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Mitteldeutschland Fliegerbomben-Funde in Sachsen: „Die Munition wird immer unberechenbarer“
Region Mitteldeutschland Fliegerbomben-Funde in Sachsen: „Die Munition wird immer unberechenbarer“
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19:16 01.04.2019
Sprengung einer Fliegerbombe im März 2016 in Leipzig. Die Blindgänger werden durch die lange Liegezeit immer gefährlicher, sagen Experten. Quelle: Sebastian Willnow/dpa
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Dresden/Leipzig

Der sächsische Kampfmittelbeseitigungsdienst hat 2018 weniger Weltkriegsmunition vernichtet – aber nach vielen Jahrzehnten in der Erde geht von dem explosiven Material Experten zufolge eine zunehmende Gefahr aus. Nach Angaben des Polizeiverwaltungsamtes in Dresden summierte sich das Gewicht 2018 auf rund 7,5 Tonnen. Im Vorjahr waren es zwei Tonnen mehr. Der größte Teil entfalle auf einen ehemaligen Übungsplatz für Bombenabwürfe der Sowjet- und später GUS-Streitkräfte in Belgern, der seit vielen Jahren beräumt werde, sagt Sprecher Jürgen Scherf.

36 Sprengkörper unschädlich gemacht

Das „Kerngeschäft“ der Experten sind nicht Bomben, sondern die Beseitigung von Artilleriemunition wie Minen und Granaten. 2018 summierten diese sich auf über 183 Tonnen, 55 Tonnen mehr als 2017. Dazu kamen 12,8 Tonnen Nahkampfmittel (2017: 8,1), knapp 300 Kilogramm Sprengstoffe (835) und mehr als 2900 Waffen (4269).

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In 36 Fällen wurde laut der Statistik nichttransportfähige Munition an den Räumstellen unschädlich gemacht. So gab es Sprengungen von Granaten und Minen im Osterzgebirge und in der Sächsischen Schweiz.

Gefahr steigt durch lange Liegezeit

„Bombenfunde in Städten fallen nicht ins Gewicht, sind aber wegen der Auswirkungen in der Öffentlichkeit präsenter“, sagte Scherf. Die Zahl der Bombenräumungen schwanke, die Funde seien abhängig von Art und Örtlichkeit der Flächen. „Das können Räumstellen, aber auch kampfmittelbelastete Bauflächen sein.“

Für 2018 stehen sieben Bombenentschärfungen zu Buche, zwei mehr als im Jahr zuvor. Trotz Baubooms sinkt deren Häufigkeit seit 2013, wo noch 38 Blindgänger unschädlich gemacht wurden. In Dresden, Chemnitz, Leipzig und Plauen rechnen die Experten angesichts der Bautätigkeit mit weiteren Funden. In Leipzig war zuletzt im August auf einer Baustelle nahe der Pfaffendorfer Straße ein 250-Kilo-Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft worden. 1500 Anwohner mussten dafür über Nacht ihre Wohnungen verlassen.

„Nach 70 Jahren wird es gefährlicher“, sagt Scherf. Mit der Länge der Liegezeit in der Erde veränderten sich chemische und mechanische Komponenten. So hielt im Mai in Dresden-Löbtau eine fünf Zentner-Fliegerbombe die Stadt drei Tage in Atem. Deren Entschärfung war missglückt, es kam zur Teildetonation. Rund 9000 Bewohner konnten nicht in ihre Wohnungen, zeitweise war der Flugverkehr eingestellt.

„Nicht anfassen!“

„Nur erfahrene Kampfmittelbeseitiger können einschätzen, ob die Munition noch transportfähig ist oder nicht.“ Die Gefahr einer Explosion stehe oft 50 zu 50. „Die Munition wird immer unberechenbarer.“ Bei Verdacht sollte unbedingt die Polizei gerufen werden, warnt Scherf. „Nicht anfassen!“

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst der sächsischen Polizei vernichtet alte Munition aus dem Zweiten Weltkrieg und andere militärische Altlasten. 2018 gab es 792 Einsätze. Dabei wurden die Spezialisten zu 349 Fundstellen gerufen. Insgesamt wurden knapp 400 Munitionstransporte erledigt.

Von LVZ

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