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Mitteldeutschland „Es ist wichtig, dass Lehrer auch eine politische Meinung haben“
Region Mitteldeutschland „Es ist wichtig, dass Lehrer auch eine politische Meinung haben“
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20:00 17.05.2019
Christian Piwarz (43, CDU) ist seit Dezember 2017 sächsischer Kultusminister. Zuvor war der Rechtsanwalt aus Dresden Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Landtag. Er hat zwei Kinder. Quelle: Sebastian Kahnert/dpa
Dresden

Digitale Schule bedeutet nicht nur, mit der Technik umgehen zu können – sondern soll Jugendliche fit machen, um mit dem täglichen Überfluss an Informationen umzugehen, sagt Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (43, CDU) im Interview. Auch deshalb werden insgesamt Hundert Lehrpläne zum neuen Schuljahr entrümpelt und modernisiert. Außerdem werden teilweise Stundenzahlen reduziert.

Herr Piwarz, ab dem neuen Schuljahr soll es an Sachsens Schulen neue Lehrpläne geben: Was wird sich ändern?

Zunächst einmal: Wir stellen jetzt nicht alles auf den Kopf – sondern es werden drei grundlegende Themenfelder in die Lehrpläne stärker verankert: Politische Bildung, Digitalisierung und Medienbildung sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dafür sind in den vergangenen Monaten über hundert Lehrpläne aller allgemeinbildenden Schularten analysiert und geändert worden. Teilweise, etwa in Gemeinschaftskunde für Oberschulen und Gymnasien, sind auch komplett neue Lehrpläne entstanden. Die Endredaktion läuft gerade, Ende Juni soll es dann an die Schulen gehen.

Von Lehrern ist bereits zu hören, dass sie noch nicht eingeweiht sind – ab August sollen sie aber nach den neuen Lehrplänen unterrichten. Wird das überhaupt zu schaffen sein?

Es wird auf jeden Fall nicht so sein, wie es einige Lehrer befürchten, dass die neuen Lehrpläne erst in der Vorbereitungswoche im August kommen. Natürlich braucht es einen gewissen Vorlauf. Wir werden auch sofort eine umfangreiche Fortbildungskampagne starten und Materialien für Lehrkräfte bereitstellen, wenn die neuen Lehrpläne vorliegen. Einem guten Start in das Schuljahr sollte also nichts entgegenstehen.

Wenn etwas in die Lehrpläne hineinkommt muss auch etwas herausfallen: Was wird also im Gegenzug gestrichen?

Wir werden die Schüler garantiert nicht überfordern und die Lehrpläne weiter füllen. In den vergangenen Monaten war es wichtig zu schauen, was unbedingt notwendig ist – und was nicht. Mit dem kommenden Schuljahr wird teilweise der verpflichtende Teil reduziert und der sogenannte ermöglichende Teil erweitert: Die Lehrer können künftig viel mehr selbst über Inhalte und Umfänge entscheiden.

Die Pläne sehen neben der inhaltlichen Überarbeitung auch Stundenstreichungen vor. Weshalb werden beispielsweise Mathematik, Sport und Musik – je nach Schulart – reduziert?

Das sind Sondersituationen, bei denen wir die Wochenstunden reduzieren. So hatten Sachsens Schüler bundesweit mit die höchste Unterrichtsbelastung. Deshalb sind 20 Lehrpläne entschlackt worden.

Aber ist es zu verantworten, in der heutigen Situation bei Sport zu streichen? Oder nehmen Sie Mathematik – da gab es zuletzt Proteste wegen des hohen Schwierigkeitsgrades.

Sport ist ohne Zweifel ein wichtiges Fach. Die Frage ist aber, ob die dritte Sportstunde, um die es jetzt in einigen Schuljahren geht, tatsächlich etwas gegen Fettleibigkeit und Koordinationsmangel ausrichten kann. Vielmehr muss es doch darum gehen, das Thema Bewegung insgesamt mehr an den Schulen zu verankern – und daran arbeiten wir – auch gemeinsam mit dem Landessportbund. Und was die Mathematik betrifft: Natürlich wurden alle Fächer auf Streichpotenzial geprüft, von der ersten bis zur zehnten Klasse hat ein Schüler in Sachsen insgesamt 45 Wochenstunden Mathematik. Deshalb halte ich es für vertretbar, an Gymnasien und Oberschulen in der fünften Klasse jeweils eine Stunde wegzunehmen. An der Qualität der Abschlüsse wird das nichts ändern.

