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Mitteldeutschland Chemnitz-Prozess: Zeuge berichtet über die Todesnacht
Region Mitteldeutschland Chemnitz-Prozess: Zeuge berichtet über die Todesnacht
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16:44 26.03.2019
Dem angeklagten Syrer Alaa S. (23, 2 v.l.) werden gemeinschaftlicher Totschlag an Daniel H., versuchte gemeinschaftliche Totschlag an Dimitri M. sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Quelle: epd
Leipzig

Als Yuri M. (33) berichtet, wie er sein T-Shirt auszog und es dem blutenden Daniel H. unter den Kopf stopfte, wie er den Sterbenden in den Armen hielt, rinnen die Tränen. Bislang hat die Mutter von Daniel H., der am 26. August 2018 bei einem Messerangriff in Chemnitz getötet wurde, den Prozess mit einer bewundernswerten Ruhe verfolgt. Am zweiten Verhandlungstag bringt der Zeuge Yuri M. am Dienstag aber eine gewisse Klarheit in die Todesnacht: Die Mutter hört zum ersten Mal, wie - und wahrscheinlich auch weshalb - ihr Sohn in jener Nacht gestorben ist.

Eine „Linie ziehen“

Yuri M. schildert, wie er gemeinsam mit seinem Bruder Dmitri M. (38) - der bereits zum Prozessauftakt ausgesagt hatte - und ihren beiden Ehefrauen nach dem Chemnitzer Stadtfest auf dem Nachhauseweg gewesen ist. An einem Döner-Imbiss gegenüber des berühmten Marx-„Nischels“ trafen sie in jener Nacht Daniel H. (35), der mit Yuri M. als Fußbodenleger gearbeitet hatte. Danach nahm die Tragödie ihren Lauf: Zwei junge, dunkelhaarige Männer kamen, berichtet der Russlanddeutsche vor dem Landgericht, von denen einer nach einer EC-Karte gefragt haben soll. Er habe es so verstanden, dass der Mann „etwas ziehen will“, erklärt Yuri M. Eine „Linie ziehen“ steht gemeinhin als Synonym für das Rauschgift Kokain. Auch entsprechende Gesten sollen vollführt worden sein.

Massenschlägerei gegen „acht oder zehn“ Mann

Danach sei Daniel H. mit den beiden zur Seite gegangen - „und dann ging alles los“. Eine Massenschlägerei der Brüder und von Daniel H. gegen „acht oder zehn“ Männer, die plötzlich vor Ort gewesen seien. Irgendwann habe sein Arbeitskollege blutend am Boden gelegen, erinnert sich Yuri M. an jene Nacht. Kurze Zeit darauf erlag Daniel H. seinen schweren Stichverletzungen, die unter anderem Herz und Lunge getroffen hatten. Wie sich später herausstellte, hatten sowohl Daniel H. als auch Dmitri M. jeweils etwa 1,3 Promille Alkohol im Blut, bei dem Getöteten wurden außerdem Spuren von Kokain nachgewiesen.

Es ist ein Prozess, auf den ganz Deutschland schaut: Vor dem Oberlandesgericht Dresden hat das Verfahren um das Tötungsverbrechen an Daniel H. (35) im August 2018 in Chemnitz begonnen. Dem Angeklagten Alaa S. wird vorgeworfen, an der tödlichen Messerattacke beteiligt gewesen zu sein.

Die Tat wird seit der vergangenen Woche vom Landgericht Chemnitz aufgerollt, das aus Sicherheitsgründen in Sachsens einzigen Hochsicherheitssaal am Oberlandesgericht Dresden umgezogen ist. Mit Alaa S. (23) ist ein Asylbewerber aus Syrien angeklagt, auf Daniel H. eingestochen zu haben. Der als Hauptverdächtiger geltende Fahrhad A. (22), ein Asylbewerber aus dem Irak, ist weiterhin auf der Flucht und wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Die Anklage lautet unter anderem auf gemeinschaftlichen Totschlag, weil bis heute unklar ist, wessen Messerstiche tödlich gewesen sind. Alaa S. bestreitet eine Tatbeteiligung, will sich laut den Anwälten momentan nicht selbst äußern.

