Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Drogen in Sachsen: immer öfter Cannabis statt Crystal
Region Mitteldeutschland Drogen in Sachsen: immer öfter Cannabis statt Crystal
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:34 16.06.2018
Cannabis rückt in Sachsen beim Drogenkonsum auf. Quelle: dpa
Dresden - 

Cannabis statt Crystal: Zwar steht die Partydroge vor allem bei Jugendlichen noch immer hoch im Kurs, der von Experten befürchtete weitere starke Anstieg bei den 14- bis 17-Jährigen ist jedoch ausgeblieben. Erstmals seit sieben Jahren war der Bedarf an Beratungen und Behandlungen nach Darstellung der Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren rückläufig. Ihr Leiter Olaf Rilke, geht davon aus, dass unter anderem verstärkte Aufklärung zur Eindämmung beigetragen hat.

Cannabis rückt auf

Dennoch: „Entwarnung kann nicht gegeben werden. Verglichen mit anderen Bundesländern ist Sachsen weiter besonders betroffen“, sagte Rilke in einer Umfrage. Zudem sei zu beobachten, dass seit einigen Jahren der Bedarf an Hilfe bei Cannabis zunehme. Am 26. Juni ist der von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr, kurz Weltdrogentag.

Mehr als 26 000 Menschen haben der Landesstelle zufolge im vergangenen Jahr eine Suchtberatung in Anspruch genommen. Das ist etwas weniger als in den zwei Jahren zuvor. In rund 3000 Fällen konnten Ratsuchende in eine Therapie vermittelt werden. In der stationären Suchtbehandlung wurden mehr als 20 000 Fälle gezählt.

Keine Zahlen über Drogensüchtige

Wie viele Menschen in Sachsen drogenabhängig sind, weiß jedoch niemand genau. „Zahlen dazu liegen nicht vor. Wir gehen davon aus, dass nur etwa jeder zweite Abhängige Hilfe in der Beratung sucht“, sagte Rilke. „Das Dunkelfeld ist mindestens noch einmal mal so groß.“ Etwas zugenommen hat den Angaben zufolge der Anteil derer, die wegen illegaler Drogen professionelle Hilfe suchten. Das waren 2017 fast ein Drittel (31 Prozent).

Uwe Wicha von der Entzugsklinik „Alte Flugschule“ in Großrückerswalde im Erzgebirge hat den neuen Trend längst bemerkt. Einst wurden dort fast nur Crystal-Fälle behandelt. „Jetzt haben wir immer mehr Klienten, die von Cannabis abhängig sind“, sagte der Klinikchef. Er hat als eine Ursache ausgemacht, dass Cannabis oft verharmlosender als Medikament oder „Gute-Laune-Droge“ dargestellt werde. „Dabei wird das hohe Suchtpotenzial völlig außer Acht gelassen.“

Gefahr von Lungenkrebs

Zudem sei Cannabis, was etwa Lungenkrebs angehe, gefährlicher als Tabak und es verursache Psychosen. Der Wirkstoff in den Pflanzen sei durch Züchtung immer weiter gesteigert worden. In der „Alten Flugschule“ werden laut Wicha fast 70 Patienten zwischen 16 und Anfang 40 Jahren therapiert und zugleich beruflich und schulisch ausgebildet.

Hauptdroge ist jedoch weiter Alkohol, auf den sich fast drei Viertel aller Diagnosen in den Krankenhäusern und die Hälfte aller Termine in den Suchtberatungen beziehen. Während die Behandlungen von alkoholbezogenen Störungen zwar allgemein etwas weniger werden, steigen die Zahlen bei den unter 18-Jährigen an. Die Fälle, bei denen Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden mussten, stiegen von 2014 bis 2016 von 515 auf 745. Letztmalig wurden 2005 ähnlich viele Fälle gezählt.

Prävention bei Alkohol

Rilke zufolge müssten deshalb beim Alkohol die präventiven Bemühungen verstärkt werden. Er verwies auf das bundesweite Halt-Projekt, das es auch in Dresden und Leipzig gibt. „Mit Jugendlichen bis 18 Jahre, die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert kommen, wird ernsthaft gesprochen. Sie werden beraten“, berichtete die Leipziger Koordinatorin für Suchtprävention, Manuela Hübner. Seit Beginn des Projektes seien in Leipzig die Einlieferungszahlen zurückgegangen.

2017 gab es demnach 73 Fälle, 2016 waren es 87 und drei Jahre zuvor 75. Die Jugendlichen seien oft aus einer Mischung aus Unerfahrenheit und Neugier in diese Situation geraten, sagte Hübner. „Es gibt kaum Wiederholungstäter.“ „Gerade beim Alkohol ist es wichtig aufzuklären, damit weder Kinder und Jugendliche noch Erwachsene in eine Alkoholabhängigkeit geraten„, betonte Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU).

Von Ralf Hübner