeschlossen hat. „Krenz-Truppen“ nannte einst der SPIEGEL seine verbliebenen Unterstützer, einige sind auch am Donnerstag da. Als am späteren Abend jemand im Publikum vom Ex-Staatschef wissen will, wie er den Linken-Absturz bei den jüngsten Landtagswahlen interpretiert, muss Krenz kurz überlegen: „Ich habe viel Sympathie für die Partei und das Wahlergebnis tut mir leid. Ich denke, viele haben die Linke als Protestpartei gesehen. Dieser Glaube ist inzwischen offenbar verloren gegangen.“

Der Feind stand im Westen

Egon Krenz’ Glauben an den Sozialismus ist dagegen unerschütterlich, ähnlich der an den einstigen Bruderstaat Sowjetunion. Sein neues Buch heißt „Wir und die Russen“ (Edition Ost) und ist eine Hommage an die Freundschaft zwischen Ostdeutschen und Sowjetkommunisten. Krenz liest eine Stunde lang daraus vor – ohne Pause, ohne Abzusetzen. Auch mit 82 Jahren liegt ihm das Reden noch. Er beginnt mit der Staatsgründung der DDR und endet mit dem Herbst 1989. Zwischendrin gibt es auch Einlassungen zur aktuellen Russlandpolitik. Die Sowjetunion sei immer ein echter Freund gewesen, sagt Krenz wieder und wieder. Der Feind stand im Westen, verhinderte Gemeinsames, zwang zur Reaktion, soviel wird klar. Nur einer war in Moskau letztlich fehl am Platz: „Ich habe Gorbatschow vertraut. Heute weiß ich: Viel zu lange. Objektiv bleibt Verrat, Verrat!“

Mancher Historiker würde Teile des Vortrags revisionistisch nennen, zum Beispiel als Egon Krenz sagt: „Stalin wollte aufrichtig ein demokratisches Deutschland.“ Oder als er behauptet, Adenauers Heimholung der Kriegsgefangenen sei auch der DDR-Führung zu verdanken gewesen. Vielleicht auch, als Krenz letztlich erklärt, Stasi-Chef Erich Mielke hätte die Gewaltlosigkeit gegen Demonstranten unterstützt.

Egon Krenz beim Signieren seines Buches im Leipziger Felsenkeller. Quelle: Matthias Puppe

Waffe nicht gegen das eigene Volk erhoben

Überhaupt, der Herbst 1989 – die Zeit „der Wende“. Diesen Begriff hat der Ex-Staatschef selbst mitgeprägt, weshalb Bürgerrechtler ihn bis heute ablehnen. Am Donnerstag nutzt Krenz ihn wieder und wieder, vor allem um seine Rolle zwischen Montagsdemos und Mauerfall ins rechte Licht zu rücken. Er berichtet von seinem Befehl „11/89“, der die Anwendung der Waffe gegen die Demonstranten explizit ausgeschlossen habe. „Die Wessis wollten das zwar nicht wahrhaben, aber wir gingen davon aus, das die Waffe nicht gegen das eigene Volk erhoben wird. Das war einfach unsere humanistische Erziehung“, sagt Krenz und erntet viel Applaus. Was er nicht sagt: Bei unerlaubtem Grenzübertritt blieb die humanistische Erziehung auf jeden Fall auf der Strecke.

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Geschenkt. Immerhin wird der 82-Jährige am Donnerstag doch noch selbstkritisch. „Unser größter Fehler war, dass wir nicht offen über unsere Probleme geredet haben“, sagt er und blickt ins Publikum: „Denn wir hatten ja schließlich ein hoch gebildetes und hoch politisches Volk“. Wieder Applaus. Auch die wirtschaftlichen Probleme will Krenz nicht verhehlen, das Land sei ohne Hilfe der Sowjets nicht lebensfähig gewesen. Allerdings, und das ist ihm wichtig: „Pleite war die DDR nie“, auch nicht 1989. Unerwähnt bleibt in seiner Problemanalyse derweil, dass Tausende Andersdenkende in DDR-Gefängnissen saßen, dass Wahlen manipuliert wurden und dass der Staat seine Bürger bis ins Private hinein überwachte und unter Druck setzte.

Auch, dass Krenz nach dem Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ demonstrativ nach Peking gereist war, um sich mit der chinesischen Führung zu solidarisieren, erwähnt er am Donnerstag nicht. Dafür berichtet der 82-Jährige von seinem aktuellen Besuch im Land: „Ich habe die große Hoffnung, dass der Sozialismus 1989 nicht verschwunden ist“, sagt Krenz zum Abschluss und fügt an: „In China gibt es gute Wege, wie er doch noch siegen kann.“

Von Matthias Puppe

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