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Mitteldeutschland „Das Lager wurde mit Desinteresse gestraft“
Region Mitteldeutschland „Das Lager wurde mit Desinteresse gestraft“
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22:33 20.07.2018
Neue Publikation zum KZ Sachsenburg.
Neue Publikation zum KZ Sachsenburg.
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Leipzig

Mike Schmeitzner, Historiker am Hannah-Arendt-Institut der TU Dresden und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, hofft, dass das Projekt Gedenkstätte KZ Sachsenburg 2021 fertig ist.

Was macht das KZ Sachsenburg so besonders?

Es war das größte und auch das am längsten betriebene KZ auf sächsischem Boden. Es existierte vom Mai 1933 bis zum Sommer 1937. In Sachsenburg waren zeitweise bis zu 1400 Menschen untergebracht – nach neuesten Forschungen weit über 7000 insgesamt. Im Gegensatz zu anderen frühen KZ haben auch ganz unterschiedliche Häftlingsgruppen dort eingesessen. Am Anfang – und das war die Hauptgruppe – politische Häftlinge. Also linke Gegner der Nazi-Diktatur: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter.

Es heißt, später kamen auch andere hinzu.

Ja, verstärkt ab 1935. Bis zu 400 Zeugen Jehovas beispielsweise und auch ca. 50 Juden. Gegen letztere gingen die SS-Wachmannschaften besonders brutal vor. Dann waren da noch inhaftierte Pfarrer beider Konfessionen, rund 25. Und ab 1936 noch einige hundert „Vorbeuge-Häftlinge“, sogenannte Asoziale,  die von der Gestapo aus der Öffentlichkeit entfernt wurden. Dazu gehörten auch Homosexuelle.

Was ist an dieser Bandbreite ungewöhnlich?

Es gab sie sonst nur in den späteren großen Lagern –  Buchenwald, Sachsenhausen oder auch Dachau. Sachsenburg bildete also eine Art Brücke zwischen den vielen frühen Lagern, die zumeist 1933 existierten, und den großen späteren Lagern. Eine Art Brücke bildete Sachsenburg auch in anderer Hinsicht: Das Lager wurde bis 1934 von der SA bewacht und danach von der SS, die dort über 500 Mann unter Waffen hatte. Es war der Nukleus der späteren Waffen-SS. Die SS-Wachen wurden hier auch militärisch ausgebildet, ideologisch indoktriniert und abgehärtet. Nach 1937 verlegte man die SS-Wachen und die Häftlinge u.a. nach Buchenwald, wo sie das neue große Lager mit errichteten.

Welche Bedeutung hat das heute für Sachsen?

Sachsenburg ist der zentrale Ort der Erinnerungslandschaft an die NS-Diktatur in Sachsen. Dieses Lager steht nicht nur für die Verfolgung und Isolierung von Gegnern des Regimes, sondern auch für die Ausbildung der SS. Es war gewiss zuallererst ein KZ für Sachsen, aber es hatte auch überregionale Bedeutung: Bis 1937 wurden dort Hunderte Personen aus anderen Teilen des Reiches untergebracht. So etwa der vormalige Vorsitzende des Deutschen Metallarbeiterverbandes Alwin Brandes aus Berlin, der bis 1933 auch Reichstagsabgeordneter gewesen war.

Sachsenburg war lange Zeit vergessen. Woran lag das? Hat sich die DDR nie darum gekümmert?

Doch, das schon. Bis 1990 existierte in Sachsenburg eine kleine Gedenkstätte, die vor allem an kommunistische Opfer erinnerte. Aber diese Gedenkstätte stand deutlich im Schatten der großen Lager-Gedenkstätten wie Buchenwald und Sachsenhausen. Es gab auch keine internationalen Gremien, die sich nach 1990 für den Weiterbetrieb der Gedenkstätte eingesetzt hätten. Dann wurde die vormals volkseigene Zwirnerei, in der die Gedenkstätte mit untergebracht war, von der Treuhand übernommen und weiterverkauft. Das war das Ende für die Gedenkstätte. In der Öffentlichkeit gab es zudem eine Tendenz, die da hieß: Jetzt sind Arbeitsplätze wichtiger als Gedenkstätten. Damals wurde auch von manchen in Zweifel gezogen, dass Sachsenburg überhaupt ein KZ war. Das Lager geriet vielleicht nicht ganz in Vergessenheit, aber es wurde mit Desinteresse gestraft.