Viele Fragen weiter offen

Schon während des zweiten Verhandlungstages wird klar: Es wird ein zäher Prozess. Das legen nicht nur die bis Oktober festgelegten Termine nahe - sondern auch die bereits zweite unklare Aussage eines Zeugen. Dmitri M. hatte sich in der Vorwoche ebenfalls in Widersprüche verstrickt. Sein Bruder Yuri M. schildert zwar den Ablauf in jener Nacht, lässt aber dann viele Fragen offen. So will er den Angeklagten jetzt im Gericht als Tatbeteiligten identifizieren, ist sich beim Betrachten von Fotos allerdings unsicher gewesen. Und: Vor der Polizei hatte der Russlanddeutsche, der seine Aussagen vor Gericht von einer Dolmetscherin übersetzen lässt, von einem Mann gesprochen - nun sollen es zwei gewesen sein.

Verteidigerin will Ordnungshaft für Zeugen

Ricarda Lang, die Anwältin von Alaa S., fordert die Vorsitzende Richterin Simone Herberger schließlich auf: „Könnten Sie den Zeugen daran erinnern, dass er hier wahrheitsgemäße Angaben zu machen hat.“ Als Yuri M. auch noch verweigert, den Namen eines „Kollegen“ zu nennen, der ihm das Foto eines mutmaßlichen Verdächtigen zugeschickt hatte, reicht es der Strafverteidigerin: Sie beantragt ein Ordnungsgeld oder eine Ordnungshaft und äußert auch den „Verdacht einer Straftat in der Hauptverhandlung“, also einer Falschaussage oder ähnlichem. Zudem will Yuri M. bereits vor der Polizei seine Zweifel geäußert haben, was diese aber nicht ins Protokoll aufgenommen habe, erklärt er nun.

Keiner sexueller Übergriff

So verwirrend die Aussagen von Yuri M. im Sinne der Anklage auch sein mögen - mit einer Legende, die kurz nach der tödlichen Messerattacke gestreut worden war, räumt der Zeuge wie zuvor bereits sein Bruder Dmitri M. allerdings eindeutig auf: Es handelte sich nicht um einen sexuellen Übergriff. Vor allem in den sozialen Netzwerken war mobilisiert worden, weil Asylbewerber zwei Frauen belästigt haben sollten. Es hieß zunächst, dass Daniel H. helfen wollte - und dabei niedergestochen wurde. Daraufhin hatte es Demonstrationen und Ausschreitungen in Chemnitz gegeben, Neonazis hatten die aufgeheizte Stimmung für sich genutzt.

Bereits im Vorfeld war die Anklage gegen Alaa S. in Justizkreisen als „sehr dünn“ bezeichnet worden. Von ihm haben sich weder am mutmaßlichen Tatwerkzeug, einem Messer, noch an der Kleidung des getöteten Daniel H. DNA-Spuren finden lassen - diese möglichen Indizien fallen für einen Schuldnachweis aus. Während der mehr als hundert Zeugenbefragungen der Polizei soll sich außerdem kein klares Bild abgezeichnet haben, was sich aktuell zu bestätigen scheint. Als einer der Hauptbelastungszeugen gilt neben Dmitri und Yuri M. der Koch eines Döner-Imbisses, der aber in 50 bis 70 Meter Entfernung gestanden hat.

Entscheidung zu AfD-Antrag

Die Anwältin Ricarda Lang hat deshalb die Einstellung des Verfahrens aus Mangel an Beweisen beantragt. Darüber ist noch nicht entschieden worden. Dagegen wurde der Befangenheitsantrag, wonach das Gericht seine Einstellung zu Flüchtlingen und zur AfD erklären soll, abgelehnt. Das Gericht sieht das „Recht auf ein faires Verfahren“ für den Angeklagten gewahrt. Gleichzeitig hat die Kammer die weitere Untersuchungshaft für Alaa S. angeordnet. Die Verhandlung wird in zwei Wochen fortgesetzt.

Von Andreas Debski

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