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Mitteldeutschland Dresdner Wirtschaftsexperte: Sachsens Wirtschaft sollte um Zuwanderer werben
Region Mitteldeutschland Dresdner Wirtschaftsexperte: Sachsens Wirtschaft sollte um Zuwanderer werben
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22:48 17.02.2019
Der stellvertretende Leiter des Ifo-Instituts Dresden, Joachim Ragnitz.
Der stellvertretende Leiter des Ifo-Instituts Dresden, Joachim Ragnitz. Quelle: Bonitz
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Leipzig

Um der drohenden Fachkräftelücke zu entgehen, sollte Sachsen im Nicht-EU-Ausland um Zuwanderer werben und diese in ihren Heimatländern ausbilden, damit sie die Qualifikationsanforderungen in Deutschland erfüllen. Das schlägt Joachim Ragnitz vor. Der Dresdner Ifo-Vize-Geschäftsführer reagiert damit auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die einen deutlichen Rückgang von Arbeitskräften voraussagt.

Die Bertelsmann-Stiftung spricht von einem Zuwanderungsbedarf in Höhe von bundesweit jährlich 260 000 Arbeitskräften bis zum Jahr 2060. Halten Sie die Prognose für realistisch?

Die Entwicklung des heimischen Arbeitskräftepotentials bis 2060 ist durch die Geburtenzahlen der Vergangenheit weitgehend vorgegeben. Auch wenn der Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft infolge von Produktivitätsfortschritten tendenziell sinken dürfte, erhöht sich die Diskrepanz zwischen heimischem Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage.

Ab wann genau wird es akut?

Wir wissen ziemlich genau, dass in den 2030er Jahren die Zahl der Arbeitskräfte wegen des Renteneintritts der geburtenstarken Jahrgänge aus den 1960er Jahren stark zurückgehen wird. Bis dahin passiert zumindest gesamtdeutsch nicht so sehr viel. Danach allerdings wird es ungemütlich, weil die nachwachsenden Geburtenjahrgänge einfach zu klein sind, um alle altersbedingt ausscheidenden Arbeitskräfte zu ersetzen.

Und das können die Unternehmen nicht anders ausgleichen?

Prinzipiell kann ein Mangel an Arbeitskräften auch durch Rationalisierung kompensiert werden, also indem die Unternehmen versuchen, die gleiche Leistung mit weniger Arbeitseinsatz zu erzielen. Wenn das aber nicht gelingt und Arbeitsplätze unbesetzt bleiben, muss auch die Produktion eingeschränkt werden. Insgesamt ist das mit einem schwächeren Wirtschaftswachstum, unter Umständen sogar mit absoluten Wohlstandseinbußen verbunden.

Aber es könnten doch Arbeitslose für den Markt fit gemacht werden?

Ja, aber die werden auch älter und scheiden ebenfalls aus dem Arbeitsmarkt aus. Und so bitter es ist: Viele Arbeitslose sind aufgrund falscher oder unzureichender Qualifikationen auch nur noch schwer vermittelbar. Übrigens haben die Studienautoren auch dieses Potenzial in ihrer Studie schon berücksichtigt.

Wie sieht es in Mitteldeutschland aus?

Die Bertelsmann-Studie argumentiert gesamtdeutsch. Aber wir wissen, dass der Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung in den mitteldeutschen Ländern noch viel stärker ausgeprägt ist als anderswo. In einzelnen, wirtschaftlich unattraktiven Regionen geht die Zahl der Arbeitskräfte schon bis zum Jahr 2035 um 35 bis 40 Prozent zurück, also weit mehr als in Deutschland insgesamt. Das wird auf jeden Fall negative wirtschaftliche Auswirkungen haben.

Die stark betroffenen Regionen bemühen sich schon, das zu kompensieren, so zum Beispiel durch das Werben um Rückwanderer…

Das klappt aber nicht, so viele Leute sind gar nicht abgewandert, als dass man damit die drohende Fachkräftelücke schließen könnte. Und viele wollen ja auch gar nicht zurück. Gerade hier wird man daher auf Zuwanderer aus dem Ausland setzen müssen.

Immer wieder ist zu hören, dass die heimischen Regionen wegen der niedrigen Löhnen nicht besonders attraktiv sind.

Die Löhne werden schon steigen. Viel problematischer ist, dass die Zuwanderung aus dem Nicht-EU-Ausland in Deutschland gar nicht so leicht möglich ist. Wir brauchen also vor allem bundespolitische Initiativen zur Erleichterung der Arbeitskräftezuwanderung aus Drittstaaten. Und wenn das erreicht ist, muss man dafür sorgen, dass diese Zuwanderer auch dahin gehen, wo der Bedarf besonders hoch ist. Mein Idee wäre es, aktiv im Nicht-EU-Ausland um Zuwanderer zu werben, sie hier oder in ihren Heimatländern entsprechend den Qualifikationsanforderungen in Deutschland auszubilden. Gegebenenfalls muss es auch monetäre Vergünstigungen geben, wenn sie sich in den besonders vom demografischen Wandel betroffenen Regionen ansiedeln. Dann aber müsste man für eine Übergangszeit auch deren Freizügigkeit innerhalb des Bundesgebiets einschränken, damit sie nicht gleich wieder abwandern.

Die ostdeutschen Regionen sind nicht gerade für eine stark ausgeprägte Willkommenskultur bekannt.

Das ist in der Tat ein Problem. Hieran wird man arbeiten müssen. Aber ohne ausreichende Zuwanderung hätten die Menschen in den betreffenden Regionen negative wirtschaftliche Auswirkungen hinzunehmen. Deswegen: Das ist ein langfristiges Konzept. Man wird also jährliche Zuwanderungskontingente für die einzelnen Regionen festlegen müssen.

Sollte Sachsen nicht stärker auf Zuwanderer aus der EU setzen?

Natürlich, auch EU-Zuwanderer könnten uns helfen. Aber die dürfen ja prinzipiell schon jetzt kommen, weil wir die Freizügigkeit im Binnenmarkt haben. Sie kommen auch, aber nicht in ausreichendem Maße. Außerdem leiden alle europäischen Länder unter ähnlichen demografischen Problemen.

Besteht nicht die Gefahr, dass es zur Zuwanderung von Personen kommt, die lediglich an unseren Sozialleistungen interessiert sind?

Zu einer Zuwanderung in die Sozialsysteme darf es natürlich nicht kommen. Es muss also eine Steuerung erfolgen, und zwar nach Arbeitskräftebedarfen in den einzelnen Regionen. Abgesehen davon: Zuwanderer bringen typischerweise auch neue Ideen mit, denn es wandern eher die gut ausgebildeten, wagemutigen Menschen. Das kann also auch gesellschaftliche oder auch technologische Innovationen in den Regionen anstoßen, was wir gerade in Ostdeutschland dringend brauchen.

Und wie wollen Sie verhindern, dass Verhältnisse wie in Neukölln oder Duisburg-Marxloh entstehen?

In Westdeutschland hat die Integration vor allem deshalb nicht geklappt, weil man dachte, zugewanderte Arbeitskräfte sind im Sinne des Wortes Gastarbeiter, und Gäste sind irgendwann wieder weg. Das waren Politikversäumnisse der letzten 50 Jahre. Insoweit bedarf es aktiven staatlichen Handelns, dass derartige Parallelgesellschaften hier nicht entstehen. Man darf sich also nicht nur auf Integrationsangebote beschränken, sondern muss auch Integrationspflichten einfordern.

Von Andreas Dunte