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Mitteldeutschland „Der Verbrenner wird für eine sehr lange Zeit weiter die Kernrolle spielen“
Region Mitteldeutschland „Der Verbrenner wird für eine sehr lange Zeit weiter die Kernrolle spielen“
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07:01 17.07.2019
Clemens Fuest (50), Chef des Ifo-Instituts. Quelle: Foto: Kay Nietfeld/dpa
Leipzig

Für die Mobilität der Zukunft braucht es einen Mix. Das sagt Clemens Fuest im LVZ-Interview. Der Volkswirtschaftsprofessor ist seit 2016 Präsident des Münchner Ifo-Instituts und gehört zu den einflussreichsten Ökonomen in Deutschland.

Es häufen sich die negativen Nachrichten mit Kurzarbeit und Entlassungen, vor allem in der Industrie. Steuert die Bundesrepublik auf eine Rezession zu?

Ich denke nicht. Jedenfalls gibt es derzeit dafür keine Anzeichen. Wir haben zwar eine Schrumpfung in der Industrie, aber andere Branchen wie der Bau laufen gut, die Binnennachfrage ist stark, wodurch der Konsum läuft. Die Beschäftigung ist hoch und die Löhne steigen. Auch der Staat gibt ordentlich Geld aus.

Mit welchem Wachstum rechnen Sie in diesem Jahr gesamtdeutsch?

Mit 0,6 Prozent. Das ist ein Rückgang des Wachstums, aber eben keine Rezession. Denn das würde ja eine Schrumpfung bedeuten.

Im nächsten Jahr sollen die Aussichten günstiger sein?

Wir erwarten ein Wachstum von 1,7 Prozent. Aber da spielt der Kalendereffekt mit hinein, da wir mehr Arbeitstage haben. Das schlägt mit 0,4 Punkten zu Buche.

Was wirkt sich noch positiv aus?

Die private Nachfrage dürfte weiter stark bleiben, ebenso der Bau. Zudem sollte die Industrie sich zumindest stabilisieren, der Abwärtstrend also nicht anhalten. Diese Erwartung hängt natürlich von bestimmten Annahmen ab.

Welchen?

Wir gehen davon aus, dass es keine großen Probleme beim Brexit, keine Verschärfung des Handelskrieges und keinen Iran-Krieg gibt. Wenn diese Annahmen zutreffen, dann ist auch keine Rezession zu erwarten.

Vor knapp 30 Jahren wurde die Grenze geöffnet. Wie beurteilen Sie den Aufbauprozess Ostdeutschlands?

Es hat einen erheblichen Aufholprozess gegeben. Er hat sich allerdings nach den ersten zehn Jahren verlangsamt. Aktuell ist die Entwicklung vielerorts positiv. Sie differenziert sich aber. Wir haben Boom-Regionen wie Leipzig, Dresden und Jena, wir haben auch Gegenden, in denen es langsamer vorangeht. Ich ziehe insgesamt eine positive Bilanz, obwohl die Folgen der Teilung immer noch sichtbar sind.

Richtig, so gibt es hier kaum große Konzerne.

Genau. Wir sehen das neben Hauptquartieren auch bei den Unternehmensgrößen. Westdeutschland hatte und hat eine etablierte Wirtschaftsstruktur, und die verändert sich nur langsam. Für westdeutsche Unternehmen gab es keinen Anlass, ihre Zentralen in den Osten zu verlegen. Wir haben außerdem in Deutschland nicht die wirtschaftliche Dynamik, die sehr schnell sehr große Firmen entstehen lässt. Denken Sie im Gegenzug da an die USA mit relativ jungen und großen Konzernen wie Apple, Microsoft oder Google. Diese fehlende Dynamik erklärt ein Stück mit, warum es in Ostdeutschland wenig große Firmen gibt.

Warum mangelt es an Dynamik?

Wir haben sehr stabile Strukturen. Es gibt zum Beispiel viele, auch große, Familienunternehmen. Das hat Vorteile, weil sie nicht an der Börse gelistet und somit nicht so stark an Quartalsergebnissen orientiert sind. Diese Betriebe mit ihrem längerfristigen Zeithorizont zeichnen sich durch Stabilität in Krisen aus. Das hat allerdings den Preis, dass es manchmal etwas an Dynamik fehlt. Hinzu kommt, dass die Bedingungen für Unternehmensgründungen nicht sehr attraktiv sind und die Bevölkerung altert. Gründer sind meistens jünger als 45 Jahre.

Kann der Aufholprozess dann überhaupt stärker in Gang gebracht werden?

Es gibt durchaus positive Entwicklungen. Der Abstand zum Westen wird in den boomenden Regionen schon kleiner. Es ist daher wichtig, dass in den Wachstumskernen wie Leipzig und Dresden weiter investiert wird, damit sie weiter vorankommen. An erster Stelle stehen da Forschung und Entwicklung.

In vielen ländlichen Regionen Ostdeutschlands geht die Bevölkerung stark zurück. Sollte daher die Förderung auf die Städte konzentriert werden?

Diese Ansicht teile ich nicht. Auch in ländlichen Regionen gibt es tragfähige Wirtschaftsstrukturen. Der für Deutschland so wichtige Mittelstand findet teilweise auf dem Lande statt. Unsere mittelständische Wirtschaft ist ein großes Kapital.

Sachsen steht vor zwei Umbrüchen: dem Ausstieg aus der Kohle und den Veränderungen in der Autoindustrie. Letztere bietet allein 95000 Arbeitsplätze im Freistaat. Was kommt da auf das Land zu?

Die Transformation zur Elektromobilität ist eine riesige Herausforderung. Jeder zehnte Arbeitsplatz in der gesamtdeutschen Industrie hat mit dem Verbrennungsmotor zu tun. Wenn die Elektromobilität kommt, werden sicherlich einige der bestehenden Arbeitsplätze abgebaut, aber es entstehen auch neue. Ziel muss sein, die Wertschöpfung in Deutschland zu behalten. Es zeichnet sich ab, dass der Verbrenner für eine sehr lange Zeit, bestimmt die nächsten 15 bis 20 Jahre, weiter die Kernrolle spielen wird. Diese Technologie muss auch weiterentwickelt werden.

In welche Richtung?

Da geht es um E-Fuels bis hin zum klimaneutralen Verbrenner. Derartige Entwicklungen müssen wir in Deutschland, in Sachsen vorantreiben. Es wäre ein Riesenfehler, mit dem Verbrenner eine Technologie, in der wir weltweit führend sind, einfach über Bord zu werfen.

Wie sieht dann zukünftig die Mobilität aus?

Elektromobilität ist sicherlich die Zukunft in den Ballungsräumen, nicht unbedingt dagegen auf dem Land. Es bringt nichts, die eine Technologie gegen die andere auszuspielen. Für die Mobilität der Zukunft müssen wir den Mix einschließlich der Wasserstofftechnologie hinkriegen.

Von Ulrich Milde

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