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Mitteldeutschland Gründer aus Chemnitz sagen dem Fahrradklau den Kampf an
Region Mitteldeutschland

Gründer aus Chemnitz nominiert für Preis „Sachsen gründet – Start-up 2021“

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07:00 27.11.2020
Die Gründer Patrick Rabe (links) und Steve Winter vor dem Rohbau eines Fahrradabstellcontainers.
Die Gründer Patrick Rabe (links) und Steve Winter vor dem Rohbau eines Fahrradabstellcontainers. Quelle: Uwe Mann
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Chemnitz

Der Diebstahl von Fahrrädern ist die häufigste Straftat in Sachsen. Im vergangenen Jahr wurden im Freistaat 21.021 Fahrräder entwendet. Die wenigsten tauchen wieder auf und finden den Weg zurück zu ihrem Besitzer.

Steve Winter, angehender Wirtschaftsingenieur an der Hochschule Mittweida, kennt das Gefühl, wenn das Fahrrad plötzlich weg ist, geklaut und nicht mehr auffindbar. Dem 28-Jährigen ist sein teures Bike auf diese Weise abhandengekommen.

Das Rad war plötzlich weg – und die Geschäftsidee geboren

Der Diebstahl brachte ihn und seinen Studienkollegen Patrick Rabe (27) auf ihre Geschäftsidee. Zusammen mit dem Wirtschaftsingenieur Rabe, wurde die Idee geboren, einen sicheren Unterstand für Fahrräder zu entwickeln. Das ist inzwischen dreieinhalb Jahre her.

„Wir haben durch die Coronapandemie viel Zeit verloren, aber wir sind für das kommende Jahr zuversichtlich, den Durchbruch zu schaffen“, sagte Steve Winter. In den letzten Monaten seien viele Menschen in Deutschland aufs Fahrrad umgestiegen, deshalb steige auch der Druck sichere Parkplätze für die teuren Zweiräder anzubieten. Mit Hochdruck arbeiten die beiden daran, ihre abschließbare Abstellanlage für Fahrräder mit dem Namen „Velobrix“ in die Serienfertigung zu bringen. „Wir sind auch kurz vor dem Abschluss der notwendigen Zertifizierung“, versicherte Winter. Den Einbruchtest hat der „Velobrix“ schon vor längerer Zeit bereits bestanden.

Verkehrsverbund Oberelbe startete ein Pilotprojekt

Für den Start ihres Projekts nutzten sie ein Gründerstipendium. Dann gründeten die beiden jungen Sachsen in Chemnitz die Start-up-Firma RWC factory GmbH und bezogen ein Büro im Chemnitzer Technologiezentrum TCC. Um ihr System zu testen, wurde mit dem Verkehrsverbund Oberelbe ein Pilotprojekt vereinbart. Mehrere Monate stand der erste „Velobrix“ für 16 Fahrräder auf dem Bahnhofsvorplatz von Coswig (Landkreis Meißen). „Wir wollten wissen, wie sich unsere Anlage bei Wind und Wetter verhält, um die Kinderkrankheiten auszumerzen“, erklärte Rabe die Vorgehensweise.

Den Wirtschaftsingenieuren ging es vor allem darum, ein einfaches, robustes und leicht zu bedienendes Abstellsystem zu schaffen, das den Diebstahl der Fahrräder weitgehend ausschließt.

Gründer bauten Schiffscontainer aus Hamburg um

Als Grundmodul entschieden sie sich für umgebaute Schiffscontainer, die in Hamburg erworben werden können. Die Container sind auch für eine temporäre Nutzung geeignet und können beispielsweise für den Einsatz bei Festivals eingesetzt werden. Der Container auf einen Lkw verladen und auch wieder abtransportiert werden.

In dem „Velobrix“ ist Platz für insgesamt 16 Fahrräder auf zwei Ebenen. Die Nutzer benötigen keine Registrierung, sondern können über ein Touchscreen mit ihrer Girocard die Fahrradbox öffnen. Das Fahrrad wird mit dem Hinterrad zuerst in die Box geschoben und dann die Luke verschlossen. Die Box ist so groß, dass auch Fahrradtaschen oder der Helm Platz finden.

Im Container ist auch Strom für E-Bikes vorhanden

Für E-Bikes gibt es eine 230-Volt-Steckdose. Weil die Fahrradabstellanlage mit einem innovativem Schienensystem ausgestattet wird, ist auch das Parken in der oberen Etage kein Problem. Mit Dämpfern wird die Abwärts- und Aufwärtsbewegung jeweils unterstützt.

