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Mitteldeutschland Chemnitz zeigt Relikte aus fernen Urlaubszeiten
Region Mitteldeutschland Chemnitz zeigt Relikte aus fernen Urlaubszeiten
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18:09 18.07.2018
Thomas Laube, Roland Seifert, Siglinde Scheunert und Karl-Clauss Dietel (v.l.) stellen dem Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz ihre Erinnerungsstücke zur Verfügung.
Thomas Laube, Roland Seifert, Siglinde Scheunert und Karl-Clauss Dietel (v.l.) stellen dem Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz ihre Erinnerungsstücke zur Verfügung. Quelle: Foto: dpa
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Chemnitz

Noch immer ist es da, dieses Leuchten, wenn man die Schale ins Licht hält. Die ganze Bandbreite zwischen Gelb und Lila. Nur die merkwürdigen Glashörner irritieren ein wenig. Eigentlich wollte Siglinde Scheunert (82) das Objekt der Begierde schon mehrmals auf den Müll werfen. „Wenn es dann aber soweit war, habe ich es doch nicht fertig gebracht. Irgendwie sieht sie doch schön aus.“

Erstanden hat die einstige Chemnitzer Textilverkäuferin die Konfektschale im Jahre 1982 im „Hotel Esplanade“ von Marienbad in der damaligen CSSR. Wie viele tschechische Kronen sie für das Mitbringsel aus Böhmischem Glas ausgeben musste, daran kann sich Scheunert nicht mehr erinnern. Wohl aber, dass der Verkäufer ihr lieber einen Aschenbecher andrehen wollte. „Jedenfalls war sie teuer. Und man durfte damals ja nur 20 DDR-Mark pro Tag umtauschen.“ Damals, das war, als in den Restaurants im Nachbarland auch schon mal nachgefragt wurde „Deutsch oder DDR?“ – und dann halt auch entsprechend bedient.

Es hat am Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (smac) durchaus gute Tradition, dass man historische Themen mit Ausstellungen in die Gegenwart holt und dabei die Bewohner der Stadt einbezieht, gleich ob es um das historische Kaufhaus Schocken geht, in dem die Institution heute untergebracht ist, oder um vietnamesische Ausgrabungen, die mit dem Thema Gastarbeiter verknüpft werden. Nun ist die neue Schau „Sachsen–Böhmen 7000. Liebe, Leid und Luftschlösser“, die im September eröffnet werden soll, Anlass. An ihr wird sich auch die Nationalgalerie Prag beteiligen und später geht sie auch in die tschechische Landeshauptstadt. Direktorin Sabine Wolfram und ihr Team riefen deshalb im Vorfeld dazu auf, Souvenirs und Erinnerungsstücke aus der Zeit herauszukramen, als beide Nationen noch „sozialistische Bruderländer“ waren.

„Die Resonanz war riesig“, freut sich Wolfram. 70 Leute mit rund 200 Exponaten meldeten sich. „Deren Objekte wollen wir alle nach und nach auch in der Ausstellung zeigen“, verspricht die Direktorin. Die Breite reicht vom Bierkrug bis zum Programm der Kommunistischen Partei der CSSR. Letzteres hat Karl-Clauss Dietel (83) zur Verfügung gestellt. „Meine Bindung zum Böhmischen reicht weit zurück“, sagt der über Chemnitz hinaus bekannte Formgestalter. 1947 sei er mit den Eltern zum ersten Mal im Sporthotel in Klingenthal gewesen und Zeuge des Schmuggels geworden, in dessen Folge sein Vater und seine Tante plötzlich Camel- und Chesterfield-Zigaretten rauchten.

Das ins Deutsche übertragene Aktionsprogramm der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei vom April 1968, der Versuch des Prager Frühlings, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen, hätten ihn fasziniert, erklärt Dietel heute. So wie ihn später im August in seiner Wohnung am Zeißigwald das Grollen der russischen Militärtransporte, die nach Prag rollten, entsetzte. „Was wir dann über das Westfernsehen sahen, hat uns tief erschüttert.“

Umso wertvoller sei ihm das KP-Papier. „Dieses Programm hat uns damals elektrisiert. Weil bis hin über Kultur und Kunst Dinge drin standen, die auch der DDR wünschenswert waren, aber jenseits aller Vorstellungen lagen.“ Schon Anfang der 1970er-Jahre war Dietel dann mit einer Kulturdelegation, der auch der Leipziger Opernintendant Joachim Herz angehörte, wieder im Nachbarland. Doch die Vorzeichen hatten sich nach dem niedergeschlagenen Aufstand umgekehrt. „Plötzlich waren wir für die Tschechoslowakei so etwas wie der Westen.“

Republikkonform dagegen war da der Sozialistische Wettbewerb zwischen dem VEB Nahverkehr Karl-Marx-Stadt und dem Städtischen Verkehrsbetrieb Most. Um Fahrgastzahlen, Pünktlichkeit und Energieverbrauch. Thomas Laube (48), heute Sammlungsleiter der Straßenbahnfreunde, hat die Wanderfahne vom damaligen Leistungsvergleich über die Jahre hinweg aufbewahrt. „Im Prinzip ging sie immer hin und her“, erinnert sich Laube.

Roland Seifert (68) aus Flöha (Landkreis Mittelsachsen) kickte in den 1980er-Jahren bei Fortschritt Falkenau. Nachdem ein guter Kumpel in einer Kneipe in Frydlant einen Tschechen kennenlernte, entstand der Plan, wechselseitig Fußballspiele auszutragen. „Wir haben damals im Forst gearbeitet, damit die Tschechen bei uns kostenlos wohnen könnten. Und die Tschechen haben in ihrer Heimat Gras gemäht“, erinnert sich Seifert, der das alles akribisch in Fotoalben dokumentiert hat. Mit der Wende war dann aber alles vorbei. Jahre später sei er noch einmal vergeblich rüber gefahren, ohne jemand von den einstigen Fußball-Gegnern zu finden.

Seit es nur noch Deutsch und nicht mehr DDR gibt, fährt auch Siglinde Scheunert nicht mehr ins Nachbarland, sondern lieber nach Südtirol oder Kroatien. „Man hat ja heute ganz andere Möglichkeiten. Wir kaufen höchstens mal an der Grenze ein“, sagt sie fast entschuldigend. „Aber von der Konfektschale werde ich mich wohl nicht mehr trennen“, verspricht sie lächelnd und hält ihr Erinnerungsstück fast wie eine Trophäe in der Hand.

Von Roland Herold