War es vielleicht auch insgesamt not- wendig, die Lehrpläne, Sie entschuldigen, auszumisten?

Die Lehrpläne stammen von 2004. Sie sind zwar immer mal wieder angepasst, aber nicht grundlegend verändert worden. Dieser große Schritt steht noch aus. Denn für mich ist völlig klar: Die aktuelle Lehrplan-Überarbeitung ist nur ein Zwischenschritt. Das Ziel muss sein, bis 2025 eine völlig neue Generation an Lehrplänen vorzulegen. Aber für diese Neubearbeitung braucht man mehr Zeit und Ressourcen.

Ist das möglicherweise auch ein Zwischenschritt mit Blick auf die Landtagswahl am 1. September? Immerhin könnte danach die Gemeinschaftsschule in Sachsen kommen, die ihr bisheriger Koalitionspartner SPD wie auch Grüne und Linke fordern.

Nein, damit hat das nichts zu tun. Momentan gibt es einfach nicht die zeitlichen und auch personellen Ressourcen, um die Lehrpläne komplett neu zu gestalten. Es geht schließlich darum zu klären, was Schule in Zukunft sein soll, wie das Bildungsland Sachsen im Jahr 2030 aussehen soll. Mir ist wichtig, dass wir in Sachsen über Bildung diskutieren – bei allen aktuellen Problemen die wir beispielsweise mit Lehrermangel oder Stundenausfällen haben. Weil das in Wahljahren auch wegen der Emotionalität schwierig ist, wollen wir damit im nächsten Jahr beginnen. Und beim Thema Gemeinschaftsschule bin ich klar festgelegt: Ich halte sie für keine gute Idee.

Ihre Vor-Vorgängerin Frau Kurth hatte schon vor fast zwei Jahren angekündigt, die politische Bildung stärken zu wollen. Was kommt jetzt auf die Schüler zu?

Wir haben gespürt, dass die Jugendlichen mehr Unterstützung brauchen. Diese kam zum Beispiel an Oberschulen zu kurz, wenn Hauptschüler nur ein Jahr Gemeinschaftskunde hatten. Politische Bildung findet aber auch in anderen Fächern wie Geschichte und Deutsch statt. Wichtig ist: Es darf nicht nur darum gehen zu vermitteln, wie das politische System aufgebaut ist. Entscheidend ist, dass junge Menschen frühzeitig auch ihre Mitwirkungsmöglichkeiten kennenlernen.

Überfordern Sie die Lehrer vielleicht mit dem neuen Anspruch? Und, viele ältere Lehrer waren froh, dass nach dem Ende der DDR die Politik aus den Schulen verbannt worden war.

Ich traue unseren Lehrern durchaus zu, die Dinge, die sie im Alltag bewegen, auch in den Unterricht zu transportieren. Viele Lehrer machen das heute bereits. Ich denke, es ist wichtig, dass Lehrer auch eine politische Meinung haben – sie dürfen ihre Schüler damit nur nicht überwältigen und einseitig beeinflussen. Obwohl Lehrer im Unterricht zu politischer Neutralität verpflichtet sind, sollten sie politisch denkende Menschen sein. Die Zeit ist dafür reif, viel offensiver vor die Schüler zu treten. Die Rückmeldungen, die ich erhalte, sind überaus positiv: Viele Lehrer wollen genau das tun.

Digitalisierung gilt heute als Schlagwort auch in Sachen Bildung. Wie sollen die Lehrer überhaupt mit ihren Schülern mithalten?

Wenn wir ehrlich sind, war es schon immer so, dass Schüler in technischen Dingen häufig viel weiter als ihre Lehrer gewesen sind. Doch wir sollten den Lehrern auch etwas zutrauen, selbst wenn wir nicht jeden Lehrer für die neuen Möglichkeiten begeistern können. Und, was ganz wichtig ist: Es geht ja nicht nur um die Technik – sondern vielmehr um die Frage, wie die Schüler lernen, mit den Folgen der Digitalisierung umzugehen. Sprich, wie sich zum Beispiel Fake-News und journalistische Beiträge erkennen oder Quellen im Internet recherchieren lassen. Letztlich geht es um eine positiv-kritische Distanz zu dem, was täglich im Netz herumschwirrt. Junge Menschen sollen fit gemacht werden, um mit dem Überfluss an Informationen umzugehen.

Interview: Andreas Debski

Von Andreas Debski

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