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Mitteldeutschland Der frühe Tod einer Bergsportlegende
Region Mitteldeutschland Der frühe Tod einer Bergsportlegende
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06:00 01.10.2018
Oscar Schuster 1894 am Falkenstein in der Sächsischen Schweiz. Quelle: Sammlung Joachim Schindler
Dresden

Er war einer der wichtigsten Pioniere des Klettersports und des Alpinismus, absolvierte zahlreiche Erstbesteigungen und Erstbegehungen – und starb früh auf tragische Weise: Oscar Schuster. Vor 145 Jahren wurde der Ausnahme-Bergsteiger und -Kletterer geboren.

Am 1. Oktober 1873 kommt Christian Friedrich Oscar Schuster in Markneukirchen als Sohn eines gut betuchten Kaufmanns zur Welt und wächst später in Dresden auf, wo er den ersten Teil seiner Schulausbildung am Wettiner Gymnasium absolviert. Der Vater ermöglicht ihm die weitere Entwicklung am Alpinen Pädagogium Fridericianum im schweizerischen Davos – eine Schule für lungenkranke sowie schwächliche Knaben, von Thomas Mann mehrfach im „Zauberberg“ erwähnt. Dort kommt er fast zwangsläufig in immer engere Beziehung zu den Bergen. Seine erste verbürgte und von ihm im Tagebuch verewigte Alpentour führt im Juli 1889 zum Diavolezzapass (2977 Meter). Fast wöchentlich kommen neue Gipfel hinzu. Diese ersten Touren in den Bergen bestimmen sein gesamtes weiteres Leben. Schuster wird Mitglied in der Section Davos des Schweizer Alpenclubs. Bereits im Jahr darauf steht er auf den Gipfeln des Matterhorns (4478 Meter) und der Dufourspitze (4634 Meter).

Abitur an der Dresdner Kreuzschule

Da in Davos in jenen Jahren keine Reifeprüfungen abgelegt werden können, wechselt der nun 17-Jährige im Herbst 1890 ins heimische Dresden zurück und besucht fortan die Kreuzschule. Vier Jahre später hat er das Abitur in der Tasche. Die Sehnsucht nach den Bergen stillt er in dieser Zeit im nahen Elbsandsteingebirge. Zunächst betrachtet er die Sächsische Schweiz als Übungsgebiet während „bergferner“ Zeiten, ziemlich schnell erkennt er aber ihre Bedeutung. Um 1890 führt er spezielle Kletterschuhe mit Hanfsohle in der Region ein, die er aus den Alpen kennt. „Erst im Besitz dieses wichtigen Ausrüstungsstückes konnte man den schweren, glatten Kaminen an den Leib gehen, die den Schlüssel zur Ersteigung der meisten unzugänglichen Felsen bilden“, schreibt der Kletterführer-Autor Rudolf Fehrmann (1886–1948) rückblickend, der auf der Grundlage wesentlicher Gedanken und Ideen Schusters die Sächsischen Kletterregeln formuliert.

Die Schusterplakette am Falkenstein. Quelle: Sammlung Joachim Schindler

Dann geht es Schlag auf Schlag. Schuster besteigt Gipfel um Gipfel – im Frühjahr und Herbst im Elbsandsteingebirge, im Sommer in den Alpen. Die Anzahl der Erstbesteigungen und -begehungen ist schwindelerregend. Noch während seiner Schulzeit bezwingt er 1891 mit dem gestandenen Alpinisten Eugen Guido Lammer bei einer bedeutsamen Neutour die Zsigmondyspitze (3089 Meter), den heute bekanntesten Kletterberg der Zillertaler Alpen in Österreich, und schafft kurz darauf im Alleingang die beeindruckende Erstbesteigung des später nach ihm benannten Schusterturms im Bielatal der Sächsischen Schweiz. Zwei Jahre darauf hinterlegt er auf jenem Felsen das erste Gipfelbuch der Sächsischen Schweiz. Aufgrund seiner bergsteigerischen Fähigkeiten wird er bereits 1891 Mitglied im elitären Österreichischen Alpenklub in Wien. Ob ihn der Tod seines Vaters im selben Jahr zu dieser Vielzahl an Touren bewegt, ist nicht bekannt. Das väterliche Vermögen jedenfalls ist für all die Reisen aber durchaus hilfreich.