Wurde wenigstens geforscht?

Vor 1989 kann von Forschung nur in eingeschränktem Maße die Rede sein. Bezeichnenderweise ging man zu DDR-Zeiten von ca. 2000 Gefangenen aus, ohne dies wirklich zu überprüfen. Mittlerweile hat die Forscherinitiative um Hans Brenner und Dietmar Wendler bereits mehr als 7000 Namen zusammengetragen.

Wann hat sich das gedreht?

Nach dem Jahr 2000 gerieten die frühen KZ verstärkt in den Fokus der Forschung. Eine erste große Bilanz der Forschung präsentierte dann Carina Baganz vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin mit ihrer Doktorarbeit über die frühen KZ in Sachsen. Eine Wanderausstellung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zum Thema ging kurz danach „an den Start“. Danach gründeten sich zwei wichtige Vereine, die das Erbe von Sachsenburg wachzuhalten versuchen: die Lagerarbeitsgemeinschaft (LAG) und die Jugendinitiative Klick um die junge Lehrerin und Historikerin Anna Schüller. 2012 wurde das Gedenkstättengesetz in Sachsen novelliert und Sachsenburg als künftige Gedenkstätte mit einer institutionellen Förderung ins Gesetz aufgenommen. 2016 veranstalteten das Hannah-Arendt-Institut und die Stiftung einen Workshop zur Geschichte des Lagers; das war ein wichtiger Meilenstein für den jetzt entstandenen Sammelband.

Warum hat das alles so lang gedauert?

Viele Jahre war das Areal in Privathand, dann wurden Teile an die Kommune Frankenberg verkauft, zu der Sachsenburg gehört. Damit wurde die Voraussetzung für eine Gedenkstätte geschaffen. Der Privateigentümer, der dem Projekt einer Gedenkstätte wohlwollend gegenübersteht, trat mehrere Gebäude ab. Jetzt kann in zwei Gebäuden begonnen werden.

Wie sieht die Stadt Frankenberg das? Eine KZ-Gedenkstätte ist ja kein touristisches Aushängeschild?

Aus der Sicht der Kommune mag da eine gewisse Zwiespältigkeit vorhanden sein: Auf der einen Seite ist sich die Stadt dieses historischen Erbes sicherlich bewusst, aber auf der anderen gilt auch: Es ist ein schwieriges Erbe. Der Blick zurück macht das deutlich: Das Lager war seinerzeit ein wichtiger Wirtschaftsstandort. Viele Gewerke haben daran verdient. Der damalige Bürgermeister tat sich aus genau diesem Grund 1937 sehr schwer mit der Schließung des Lagers.

Warum wurde es geschlossen?

Es entsprach nicht mehr den Anforderungen an ein großes und professionelles Lager. Es lag im Naherholungsbereich, in der Nähe der Burg, in der eine NS-Führerinnen-Schule untergebracht war. Trotz aller Professionalisierungsversuche des Regimes blieb das Lager stets ein Provisorium. Die Gefangenen und zuerst auch die Wachmannschaften waren in einer großen stillgelegten Zwirnereifabrik untergebracht. Leer stehende Fabriken, aber auch Jugendburgen, Sportobjekte der Arbeiterbewegung waren 1933 die bevorzugten Areale der SA gewesen, die in diese Provisorien ihre Gegner verschleppt hatten. Diese Art von Lagern war nicht mit professionellen Lagern zu vergleichen, die über ein spezifisches Barackensystem verfügten – so wie später auf dem Ettersberg in Buchenwald.

Wie viele Lager gab es in Sachsen insgesamt?