Weil nicht überall gleich 16 Fahrräder untergebracht werden müssen, wurde auch eine Einzelbox, die „Velobrix M“, entwickelt. Sie soll eine platzsparende Lösung zur Verstauung von zwei Fahrrädern und Fahrradequipment sein. Die Boxen können einzeln, in Reihe und doppelstöckig angeordnet werden. Durch die modulare Bauweise können bis zu 32 Einzelboxen zu einem System zusammengefasst werden. Somit finden bis zu 64 Fahrräder Schutz vor Diebstahl, Vandalismus und schlechtem Wetter.

Investoren aus Chemnitz beteiligte sich an der Firma

Um ihr Geschäft in Gang zu bringen, hatten sich die beiden Gründer professionelle Hilfe in ihr Start-up geholt. So hat der Chemnitzer Unternehmer und Investor Erwin Trageser sich von der Idee der beiden Wirtschaftsingenieure überzeugen lassen. Er hat sich an der Firma beteiligt und Startkapital zur Verfügung gestellt. Zudem ist die Chemnitzer Beraterin Doris Schaller mit im Boot, die sich mit ihrer Unternehmensberatung auch auf Start-ups spezialisiert hat. Umgebaut und ausgestattet werden die Schiffscontainer im Chemnitzer Metallbauunternehmen Gerd Weißbach GmbH, einem traditionsreichen, mittelständischen Unternehmen mit über hundertjähriger Firmengeschichte und mehr als 30 Beschäftigten.

Dass ihr Konzept Zukunft hat, davon sind die beiden Gründer fest überzeugt. Sie gehen davon aus, dass der Bedarf für sichere Stellplätze steigt, weil die Fahrräder durch den Trend zum E-Bike immer wertvoller werden und die Verbindung von Fahrrad und Öffentlicher Nahverkehr wichtiger wird, auch weil solche Schnittstellen von der Europäischen Union gefördert werden. „Wir haben schon zahlreiche Anfragen von Kommunen und Verkehrsbetrieben“, sagte Rabe. Auch erste Aufträge konnte das junge Unternehmen an Land ziehen. So werden bald in Chemnitz am Carlowitz-Kongresszentrum acht der „Velobrix M“-Boxen stehen, die unkompliziert mit der EC-Karte genutzt werden können.

Weitere Unternehmer und ihre Ideen werden vorgestellt

In der Sendung Sachsenspiegel des MDR können Sie an diesem Freitag um 19 Uhr das Porträt der Firma „Graichen Bau und Möbelwerkstätten“ aus Frohburg sehen. Das Unternehmen wurde für den Preis „Sachsens Unternehmer des Jahres“ nominiert.

Der Wirtschaftspreis „Sachsens Unternehmer des Jahres“ und der Gründerpreis „Sachsen gründet – Start-up 2021“ sind eine Initiative von „Sächsische Zeitung“, „Freie Presse“, „Leipziger Volkszeitung“ und dem MDR sowie von Volkswagen Sachsen, der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG, der LBBW und der Gesundheitskasse AOK.

www.unternehmerpreis.de

So geht die Teilnahme

Der Gewinner des Wettbewerbs erhält die „Die Träumende“, eine vergoldete Bronze-Statue der Bildhauerin Malgorzata Chodakowska. Bis zum 5. Februar kann man sich bewerben oder vorgeschlagen werden. Von den Kandidaten wird als Mitgift erwartet: zehn oder mehr Mitarbeiter, mindestens fünf Jahre am Markt, 500.000 Euro Jahresumsatz, eigene Anteile am Unternehmen. Der Firmensitz in Sachsen ist nicht Bedingung – aber die gute Tat für den Freistaat. Auszeichnungskriterien: besondere unternehmerische Leistung 2020, z.B. Erhalt und Schaffung von Jobs, Lehrstellen, Innovationen, Akquisitionen, Engagement für die Region, erfolgreiche Krisenbewältigung.

Eine elfköpfige Jury entscheidet, wer die Figur am 7. Mai 2021 in Dresdens Gläserner VW-Manufaktur bekommt. In der Sonderkategorie „FokusX – beste Chancenmanagerin/bester Chancenmanager“ werden z. B. innovatives Reagieren auf die Pandemie, kreative und nachhaltige Geschäftsideen und gesicherte Jobs und Lehrstellen gewürdigt. Dort gelten die Mindestkriterien für Umsatz und Beschäftigte nicht. Es winkt ein Mediabudget über 60.000 Euro.

Das gleiche Volumen geht an das beste Start-up. Bewerber müssen zwischen 2016 und 2019 gegründet und ein Jahr am Markt sein, eine innovative Geschäftsidee und einen überzeugenden Businessplan vorlegen. Die Finalisten präsentieren sich bei der Gala, wo das Publikum entscheidet.

Der Wirtschaftspreis „Sachsens Unternehmer des Jahres“ ist eine Initiative von Sächsische Zeitung, Freie Presse, Leipziger Volkszeitung und MDR sowie von Volkswagen Sachsen, der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG, der LBBW und der Gesundheitskasse AOK Plus.

Von Christoph Ulrich