700 alpine Gipfelbesteigungen

Die Schlagzahl wird in den kommenden Jahren nicht geringer. 700 alpine Gipfelbesteigungen bei rund 600 Bergtouren – darunter rund 50 Erstbesteigungen und -begehungen – stehen in den nächsten gut 20 Jahren zu Buche. Für Freunde veröffentlicht er 1903 sein Tourenverzeichnis sogar in Buchform.

Oscar Schuster ist für mich eine der wichtigsten Integrationsfiguren zwischen dem Klettern im Elbsandsteingebirge und jenem in den hohen Bergen der Welt“, würdigt die Bergsteigerlegende Reinhold Messner den Markneukirchner. „Er war in Sachsen ein Pionier, der einerseits ganz am Anfang noch mit Leitern agierte und später nach klaren Regeln ohne Hilfsmittel kletterte.“ Andererseits habe er – als eine von vielen Erstbesteigungen – 1903 erstmals den 4737 Meter hohen Uschba-Südgipfel im Kaukasus bestiegen, der damals als schwierigster Berg der Welt galt. „Schuster ist als alpiner und Elbsandstein-Kletterer in Summe einer der wichtigsten sächsischen Bergsteiger“, so Messner.

Viele seiner Bergtouren bewältigt Schuster in den Jahren vor und kurz nach der Jahrhundertwende neben dem siebenjährigen Medizinstudium, dass ihn ab 1894 nach Jena, München, Freiburg im Breisgau und Kiel führt – nur unterbrochen von einem knapp einjährigen Freiwilligendienst beim „Ersten Königlich Sächsischen Feldartillerie-Regiment Nr. 12“ in Königsbrück bei Dresden. Später kommen Studien der Philosophie und Psychologie in München hinzu – aber ohne Abschluss. Schuster gilt zudem als Pionier des Ski-Sports. Unter anderem gelang ihm 1898 mit der Monte Rosa (4634 Meter) die erste Ski-Besteigung eines Viertausenders weltweit.

Mehrjähriger Leidensweg

Bergsteigerisch nimmt er bis 1914 an fünf Expeditionen in den Kaukasus teil, besteigt dort viele Gipfel. Auf der letzten Tour steht er Ende Juli mit Walter Fischer als Erster auf dem Dombai Ulgen (4046 Meter) – dann beginnt ein mehrjähriger Leidensweg. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden die beiden Deutschen wenige Tage später als „feindliche Ausländer“ in verschiedenen Lagern interniert. Andere dagegen wie zwei Schweizer können nach einigem Hin und Her ausreisen. Anfang Juni 1917 stirbt Schuster in russischer Internierung in Astrachan an Malaria – mit nicht einmal 44 Jahren. Dort wird er auch beigesetzt.

Die Bergsteiger-Legende Oscar Schuster. Quelle: Sammlung Joachim Schindler

Schuster lebt als Namensgeber zahlreicher Wege und Steige wie dem Schusterweg am Falkenstein weiter. In luftiger Höhe bringen 1919 zahlreiche Wegbegleiter auf halber Strecke zum Gipfel ein Bronzerelief mit seinem Konterfei als Erinnerung an – eine ganz besondere Würdigung für einen Ausnahme-Bergsteiger. Ironie der Geschichte: Das Reiben an der bronzenen Schuster-Nase gilt als Glücksbringer – Glück, das ihm selbst in der entscheidenden Lebensphase versagt blieb.

2013 erschien von Joachim Schindler (Mitarbeit: Bernd Arnold und Frank Richter) „Oscar Schuster (1873–1917) Bergsteiger – Alpinist – Erschließer – Arzt – Publizist“. Zu beziehen unter mail@bergsteigerbund.de

Von Martin Pelzl

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