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Mitteldeutschland Die große Erleichterung für die CDU
Region Mitteldeutschland Die große Erleichterung für die CDU
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22:24 01.09.2019
Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen und seine Lebensgefährtin Annett Hofmann bei der CDU-Wahlparty zur Landtagswahl in Sachsen. Quelle: Robert Michael/dpa
Dresden

Das Restaurant Chiaveri auf dem Dach des Landtags könnte auch Eintritt als Sauna verlangen. Drückende Schwüle, der Raum ist brechend voll, kein Platz mehr frei. Draußen regnet es, drinnen kämpfen Kamera-Teams, Reporter und CDU-Mitglieder um die besten Plätze. Nur „König“ Kurt Biedenkopf darf mit Ehefrau Ingrid an einem Extra-Tisch logieren.

Als die ersten Hochrechnungen gegen 18 Uhr über die TV-Schirme flackern, gibt es kein Halten mehr. Zwar hatte sich zuvor die Tendenz schon durch die Gänge im Landtag geraunt, aber jetzt ist es offiziell. Klar über 30 Prozent – ein Triumph, an den noch vor Wochen niemand geglaubt hatte. Und deshalb wollen sie jetzt alle dabei sein, wenn der Sieger die Bühne betritt. Ex-Sozialministerin Christine Clauß genauso wie Thomas de Maizière, Bundesinnenminister a.D.

Jubel, Ovationen, Gänsehaut

Sie alle wissen, wem sie diesen Sieg zu verdanken haben. „Unglaublich, was Michael Kretschmer physisch geleistet hat“, sagt die Leipzigerin Clauß. „Manchmal hatte ich schon den Verdacht, er hat sich klonen lassen.“ Hatte er nicht, Kretschmer live erscheint um 18.10 Uhr vor seinen Anhängern. Jubel, Ovationen, Gänsehaut: Alle Handys sind auf den Görlitzer gerichtet. Manche haben Tränen in den Augen. An seiner Seite steht seine Lebensgefährtin Annett Hofmann und die sächsische Minister-Riege mit Roland Wöller, Christian Piwarz & Co. Das Zeichen, dass Kretschmer damit setzen will, ist klar. Der 44-Jährige will seinen Erfolg auch als Team-Arbeit verstanden wissen. „Das Wichtigste am Wahlergebnis ist, dass Sachsen damit nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft gewählt hat“, ruft er unter dem Jubel seiner Anhänger. „Sachsen ist der Zukunft zugewandt.“ Die Text-Passage aus der DDR-Nationalhymne löst auch im Freistaat viel Beifall aus. An diesem Wahlabend ist offenbar alles möglich.

Kritik von Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen

Dass Kretschmer für die Sachsen-Union das schlechteste Ergebnis aller Landtagswahlen eingefahren hat, ist im Glücksrausch zunächst nicht mehr als ein Randaspekt. Hauptsache klar vor der AfD und Hauptsache mit einer 30 vor dem Komma. Mehr hatte eigentlich niemand erwartet. Da kann auch Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen aus der Ferne wettern und das Ergebnis als „schwere Schlappe“ für die CDU einordnen. Die Erleichterung in den Reihen der Sachsen-Union ist trotzdem groß, man will sich die Stimmung partout an diesem Abend nicht verderben lassen. Die in der Nachbarschaft der Sachsen-CDU stattfindende Extra-Party der „Werte-Union“ hat nach dem Ergebnis viel von ihrem Reiz eingebüßt.

Und dann blickt der alte und wohl auch neue Regierungschef doch noch einmal zurück – und bedankt sich ausdrücklich bei seinen CDU-Vorgängern Kurt Biedenkopf, Georg Milbradt und Stanislaw Tillich. „Wir gehen den sächsischen Weg, den sie eingeschlagen haben, weiter“, verspricht Kretschmer. Was das genau heißt? Konkret gibt es dazu an diesem Abend noch wenig dazu. „Für Koalitionsaussagen ist es noch zu früh, wir gehen jetzt in aller Ruhe an die Arbeit“, sagt Kretschmer vor seinen Anhängern.

Später am Abend wird das der CDU-Wahlsieger so oder so ähnlich auf allen TV-Kanälen wiederholen. Seinen Erfolg genießt er eher still und unspektakulär. Keine Sieger-Faust, keine großen Gesten. „Wir gehen jetzt an die Arbeit“, macht er klar. Die am Abend von der „Werte-Union“ geforderte Minderheitsregierung hatte er im Vorfeld schon ausdrücklich abgelehnt.

Kretschmer ist jetzt der starke Mann in der Sachsen-Union

Für den Görlitzer, der vor zwei Jahren ins Amt als Regierungschef gespült wurde, ist das Ergebnis auch ein persönlicher Triumph. 2017 war er nach der Bundestagswahl als doppelter Verlierer angetreten. Er hatte als CDU-Generalsekretär in seinem Görlitzer Wahlkreis gegen den AfD-Kandidaten Tino Chrupalla verloren. Und die siegverwöhnte CDU in Sachsen musste erstmals einer Partei – in dem Fall der AfD – den Vortritt lassen. Ein politischer Scherbenhaufen, den Kretschmer zusammenkehren musste. Aber offenbar haben sein Wahlkampf und seine unermüdlichen Termine in allen Ecken des Freistaats den Erfolg erzwungen. Noch am Sonnabend war er im Wahlkampf-Endspurt omnipräsent – verteilte sogar bei einem Leipziger Bäcker in aller Herrgottsfrühe frische Brötchen. Und diesmal gewann er seinen Wahlkreis deutlich: Er setzte sich mit 45,8 Prozent der Stimmen vor dem AfD-Bewerber Sebastian Wippel (37,9 Prozent) durch. Der Wahlkreis galt als hart umkämpft. Bei den Zweitstimmen lag die AfD mit 37,9 Prozent vor der CDU mit 35,2 Prozent.

Mit Kretschmers klarem Sieg ist auch eine CDU-intern immer wieder kolportierte Revolution gegen ihn vom Tisch. Er ist jetzt der starke Mann in der Sachsen-Union, bei unter 25 Prozent wäre es eng geworden. Ein Ergebnis, das Kurt Biedenkopf sehr behagt. Umringt von Reportern und Kameras gibt er sich generös: „Nach dem Ergebnis, das Herr Kretschmer erreicht hat, brauche ich keine Vorschläge zu machen. Er hat bewiesen, dass er es kann.“ Ein Lob von „König“ Kurt – mehr geht nicht.

Von André Böhmer

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