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Mitteldeutschland Chatten bis der Arzt kommt
Region Mitteldeutschland Chatten bis der Arzt kommt
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13:00 06.01.2019
Dr. Thomas Lipp und Schwester Lysann Thiele am Rechner. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Was machen denn Ihre Schmerzen?“ fragt Dr. Thomas Lipp am Bildschirm seiner Praxis im Leipziger Süden. „Die sind im Augenblick erträglich“, antwortet der krebskranke Patient aus dem Maximilianstift am anderen Ende. „Dann belassen wir es so mit der Medikation“, entscheidet der Arzt. Nun lässt er sich die Hände zeigen, die nach der Chemotherapie schwere Schäden aufwiesen. „Sehr schön, komplett abgeheilt.“ So geht es weiter. „Da muss ich heute nicht ins Heim kommen“, sagt er schließlich zum Heimleiter.

Dann schaltet Lipp zum Ambulanten Pflegedienst Löwenherz, wo eine Pflegerin eine Patientin mit geschwollenen Beinen und Füßen vorstellt. Eine Stelle am linken Bein schmerze besonders. „Mal ein bisschen näher ran mit der Kamera“, fordert Lipp die Pflegerin auf. „Sieht aus wie ein Hämatom. Die Patientin schauen wir uns an, wenn wir dort sind.“

Seit April 2017 wird in Deutschland die Fernvisite per Telemedizin vergütet. Seither gab es die verschiedensten Versuche, diese Art des Patientenkontakts zu etablieren. In Leipzig hat die größte Krankenkasse in Sachsen und Thüringen, die AOK Plus, gemeinsam mit den Hausarztpraxen von Lipp und seinem Kollegen Dr. Jürgen Flohr nun ein großes Pilotprojekt gestartet. Flohr hatte zuvor bereits an einem Projekt zur Betreuung von zwei Leipziger Pflegeheimen teilgenommen.

Aufbruch in eine neue Dimension

Für Lipp ist das der Aufbruch in eine neue Dimension: „Jetzt haben wir erstmals die Möglichkeit, flächendeckend ein modernes System zu installieren. Das, was wir hier aufbauen, soll technisch so ausgefeilt sein, dass es künftig auch bei anderen Nutzern funktioniert.“ Dabei geht es perspektivisch weniger um Großstädte wie Leipzig oder Dresden, sondern vor allem um Gegenden in Sachsen, die medizinisch nicht oder nur schlecht versorgt sindim Vogtland oder Erzgebirge beispielsweise.

Mit an Bord bei dem derzeitigen Pilotprojekt sind auch die Pflegeeinrichtungen Maximilianstift Leipzig, das Domizil am Ostplatz Leipzig und der Ambulante Pflegedienst Löwenherz. Fragen des Datenschutzes werden dabei über die Heimverträge geregelt. Zunächst auf drei Monate befristet soll über eine Weiterführung und eventuelle Ausweitung des Projekts im Februar entschieden werden. Die Aussichten dafür stehen gut.

Die AOK Plus hat die Beteiligten dafür mit Technik-Paketen ausgestattet, die auf Wunsch der Ärzte Tablets mit Software zur Videokommunikation sowie Medizinprodukte, wie beispielsweise ein modernes und transportables EKG, ein Pulsmess- und ein Hautuntersuchungsgerät zur Vitaldatenerhebung enthalten. Blutdruck- und Blutzuckergeräte dagegen fehlen, weil dafür keine Videoübertragung notwendig ist. Rund 17 000 Euro kosten die fünf Rucksäcke. Dazu kommen 50 Euro Lizenz im Monat für die Video-Software und weitere 50 Euro für die Flexicard, die je nach Standort das stärkste Netz fürs Internet auswählt.

Telemedizin ist keine „Wunderwaffe“

Konkret geht es um zwei Szenarien, die mit den beiden Ärzten und den Pflegeeinrichtungen erarbeitet wurden. Im ersten kann der Arzt bei der Visite in der Pflegeeinrichtung mit Hilfe des Technik-Pakets die Vitaldaten des pflegebedürftigen Bewohners der stationären Pflegeeinrichtung erheben und einen Facharzt per Video hinzuziehen, um mit ihm die weitere Behandlung abzustimmen. Beim zweiten setzen Pflegefachkräfte oder Praxisassistenten die Technik-Pakete aktiv im Alltag ein, um bei Bedarf den Hausarzt per Video zu einem Pflegebedürftigen hinzuzuschalten. Auch hier kann der Hausarzt einen Facharzt per Dreierkonsil einzubinden.

Einbezogen in das Projekt sind deshalb Fachärzte für Gastroenterologie, für Chirurgie, für Neurologie, für HNO, für Dermatologie und für Gynäkologie. Vorteil: Der Patient muss nicht erst überwiesen werden. „Dabei ist umgedreht auch klar: Wenn ich das Urteil nicht am Bildschirm fällen kann, muss ich den Patienten natürlich untersuchen“, so Lipp. Auch sei die Telemedizin keine „Wunderwaffe“ und ersetze nicht Hausbesuche.

Dennoch ist er von den Vorteilen überzeugt. „80 Prozent aller Überweisungen oder Einweisungen kann ich damit sparen“, sagt der Allgemeinmediziner. Dazu entfielen Arzttermine für Rückfragen und Routinekontrollen sowie zahlreiche Krankentransporte. „Der Aufwand beim Patienten wird gesenkt, Ressourcen beim Arzt werden frei“, lobt Lipp. Was in der Summe die Versorgungsqualität sogar noch erhöhe.

Telemedizin soll „haus- und fachärztliche Versorgung sichern“

„Ziel des Projekts ist es, die haus- und fachärztliche Versorgung in Pflegeeinrichtungen gerade unter den Bedingungen des Fachkräftemangels sowohl beim Pflegepersonal als auch bei fach- und hausärztlichen Kapazitäten mit den Möglichkeiten der Telemedizin zu sichern,“ erklärt der Vorstandschef der AOK Plus, Rainer Striebel, das Engagement der Krankenkasse Außerdem sollen im Rahmen dieses Projekts das Berufsbild der Pflegefachkraft gestärkt und alle Beteiligten durch den Einsatz von Telemedizin entlastet werden.

Ein wesentliches Hindernis ist aber noch immer die geringe Honorierung. Lipp sagt: „Die Kassenärztliche Vereinigung muss erkennen, dass das keine Spielerei ist, sondern eine sinnvolle Grundversorgung.“

Von Roland Herold

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