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Mitteldeutschland Grüne bleiben weit unter ihren Erwartungen
Region Mitteldeutschland Grüne bleiben weit unter ihren Erwartungen
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14:36 28.10.2019
Bundesvorsitzender Robert Habeck (links) und Grünen-Spitzenkandidatin Anja Siegesmund auf der Grünen-Wahlparty in Erfurt. Quelle: Daniel Naupold/dpa
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Erfurt

Die Demoskopen sind nicht die Freunde der Grünen. Noch am Freitag wabern Wahlergebnisse knapp unter dem zweistelligen Bereich durch Thüringen. Am Wahlabend dann die kalte Dusche. Statt erhoffter Verdopplung der Stimmen – Absturz fast bis zum Rauswurf aus dem Parlament. 5,2 statt 9,0 Prozent. Im studentischen Kultur-Café „Franz Mehlhose“ in Erfurt, wo Bundeschef Robert Habeck mit den Spitzenkandidaten Anja Siegesmund und Dirk Adams feiern will, wird die Familienidylle mit Wein und Suppe jäh zerrissen.

Siegesmund, die in Thüringen Umweltministerin ist, hat in Jena zumindest ein für ihre Partei überdurchschnittliches Ergebnis erzielt, aber das Direktmandat verfehlt. Im Wahlkreis Jena I landet sie mit 24,7 Prozent hinter Torsten Wolf (Linke). Jena zählt zusammen mit Weimar zu den wenigen Hochburgen der Grünen in Thüringen. Auf dem Land hat es die Partei erfahrungsgemäß schwerer. Dass mehr als die Hälfte der Wähler über 60 ist, spielt ihr auch nicht in die Karten.

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„Das schmerzt natürlich“

Siegesmund twittert: „Endergebnis Thüringen. Da gibt es nichts zu beschönigen. Bitter.“ Man habe sich ein deutlich besseres Ergebnis erhofft, räumt sie später ein. Die Aufgabe der Partei sei gewesen, das Thema Klimaschutz für Thüringen zu übersetzen, das sei „an der ein oder anderen Stelle“ nicht gut gelungen. „Das schmerzt natürlich.“

Grünen-Fraktionschef Dirk Adams hat im Wahlkreis Erfurt III gegen Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) gar keine Chance und muss auch Dominik Kordon von der CDU und Marek Erfurth (AfD) noch an sich vorbeiziehen lassen. „Es war noch nie einfach, in Thüringen ein Grüner zu sein“, resümiert Adams.

Drohmail gegen Adams

Aus seiner Sicht haben politische Inhalte im Wahlkampf zuletzt kaum noch eine Bedeutung gehabt. „In den letzten Wochen hat sich der Wahlkampf total auf die Frage zugespitzt, wer Ministerpräsident wird und bei dieser Zuspitzung verlieren die Kleinen immer“, sagt Adams. Der Ergebnis könne ihn nicht zufrieden machen. Der Ball liege nun bei der Linken, auf andere Parteien zu zugehen.

Am Tag danach macht er dann eine Drohmail von mutmaßlichen Rechtsextremisten öffentlich. Ähnlich jener, die auch CDU-Chef Mike Mohring erhalten hat. Der Absender nenne sich „Cyber-Reichswehr“ und kündige ein Messer- oder ein Autobombenattentat an, wenn Adams nicht bei den Grünen austrete. „Ich nehme das nicht ernst“, sagt der Landespolitiker.

Grünen fehlt das Milieu

Der Leipziger Politikwissenschaftler Hendrik Träger analysiert, die starke Polarisierung habe bei den Parteien der politischen Mitte, also auch bei den Grünen, zu einem großen Aufmerksamkeitsverlust geführt. Mehr noch: Die Linke habe den Grünen und der SPD Wähler weggenommen. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. „In Ostdeutschland haben es die Grünen ohnehin schwerer als in Westdeutschland, da ihre Themen hier nicht so populär sind.“ Forderungen der Partei vor über 20 Jahren, für den Liter Benzin fünf Mark zu verlangen, wirkten noch immer nach.

„Zudem ist Thüringen eher ländlich geprägt, wo die Menschen – anders als in Großstädten – seltener die Grünen wählen.“ Aber Träger weiß auch Tröstliches: „Insgesamt ist der Höhenflug der Grünen nicht vorbei. Allerdings hat die Landtagswahl gezeigt, dass die Bäume der Grünen nicht überall gleichmäßig hoch in den Himmel wachsen.“

Tatsächlich ist die Partei noch nicht aus dem Rennen, wenn es um die Regierungsbildung in Thüringen geht. Möglicherweise als Juniorpartner in einem dann von der CDU tolerierten neuen Minderheitskabinett Rot-Rot-Grün.

Von Roland Herold