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Mitteldeutschland „Schicht im Schacht“ – warum ein Erzgebirgsfan aus Leipzig so enttäuscht ist
Region Mitteldeutschland

Corona: Warum ein Erzgebirgsfan aus Leipzig so schwer enttäuscht ist

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14:41 24.11.2021
Erzgebirgsfan und LVZ-Reporter Böhmer in der Carlsfelder Schneebar (l.) und die New-York-Times-Ausgabe mit der ganzen Seite über Impfgegner und Corona-Leugner im Erzgebirge (r.).
Erzgebirgsfan und LVZ-Reporter Böhmer in der Carlsfelder Schneebar (l.) und die New-York-Times-Ausgabe mit der ganzen Seite über Impfgegner und Corona-Leugner im Erzgebirge (r.). Quelle: privat/fwolter
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Leipzig

Liebe Freunde im Erzgebirge;

meine heimliche Liebe zu euch hat in diesen Tagen einen tiefen Riss bekommen. Ich bin zwar schon lange Großstädter, aber immer um die Vorweihnachtszeit wechsle ich heimlich die Seiten. Dann bin ich gedanklich einer von euch, was vielleicht auch daran liegt, dass ihr so schöne weihnachtliche Figuren wie den Nussknacker und das Räuchermännchen schnitzt und ich im Osterzgebirge geboren wurde - also mit Sachsen und den Bergen bestens vertraut bin. Aber klar, Original-Erzgebirge ist nicht im Osten bei Zinnwald, sondern zwischen Seiffen, O-Thal und Carlsfeld. Ihr seid das Erz, das sieht man schon an den Autonummern. Und dank staatlicher sächsischer Initiative seid ihr auch Weltkulturerbe.

Synonym für sächsischen Kleingeist

Aber weltweit habt ihr es eben leider mit Eurer Corona-Bockigkeit auch hinbekommen, das Synonym für sächsischen Kleingeist und Sturheit zu werden. Annaberg-Buchholz als Hauptstadt der Corona-Leugner und Impfgegner hat es jetzt sogar in die New-York-Times geschafft. Eine ganze Seite - da ist für mich Schicht im Schacht. Dabei stand das Erzgebirge in den Zeiten des Silberabbaus mal für Fortschritt. Und nun? Widerstand um des Widerstands willen? So genau wisst ihr es wahrscheinlich selbst nicht. Aber, dass ihr ungeniert die Rufe der Friedlichen Revolution von 1989 kopiert („Wir sind das Volk“), ist mehr als nur ärgerlich. Das ist schlicht Verrat an den mutigen DDR-Bürgerrechtlern und Bürgerrechtlerinnen, die gegen die SED-Herrschaft ihr Leben aufs Spiel setzten.

Lieblingsplatz am Hirschkopf in Carlsfeld

Die New York Times hat mir den letzten Rest gegeben. Oder um es mit eurem Heimatdichter Anton Günther zu sagen: „S is Feierobnd“. Dabei gab es vorher schon Signale. Als ich viele von euch im November 2020 bei der Leipziger Querdenker-Demo entdeckte und dann registrierte, dass sie offenbar keine Berührungsängste mit Typen von Rechtsaußen haben, war ich irritiert, aber ich habe noch verziehen. Weil ich mir die vielen schönen Momente bei Euch nicht zerstören lassen wollte. Seit Jahren fahre ich mit Familie und Freunden zu euch in den Winterurlaub und wir fühlen uns wohl. Wenn es auf der Kammloipe per Ski Richtung Carlsfeld (Talsperren-Café!) und Weitersglashütte geht, summe ich „Arzgebirg wie bist du schi“ vor mich hin.

Große Liebe, wahre Leidenschaft: Aue-Fans im Erzgebirgsstadion im Mai 2018 beim Relegationsspiel gegen Karlsruhe (3:1). Quelle: A. Böhmer

Steigerlied in der Relegation mitgesungen

Mein Lieblingsplatz bei euch oben ist die Bombardino-Schneebar am Hirschkopf-Lift in Carlsfeld. Als ich im Januar 2020 das letzte Mal da war, hingen hier die Fahnen vom FC Erzgebirge Aue und von Sachsen noch nebeneinander. Heute kommt mir das vor wie in einem anderen Jahrhundert. Wahrscheinlich wurde die Sachsen-Fahne als Zeichen der staatlichen Diktatur längst verbannt, ihr seid ja im Widerstand gegen „die da oben in Sachsen“ und so stolz darauf. Das war ich übrigens auch mal auf Euch, als ich im Mai 2018 in Aue den 3:1-Sieg vom FC Erzgebirge in der Zweitliga-Relegation gegen Karlsruhe mitfeierte. Ich sang beim Steigerlied mit und um mich herum jubelten Männer, die wahrscheinlich noch bei der Wismut Uran für die Sowjetunion geschürft hatten. Es war Tradition, es war echter Stolz einer Region, es war Gänsehaut pur.

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Anfeindungen gegen Kretschmer

Und auf dieser tiefen Zuneigung liegt nun dieser Schatten, der es mir so schwermacht, weiter zu euch zu halten. Bei Corona und Eurem Widerstand gegen alles frage ich mich manchmal, ob da der Stülpner Karl als erzgebirgischer Freigeist noch in euch weiterlebt. Aber so feige wie diejenigen unter euch, die im Erzgebirgsstadion ein Transparent gegen Ministerpräsident Kretschmer entrollten und ihn als „Wessischwein“ die Sachsen-Zugehörigkeit absprachen, war der Stülpner nicht. Und anonym aus der „Querdenker“-Masse zum Mord an Kretschmer aufzurufen, wie vergangenen Freitag in Zwönitz, wäre auch nicht sein Stil gewesen.

Hass-Plakate und Schmähungen gegen Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU): Aue-Anhänger im Erzgebirgsstadion beim Heimspiel gegen Heidenheim am 7. November. Quelle: Robert Michael/dpa

Leugner und Querdenker machen Region klein

Dieser Hass ist jedenfalls nicht meine Liga, obwohl mir schon klar ist, dass ihr in der Mehrzahl nicht zu solchen Ausbrüchen neigt. Schließlich kenne ich viele von Euch und würde mit ihnen jederzeit in Carlsfeld wieder einen Bombardino trinken. Aber die Leugner und Querdenker prägen eben gerade sehr entscheidend euer Image und machen euch als Region so klein, so hinterwäldlerisch. Und das finde ich schade, weil ihr einfach so viel mehr könnt - siehe Weltkulturerbe.

Mit traurigen Grüßen und immer noch in der Hoffnung auf bessere Nachrichten;

Euer André Böhmer aus Leipzig

Von André Böhmer

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