Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Ein Dialogaufruf verändert die DDR - 30. Jahrestag des Neuen Forums
Region Mitteldeutschland Ein Dialogaufruf verändert die DDR - 30. Jahrestag des Neuen Forums
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:45 07.09.2019
Die inzwischen verstorbene DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Quelle: dpa-Zentralbild
Berlin/Leipzig

Es ist eine einfache Feststellung, getippt auf einer Reiseschreibmaschine, die vor 30 Jahren der Diktatur in der DDR einen schweren Schlag versetzt. „In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört.“ So lautet der erste Satz des Gründungsaufrufs des Neuen Forums. Verfasst am 9./10. September 1989 in Grünheide bei Berlin und formuliert von einem Personenkreis um die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley (1945-2010) verbreitet sich der anderthalbseitige „Aufruf 89“ rasant. Innerhalb kürzester Zeit findet das Neue Forum Tausende Unterstützer.

„Das Eis gebrochen“

„Ich glaube, wir haben mit unserem Vorgehen das Eis gebrochen und bei vielen Leuten den Entschluss genährt, zu sagen: Jetzt hören wir auf mit dem Duckmäusertum und sagen, was wir denken“, sagt Sebastian Pflugbeil. Der Physiker gehörte zu den 30 Erstunterzeichnern des Aufrufs. Im Sommer '89 sei das Gefühl, dass es so in der DDR nicht weitergeht, „breit vorhanden“ gewesen. Es gab den nachgewiesenen Wahlbetrug vom Frühjahr, die viel zu schwache Wirtschaft, die zunehmende Ausreisewelle. Darüber, so die zentrale Botschaft des Aufrufs, müsse man reden.

Neues Forum verlässt „Wohnungsopposition“

Es sei das größte Verdienst des Neuen Forums, als erste mit Namen und Adresse den Weg in die Öffentlichkeit der DDR gesucht zu haben, raus aus der „Wohnungsopposition“ und dem geschützten Raum der Kirchen, sagt der Historiker Rainer Eckert, früherer Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig. „Auf den diplomatischen Schutz der Kirchenstrukturen zu verzichten und offen miteinander die anstehenden Probleme zu diskutieren, das war Konsens und da hatten wir das Gefühl: Das muss jetzt passieren“, erinnert sich Pflugbeil.

Der ehemalige Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, Rainer Eckert. Quelle: dpa-Zentralbild

„Der Aufruf war ein Dialogangebot, revolutionär in seiner Wirkung“, sagt Eckert. „Es war das Angebot, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Gleichzeitig hat er natürlich die Diktatur herausgefordert.“ 200.000 Menschen schließen sich an. Die Malerin Bärbel Bohley habe anfangs neben ihrem Telefon im Korridor ihrer Wohnung eine Strichliste geführt. „Aber das ging so schnell, dass die Wand praktisch schwarz war von Strichen“, berichtet Pflugbeil.

Gefährlicher Aufruf

Sich aus der Deckung zu wagen, sei extrem gefährlich gewesen, sagt Historiker Eckert. „Das begreift heute kein Mensch mehr. Heute können sie auf die Straße gehen und rufen, was sie wollen. Es passiert überhaupt nichts. Früher durfte man nicht ein freies Wort reden.“

„Wir hatten schon Angst“, sagt Eberhard Seidel. Der Arzt gehört ebenso wie seine Frau Jutta zu den ersten 30 Unterzeichnern. „Die Angst war unterschiedlich ausgeprägt. Aber dann haben wir uns ausgetauscht und abgewogen. Es gab die Überlegung, dass die harten Zeiten der SED-Herrschaft, als Dissidenten mit Zuchthaus in Bautzen bedroht worden sind, vorbei waren. Das habe ich persönlich gespürt“, sagt Seidel.

Unterzeichnern passiert nichts

Den Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufs passiert tatsächlich nichts. Die Diktatur sei zu schwach und auch zu überrascht gewesen, sagt der Historiker Eckert. Auch dass es ein Angebot zum Dialog und kein Aufruf zum Umsturz war, könnte dazu beigetragen haben. „Ich halte es für einen ganz entscheidenden Moment, dass wir sehr bewusst unideologisch rangegangen sind“, sagt Seidel. „Es war Konsens, dass wir keine ideologische Weltverbesserung formulieren wollen, sondern dass wir eine Verbesserung im Zusammenleben der Menschen erreichen wollen. Und dafür ist der Weg das Gespräch.“

Zusammenbruch der DDR noch kein Thema

Von der Resonanz sind die Gründer des Neuen Forums überrascht. Und auch von der Wirkung, die ihre Bewegung - zusammen mit anderen - entfaltet. „Ich denke, es war ein entscheidender Puzzlestein zum Zusammenbruch der DDR“, sagt der pensionierte Arzt Seidel. „Allerdings: In der Zeit, als der Aufruf verfasst worden ist, war der Zusammenbruch der DDR kein Thema.“ Die Gründer des Neuen Forums hätten reden wollen, nicht die Regierung stürzen, sagt auch Pflugbeil.

Das Neue Forum geht später - in Teilen - über das Bündnis 90 in den Grünen auf. Wie viel vom damaligen Aufbruch noch übrig ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Mangelnde Aufmerksamkeit für die friedliche Revolution gebe es sicher nicht, sagt Eckert. „Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir nicht tief durchdringen.“ Er vermisst einen Revolutionsstolz und ein darauf gründendes Selbstbewusstsein bei den Ostdeutschen.

Pflugbeil sagt: „Das Interesse, kontrovers über die strittigen Themen in der Gesellschaft zu diskutieren, ist begrenzt. Es gibt so viele Tellerminen, die man großzügig umgehen muss, wenn man nicht mit Scheuerlappen beworfen werden will.“ Die Gründer des Neuen Forums hätten mit allen geredet: „Das würde ich mir heute auch wünschen.“

Von Birgit Zimmermann