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Mitteldeutschland Gründer Ulrich Dausien erzählt: Wie Jack Wolfskin nach Sachsen kam
Region Mitteldeutschland Gründer Ulrich Dausien erzählt: Wie Jack Wolfskin nach Sachsen kam
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09:29 04.02.2019
In der Natur zu Hause: Ulrich Dausien (61), legendärer Gründer der deutschen Outdoor-Marke Jack Wolfskin, hier im Dschungel des Leipziger Zoos.
In der Natur zu Hause: Ulrich Dausien (61), legendärer Gründer der deutschen Outdoor-Marke Jack Wolfskin, hier im Dschungel des Leipziger Zoos. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Über seinen schwierigen Start im Osten und den bleibenden Wert von Naturerlebnissen in einer zunehmend digitalisierten Welt spricht Jack-Wolfskin-Gründer Ulrich Dausien (61) im LVZ-Interview.

Herr Dausien, Sie kamen im Frühjahr 1990 als Jack-Wolfskin-Gründer sofort nach der Wende in der DDR zur Frühjahrsmesse nach Leipzig. Was war der Grund?

Mein Vater kam aus dem benachbarten Halle. Er war als Verleger schon immer auf der Leipziger Messe und hatte mir als Kind die Sonderbriefmarken mitgebracht. Ich ließ 1990 für Jack Wolfskin Polartec-Fleece-Bekleidung in Westdeutschland, in Portugal, in Großbritannien, in Polen und in Taiwan produzieren. Ich suchte nach weiteren Nähbetrieben, die für uns arbeiten könnten.

Wie waren Ihre ersten Eindrücke?

Bei vielen DDR-Betrieben stellte ich mich mit dem Jack-Wolfskin-Katalog vor. Keiner kannte die Marke. Keiner war an einer Zusammenarbeit interessiert.

Wie wurden Sie aufgenommen, Sie galten ja eher als hemdsärmeliger und unorthodoxer Geschäftsmann?

,Hemdsärmlig’ interpretiere ich als zupackend und schnell entscheidend. Bei mir gilt das Wort und der Handschlag. So war ich in der Lage Jack Wolfskin mit jährlichen Wachstumsraten von über 50 Prozent pro Jahr wachsen zu lassen – ohne mich um lange Verträge kümmern zu müssen. Die Menschen auf der Messe in Leipzig waren eher konservativ. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie sich jetzt umgehend um neue Abnehmer kümmern müssten. Die Antworten waren vage. ,Das wird sich schon irgendwie richten, man wird sich schon um uns kümmern’. Ich war perplex. Um mich hatte sich nie jemand gekümmert. Ich musste mich selbst kümmern.

Kannten Sie Kletterer oder Alpinisten aus der DDR-Bergsportszene?

Ich kannte drei Kletterer aus Ost-Berlin, die dort – auch mit großem Jack Wolfskin Sortiment – den Bergsport- und Outdoor-Laden Camp 4 in zwei S-Bahn-Bögen mit großem Erfolg eröffneten.

Wie kam Ihre Marke im Osten an?

In Ost-Berlin von Anfang an sehr gut. Wir hatten aber auch einige große Händler in West-Berlin. Ende 1990 reiste ich nach Dresden, um dort neue Händler zu gewinnen. Es gab dort vier bestehende DDR-Geschäfte. Leider waren die Menschen zu diesem Zeitpunkt dort eher verunsichert, es gab keine gute Lieferung per DHL/UPS, und ich konnte 1990 in Dresden die bestehenden Händler nicht gewinnen. Erst die nach 1990 im Dresdner und Leipziger Raum neu eröffneten Geschäfte führten Jack Wolfskin sehr erfolgreich.

Gab es Artikel, die im Osten viel besser verkauft wurden als im Westen – oder schlechter?

Das kann ich nicht sagen. Wir verkauften das komplette Jack-Wolfskin-Sortiment in der Nachwendezeit erfolgreich.