Ab März 1933 existierten weit über 20 solcher Lager in Sachsen. Aufgrund des starken linken Milieus gab es hier die vergleichsweise größte Dichte von frühen KZ im Reich. Noch im Frühsommer 1933 folgte allerdings sehr schnell ein Konzentrationsprozess. Kleinere Lager wurden geschlossen, übrig blieben die größeren, nämlich Sachsenburg, Hohnstein, Colditz und Schloss Osterstein in Zwickau. Ab 1934 existierte nur noch Sachsenburg. Damit stieg dessen Bedeutung weit über den Chemnitzer Raum hinaus: Viele Häftlinge kamen aus Leipzig und Dresden und bald schon aus anderen Teilen des Reiches.

Was könnte denn eine künftige Gedenkstätte Sachsenburg zeigen?

Bemerkenswert ist doch, dass das Areal als solches weitestgehend erhalten geblieben ist. Die große und heute wieder leer stehende Fabrik war der Haftraum für Tausende Häftlinge. Auch das Kommandantengebäude mit den Arrestzellen gibt es noch. Die Kommandantenvilla ist ebenfalls erhalten, wenn auch einsturzgefährdet. Laut Stadtratsbeschluss soll nun zumindest die Hülle des Gebäudes gerettet werden, was für den Gesamtkomplex wichtig wäre.

Wie wird die Gedenkstätte aussehen?

Im Eingangsbereich des Areals wird der Doppelhauskomplex genutzt, in dem die Kommandantur und die Arrestzellen untergebracht waren. Dort muss vorher aber noch gründlich saniert werden. Der Wissenschaftliche Beirat der Stiftung hat empfohlen, in diesem Gebäude möglicherweise kleinere Zimmer zusammenzulegen, um die künftige Ausstellung großzügiger zu gestalten. Im Fabrikgebäude wiederum sollten zumindest Führungen möglich sein. Nur so lässt sich der Alltag der Häftlinge einigermaßen nachvollziehen.

Gibt es noch Exponate?

Ja, die gibt es. Sie befinden sich etwa im Stadtarchiv Frankenberg und in Privatbesitz. Die größten überlieferten Bestände liegen unterdessen im Bundesarchiv Berlin und im Staatsarchiv Chemnitz. Ob solche Briefe oder Berichte als Originale oder Kopien demnächst ausgestellt werden können, wird man sehen. Wichtig ist auch eine moderne audiovisuelle Präsentation.

Von welchen Zeiträumen reden wir da?

Noch in diesem Jahr ist geplant, den Außenbereich des Areals mit Stelen zu markieren, die einzelne Orte und Situationen beschreiben. Dafür ist Geld eingestellt worden, die Arbeiten laufen bereits.

Und im Innenbereich?

Dort wird hoffentlich ab 2019 die Sanierung der Gebäude beginnen. Erst danach kann die Gedenkstätte mit einer Dauerausstellung über die frühen KZ in Sachsen im Allgemeinen und das KZ Sachsenburg im Besonderen eingerichtet werden. Wichtig waren das grundsätzliche Bekenntnis von Stadt und Land. Hier sind die entscheidenden Beschlüsse im Mai und Juni dieses Jahres gefallen. Geldgeber sind in Zukunft die Stadt, das Land und der Bund. Bei einer optimistischen Schätzung ist für 2021 mit der fertigen Gedenkstätte zu rechnen.

Jenseits der Zahlen. Welche Einzelschicksale berühren am meisten?

Das Schicksal von Max Sachs ist sehr berührend. Sachs war sächsischer SPD-Landtagsabgeordneter und Redakteur der „Dresdner Volkszeitung“, dazu jüdischer Herkunft. Er wurde im September 1935 in Dresden verhaftet und nach Sachsenburg überstellt. Dort wurde er in nur wenigen Tagen auf brutalste Weise zu Tode gefoltert. Vorher hatte man ihn in eine Jauchegrube geworfen und die Treppe hinunter gezerrt, und zwar so, dass der Kopf permanent auf die Stufen schlug. Er war nicht der einzige Mordfall, aber der prominenteste, der auch international Beachtung fand.

Wurden die Täter zur Rechenschaft gezogen?

In Sachsen hat es nach 1945 mehrere Prozesse im Falle Sachs gegeben, die auch zu Verurteilungen führten. Einer der Hauptverantwortlichen jedoch, der in der Bundesrepublik lebte, wurde nie zur Rechenschaft gezogen.

Von Roland Herold