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Mitteldeutschland Auch Pflegepersonal aus dem Ausland kann Bedarf in Sachsen nicht decken
Region Mitteldeutschland Auch Pflegepersonal aus dem Ausland kann Bedarf in Sachsen nicht decken
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19:40 15.09.2019
Kampf gegen den Personalmangel in der Pflege: Die Zahl der ausländischen Fachkräfte, die jährlich nach Sachsen schwemmen, ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Quelle: dpa
Sachsen/Thüringen

In Sachsen und Thüringen fehlen Pflegekräfte. Nach Angaben des statistischen Landesamtes in Sachsen gibt es bis 2030 einen Mehrbedarf von knapp 16000 Vollzeitstellen. In Thüringen sind es schätzungsweise 10000. Um dem Mangel an Personal auszugleichen, setzen die Länder vermehrt auf Personal aus dem Ausland. Aktuell rekrutiert zum Beispiel die sächsische Bundesagentur für Arbeit in einem Pilotprojekt über dieZentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) Menschen vom anderen Ende der Welt. Südamerikaner sollen die Not vor allem in ländlicheren Gefilden lindern. Doch ehe die ihre Arbeit in Deutschland aufnehmen können, bedarf es eines langwierigen und zähen Prozederes der Anerkennung. Die Zahl derer, die jährlich nach Deutschland schwemmen, ist daher nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Viel Vorlauf für die Rekrutierung nötig

Brasilianer und Mexikaner sind es, die die ZAV vermittelt. Sie seien besonders gut für die Anwerbungen geeignet, „da es in ihrer Heimat viele junge Pflegekräfte gibt und die Ausbildung bereits auf einem hohen Niveau erfolgt“, erklärt Marcel Schmutzler von der Pressestelle des ZAV. Selbsterklärtes Ziel der Vermittlung sei es, gerade kleine Praxen auf dem Land zu entlasten, die finanziell wie strukturell nicht in der Lage sind, Unterstützung aus dem Ausland zu organisieren. Seit letztem Jahr läuft die Initiative an mehreren Stellen auf Bundesebene an. Bis dato arbeiten 100 Mexikaner in Deutschland – jedoch keiner von ihnen im Freistaat. Aus Brasilien sind inzwischen 26 Fachkräfte eingetroffen, immerhin die Hälfte ist an einem Klinikum in Sachsen untergekommen. Aufs Land gegangen, ist niemand. „Die Zahlen zeigen, wie viel Vorlauf es braucht, Personal aus dem Ausland zu rekrutieren. Allein die Sprachkenntnisse auf ein gewisses Niveau zu bringen, braucht Zeit“, so Schmutzler.

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90 Anerkennungsanträge in 2018

Aus diesem Grund ist die Zahl der Anerkennungsanträge aus 2018 auch verhältnismäßig gering. Im sächsischen Sozialministerium wurden 90 Anträge registriert. Laut Kommunalem Sozialverband Sachsen (KSV), der sich als überörtlicher Träger um die Anerkennungen kümmert, sind die Antragsteller überwiegend aus Drittländern, nicht zuletzt durch Initiativen wie die der ZAV. Viele kommen auch aus dem Kosovo, Albanien, den Philippinen und Vietnam. Der KSV entscheidet dann über etwaige Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen. Wie diese umgesetzt werden, liegt nicht mehr ihrer Zuständigkeit.


 Agentur für Arbeit: Mehr Bedarf als Arbeitskraft


Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit vom Dezember 2018 dauerte es im letzten Jahr durchschnittlich 183 Tage bis eine Fachkraftstelle in der Altenpflege besetzt werden konnte. Pflegeheime und Dienste mussten sich demnach etwa 70 Tage länger um Personal bemühen als andere Branchen. Die aktuelle Arbeitslosenstatistik für Sachsen und Thüringen bestätigt diesen Negativtrend.

In der Gesundheits- und Krankenpflege standen in Sachsen im Juli 132 Arbeitslose 426 offenen Stellen gegenüber. Im Bereich der Altenpflege sind die Zahlen sogar noch verheerender. Hier kommen auf 103 Arbeitslose 1024 offene Stellen.

In Thüringenwurden im Bereich Gesundheits-und Krankenpflege 76 Menschen arbeitslos gemeldet. 265 Fachkräfte wurden über die Agentur für Arbeit gesucht. In der Altenpflege standen im Juli 58 Menschen Arbeitslose 488 freie Stellen gegenüber.

Deutschlandweit sind 11.151 Stellen in der Gesundheits- und Krankenpflege nicht besetzt. In der Altenpflege liegt die Zahl bei 15.388. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt rasant. 2017 waren es bereits 3,4 Millionen Menschen, fast ein Fünftel mehr als noch zwei Jahre zuvor.

Keine festen Seminar- und Fortbildungsstrukturen

„Und da sitzt das Problem“, findet Kay Tröger. Er ist Leiter des sächsischen IQ-Netzwerkes. Ein Programm, das sich darum bemüht, die Chancen für Migranten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Aktuell kämen die Menschen kleckerweise nach Sachsen und das mit unterschiedlichen Fähigkeiten. „So ist es schwierig, flächendeckende Förderprogramme anzubieten“, führt er fort. Und die wären vor allem für kleine Pflegeanbieter von Nöten, die keine eigenen Seminar- und Fortbildungsstrukturen aufbauen können. „Die alten Bundesländer punkten da einfach mit größerem Arbeitgeberstrukturen und höherem Investitionsvolumen.“

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„Bessere Löhne und mehr Multikulti“ treiben Fachkräfte in andere Bundesländer

Einen anderen Hemmschuh skizziert Igor Ratzenberger, Vorsitzender des sächsischen Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Er betreibt selbst eine Pflegeeinrichtung mit 12 Mitarbeitern in Dresden. „Wenn man den gesamten Ablauf von der ersten Anfrage bis zum vollständigen Arbeitseinsatz zusammenfasst, kostet eine ausländische Pflegekraft den Arbeitgeber gute 20000 Euro.“ Für eine überschaubare Einrichtung, wie seine es ist, nicht leistbar.

Der bpa Sachsen rekrutiert schon seit mehr als einem Jahrzehnt aus dem Ausland. Ratzenberger spricht von einer niedrigen dreistelligen Zahl an Ankömmlingen bis jetzt. Zudem würden viele von ihnen Sachsen nach der Ausbildung wieder verlassen. „Woanders bekommen sie bessere Löhne und mehr Multikulti“, so sein nüchternes Fazit. „Die Leute zieht es eher in die Ballungsräume.“ Daran könne man auch nichts mit beschleunigten Verfahren ändern. Trotzdem, so ist er sich sicher, wäre es ein erster Schritt, den Bund an den Kosten für die Ausbildung ausländischer Fachkräfte zu beteiligen. „Das Land hat ein Interesse daran, die Personalnot zu lindern, also sollte es auch etwas dafür tun und die Verantwortung nicht auf die überwiegend klein- und mittelständischen Unternehmen abwälzen.“

Von Lisa Schliep

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