Mittlerweile gibt es im Osten zahllose Stores mit dem Label „Jack Wolfskin“. Sie sind zwar seit 1991 nicht mehr als Gründer mit dabei, aber wie sehen Sie die Entwicklung im Osten?

Seit 1994 bin ich nicht mehr für Jack Wolfskin tätig. Der Outdoormarkt ist stetig gewachsen und beträgt in Gesamtdeutschland heute ca. 2,5 Milliarden Euro. Es gibt viele Teilmärkte (Wandern, Bergsteigen, Trekking, Fernreisen, Urban Outdoor, etc.). Fakt ist, dass Deutschland mit viel Wald und einer großartigen Natur gesegnet ist. Unsere Mittelgebirge bieten uns ideale Möglichkeiten, in der Natur Energie und Wohlbefinden aufzutanken. Gerade in Zeiten des Internets ist eine Entschleunigung in der Natur eine wahre Wohltat. Das wird auch so bleiben.

Wohin entwickelt sich der Outdoor-Handel?

40 Millionen Wanderer und 40 Millionen Radfahrer bieten in Deutschland eine gute Basis für den Markt mit Produkten für das Leben draußen. Ich war letzten November in Vietnam, und mir sind sehr viele junge Menschen – auch Gruppen junger Frauen – aus Deutschland aufgefallen, die mit dem Rucksack die Welt erkunden. Diese Menschen haben Erlebnisse für ihr ganzes Leben. Junge Familien genießen die gemeinsamen Abenteuer mit den Kindern. Es gibt kaum etwas Großartigeres. Meine Tochter hatte sich als Kind zwar manchmal gewehrt, aber heute ist sie um die Touren mit der Familie dankbar. Viele Menschen entdecken die sehr schönen Möglichkeiten, die Natur in Deutschland zu erlaufen. Das wird – gerade in Zeiten der Übertouristisierung berühmter Destinationen wie Venedig, Florenz, Barcelona – weiter an Wert gewinnen, denn der Weg ist das Ziel.

Gibt es Chancen für Spezial-Läden in den Städten oder wird am Ende der reine Online-Handel das Rennen machen?

Ich persönlich glaube an den ,Multi-Channel-Handel’, das heißt an Geschäfte, die auch über das Internet auf ihr Angebot aufmerksam machen, die die Möglichkeit bieten über das Internet zu bestellen, die aber auch mit Menschen aus Fleisch und Blut Beratung und Hilfe bieten.

Welche Marken haben Potenzial?

Jack Wolfskin und Vaude bieten neben hochwertiger Technik auch ökologischere Produkte für den Outdoorsport an. Auch die eigene Marke der McTREK-Läden, Our Planet, bietet 2019 viele innovative Produkte mit ökologischen Lösungen an.

Wer kämpft mit Schwierigkeiten?

Dazu möchte ich mich nicht äußern.

Sie haben bis Ende 2018 die Yeah! AG mit bundesweit 23 McTrek-Filialen als Vorstand geführt, darunter eine im Leipziger Hauptbahnhof. Wohin soll die Reise für McTrek noch gehen?

Die YEAH! AG betreibt 42 Filialen und einen Onlineshop. Und ich bringe noch meine Erfahrungen als einer der Direk­toren der Muttergesellschaft der YEAH! AG, der A.S.Adventure Gruppe aus Belgien, ein. Der deutsche Outdoor Markt ist einer der Kernmärkte für unsere Gruppe.

Wollen Sie in Sachsen oder Thüringen weitere Filialen eröffnen?

Das Management der YEAH! AG wird auch in Zukunft die Optionen für weiteres Wachstum positiv prüfen. Aktuell ist McTrek nur mit jeweils einer kleinen Filiale in Leipzig und Halle vertreten.

Was ist so spannend an Leipzig und Sachsen?

Die Menschen leben nahe an unseren Mittelgebirgen. Sie werden den Wert der Naturerlebnisse in einer schnellen und technisierten Welt weiterhin brauchen und schätzen.

Von André Böhmer