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Mitteldeutschland Dresdner Forscher heilen HIV-Infektion
Region Mitteldeutschland Dresdner Forscher heilen HIV-Infektion
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19:17 22.02.2016
Dieser Mann gibt Millionen HIV-Infizierten Hoffnung: Frank Buchholz (50), Molekularbiologe an der TU Dresden.
Dieser Mann gibt Millionen HIV-Infizierten Hoffnung: Frank Buchholz (50), Molekularbiologe an der TU Dresden.   Quelle: Andreas Debski
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Dresden

Es ist die Wissenschaftssensation schlechthin – und die Hoffnung für Millionen Menschen: Dresdner Forscher um den Molekularbiologen Frank Buchholz haben in Zusammenarbeit mit Virologen aus Hamburg zum weltweit ersten Mal menschliche Zellen von einer HIV-Infektion geheilt. „Die von uns entwickelte Gen-Schere hat funktioniert: Nach einer gewissen Zeit waren die Zellen nicht mehr HIV-infiziert. Das ist ein großer Fortschritt, ein sehr wichtiger Schritt in der Forschung“, erklärt Buchholz, der seit 20 Jahren an dieser Methode forscht, gegenüber der Leipziger Volkszeitung. Das Gute und Neue ist außerdem: Die neue Gen-Schere, die Defekte im Erbgut tilgen kann, ist bei nahezu allen bekannten HIV-Stämmen einsetzbar.

Vereinfacht lautet das Prinzip: Ein in Dresden entwickeltes Enzym ist so konstruiert, dass es sich genau das HI-Virus in der DNA-Abfolge sucht und es herausschneidet. Das heißt: Nur wenn diese Sequenzen gefunden werden, auf die das Enzym angesetzt ist, wird geschnitten. „Das größte Problem bei HIV-Infektionen ist, dass sich das Virus in der DNA versteckt“, macht Buchholz klar. Inzwischen gibt es zwar sehr gute Medikamente, um die Symptome einzudämmen und auch die Aids-Erkrankung gar nicht erst ausbrechen zu lassen – eine Heilung erfolgt aber nicht. Deshalb kann das gefährliche Virus nach wie vor übertragen werden. Das Risiko der Verbreitung ist also weiterhin hoch, da auch die Krankheit selbst ihre Bedrohlichkeit eingebüßt hat. „Mit Hilfe unserer Methode könnte die HIV-Infektion heilbar werden – das ist unser langfristiges Ziel“, erklärt der Dresdner Molekularbiologe.

Diese revolutionäre Methode, die in einigen Jahren in eine Dialyse für HIV-Patienten münden soll, wird heute im renommierten Wissenschaftsjournal „Nature Biotechnology“ vorgestellt. „Die Ergebnisse stellen die Grundlage für erste klinische Studien zur Heilung von HIV-Patienten dar, die in absehbarer Zeit in Hamburg durchgeführt werden sollen“, kündigt Professor Joachim Hauber, Abteilungsleiter am Heinrich-Pette-Institut Hamburg, an. In Dresden sind die Tests aufgrund der notwendigen Sicherheitsausstattungen nicht möglich. Die klinischen Studien werden mindestens zehn Millionen Euro kosten, private Investoren haben bereits ihr Interesse signalisiert. „Bis wir Ergebnisse aus klinischen Studien haben, werden noch einige Jahre vergehen“, dämpft Frank Buchholz übereilte Hoffnungen.

Wie jüngste Zahlen belegen, ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Sachsen weiter gestiegen. Laut sächsischen Gesundheitsministerium leben derzeit in Sachsen mehr als 2100 Frauen und Männer, die mit HIV infiziert sind. Rund 80.000 Menschen sind laut Robert-Koch-Institut deutschlandweit mit dem tödlichen Virus infiziert oder schon an Aids erkrankt. Die meisten leben in Nordrhein-Westfalen (18.000), Berlin (15.000) und Bayern (11.000). Die wenigsten Fälle sind in Brandenburg (510), Mecklenburg-Vorpommern (640) und Thüringen (650) erfasst. Bislang starben 28.000 Menschen allein in Deutschland an den Folgen der Krankheit. Weltweit wird von 35 Millionen HIV-Infizierten ausgegangen. „Wir arbeiten bereits daran, ein System zu entwickeln, dass an möglichst vielen Kliniken zu Einsatz kommen kann. Und natürlich haben wir dabei auch den Einsatz außerhalb Europas im Hinterkopf“, so der Dresdner Wissenschaftler.

Andreas Debski

Ein Interview mit dem Leiter der Dresdner Forschergruppe lesen Sie am Dienstag in der LVZ-Printausgabe oder im E-Paper.