Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Mitteldeutschland Gauck im Leipziger Paulinum: „Bürger sein, das will eingeübt sein“
Region Mitteldeutschland Gauck im Leipziger Paulinum: „Bürger sein, das will eingeübt sein“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:36 05.05.2019
Forum „Freiheit '89“ im Paulinum (v.l.): Tobias Hollitzer, Michael Kretschmer, Joachim Gauck und Joachim Klose. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

„Abschied von der Ohnmacht“ überschrieb Joachim Gauck (79) am Sonntag auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung seine Rede im Paulinum. Anlass für den Auftritt des Bundespräsidenten a. D. war die Erinnerung an die Kommunalwahl am 7. Mai 1989 in der DDR, als dank Initiative von Bürgerrechtlern die SED-Macht der Fälschung der Wahlergebnisse überführt wurde und damit, wie manch einer später feststellte, der Anfang vom Ende der SED-Diktatur eingeläutet worden war.

Hollitzer ging erst nach 18 Uhr ins Wahllokal

Gauck referierte und debattierte mit Protagonisten jener Tage, so mit Tobias Hollitzer (52). Der Leiter des Museums in der Runden Ecke ist seit Jahren mit der Aufklärungsarbeit über Macht und Ohnmacht der Staatssicherheit befasst. Im Mai 89 war auch er zur Wahl gerufen, nur steckte er die Benachrichtigung dafür daheim hinter den Spiegel. Hollitzer ging schon ins Wahllokal in der damaligen 43. POS namens Walter Ulbricht, aber bewusst erst nach 18 Uhr war der Wahlverweigerer vor Ort. Man sagte zu ihm, er komme zu spät. „Wieso zu spät? – jetzt wird doch ausgezählt.“ Wie Hollitzer verfolgten, ja überwachten landesweit Oppositionelle die Auszählung, nahmen dabei nicht mehr und nicht weniger als ihr demokratisches Recht in Anspruch und konnten nachweisen, dass das am Abend von Egon Krenz als Leiter der Zentralen Wahlkommision verkündete Ergebnis mit 98,85 Prozent Ja-Stimmen für die Kandidaten der Einheitsliste eine Lüge war.

Schücking: Unis waren nicht Treiber der Geschichte

Im voll besetzten Paulinum begrüßte Hausherrin Beate Schücking die Gäste, sprach über Ambiente und Aura des Hauses und erinnerte an die Rolle der Universität(en) vor 30 Jahren. Da waren die Bildungseinrichtungen nicht Treiber der Geschichte, sondern, so Schücking, angepasst und für den gesellschaftlichen Wandel nur von marginaler Bedeutung. Um so mehr traf dann die Unis ab 1990 der Umbruch mit voller Wucht. Heute wird auch an Leipzigs Alma mater immer wieder der Mut zum offenen Denken eingefordert. Was Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) gern vernahm. 1989 war er 14, jung genug, um nicht Verantwortung übernehmen zu müssen, alt genug, um mitzubekommen, „dass etwas aufgebrochen war“. Er berichtete in einem Grußwort von Begegnungen als Ministerpräsident mit jungen Sachsen. Viele Treffs stimmen ihn froh, einige nicht so, wenn junge Leute der Meinung sind, das Leben in der DDR sei besser gewesen oder man sollte, so im Internet zu lesen, heute zur Wahlauszählung gehen, weil neuer Betrug zu befürchten ist. „Das macht mich richtig wütend“, sagte Kretschmer.

Gauck spricht ohne Pathos

Damit hatte er Joachim Gauck den Ball für seinen Festvortrag zielsicher zugespielt. Der wandte sich in seiner mitunter launigen Rede an Lehrerinnen und Lehrer: „Besorgen Sie sich die Kopie eines Wahlscheins von damals. Da gab es nichts anzukreuzen, sondern nur zu falten – und ab in die sogenannte Wahlurne …“ Gauck spielte vor, wie die Wahl vor 30 Jahren ablief. Wer dagegen stimmen wollte, wusste nicht mal, was eine Gegenstimme ist. Und wer in die Wahlkabine (die musste es geben, um den demokratischen Anschein zu wahren) ging, war notiert von der Stasi. Gaucks Rede vor seinen „Lieblingssachsen“, als die er das Auditorium eingangs bezeichnet hatte, war sein Plädoyer gegen Ohnmacht und für Zivilcourage. Der Bundespräsident a.D. sprach ohne Pathos und war trotz Vergangenheitsbewältigung in der Gegenwart. Auch er trifft sich gern mit der Jugend. Deren Wahlfähigkeit ist laut Gauck nicht zu bestreiten – wenn es um die Wahl neuer Turnschuhe oder gefragter Musiktitel geht. „Aber“, so der Alt-Bundespräsident, „Kunde sein kann jeder, Bürger sein, das will eingeübt sein“. Auch die ältere Generation war damit angesprochen.

Von Thomas Mayer

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die neue Blütenkönigin in Sachsen kommt aus Leipzig. Antje Uhlig wurde in Sornzig gewählt und vertritt nun die Obstbauern der Region.

04.05.2019

Mit lauten Bässen, Tanz und Samba haben Tausende Menschen am Sonnabend gemeinsam ein Zeichen für den gesellschaftlichen Zu­sammenhalt gesetzt. Vom Regen und den kalten Temperaturen ließen sich die Teilnehmer nicht abschrecken.

04.05.2019

In Thüringen hat es am Sonnabend kräftig geschneit und den Winterdienst zu einem Großeinsatz auf die Autobahnen gerufen. Extremwanderer haben am Rennsteig mit der Witterung zu kämpfen.

04.05.2019