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Mitteldeutschland „Gysi ist keine Persona non grata“
Region Mitteldeutschland „Gysi ist keine Persona non grata“
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17:18 11.07.2019
Peterskirchen-Pfarrer Andreas Dohrn steht in der Kritik, weil er Gregor Gysi in seiner Kirche auftreten lässt. Jetzt wehrt er sich. Quelle: André Kempner
Leipzig

Die Wellen schlagen hoch, weil zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution Gregor Gysi (Linke) in der Peterskirche eine Festrede halten wird. Der linke Politiker sei 1989 Nomenklaturkader der damals herrschenden SED gewesen und habe auf der anderen Seite der Barrikade gestanden, sagen Kritiker und fordern von Peterskirchen-Pfarrer Andreas Dohrn, Gysi auszuladen. Die LVZ sprach mit ihm.

Viele in Leipzig nennen die Einladung von Gysi eine instinktlose Provokation. Es sei ein Unding, dass „der Retter der SED in Leipzig zum Festredner der Friedlichen Revolution avanciert“ heißt es. Werden Sie Ihn ausladen?

Es ist keine Festrede. Am 9. Oktober findet in unserer Kirche ein Konzert der Philharmonie Leipzig statt, bei dem Beethovens 9. Sinfonie aufgeführt wird. Die Opernsängerin Carolin Masur wird als Solistin mitwirken. Gregor Gysi wird sprechen. Ein Festkonzert mit diesen Programm-Grundbausteinen findet als eigenständiges Konzert jährlich seit dem Jahr 2013 in der Peterskirche statt und gehört nicht zum Lichtfest, ist also kein Teil des öffentlichen Programms und wird es auch nicht werden. Die Kirchgemeinde hat Gysi nicht eingeladen. Ausladen könnte ihn, wenn, dann nur die Philharmonie.

Aber der Bezug zum 9. Oktober ist doch mehr als deutlich. Die  Veranstaltung in der Peterskirche trägt sogar den offiziell den Titel „Festkonzert 30 Jahre Friedliche Revolution“. Werten Sie damit Gysi nicht auf?

Die Kirchgemeinde und ich sehen keine Aufwertung von Herrn Gysi. Wenn sich eine Person bei der Philharmonie Leipzig melden und sagen würde, sie wolle in dieser Veranstaltung eine Gegenrede haben, fände ich das angemessen. Unsere Kirchgemeinde ist nicht der Veranstalter, aber ich vermute, dass die Veranstalter ein solches Angebot annehmen würden.

Es wird Ihnen auch vorgeworfen, mit Gysis Auftritt werde „eine marxistisch-leninistische Kaderpartei“ unterstützt, die ein „ideologisches Programm“ verfolge. Wie sehen Sie das?

Wer sich kritisch mit Gregor Gysi, der PDS und den Linken auseinandersetzen will, wird sich keinen Gefallen tun, wenn er die Debatte um diese Veranstaltung weiter so führt wie jetzt. Eine prinzipielle Abwertung von Positionen, Personen und Programm der Linken schadet ihnen nicht. Dafür muss man sich schon mit der Geschichte, dem Programmen und den Positionen auseinandersetzen – und auch mit der Person von Gregor Gysi. Es liegt sehr nahe, dass Bürger, die vor 1989 Unrecht erlitten haben, den Aspekt des Unrechts in der Debatte zu betonen. Dass man damit die Person Gregor Gysi mehrdimensional genug beschreibt, das kann ich in der aktuellen Debatte nicht erkennen. In unserer Gesellschaft wäre es unklug, auf die Ideen und Konzepte der Linken zu verzichten.

Wird Gysi deshalb die Gelegenheit einer Gegenrede zu Bürgerrechtlerin Freya Klier gegeben, die die Festrede zur Demokratie im Gewandhaus hält?

Das offizielle Festprogramm mit Freya Klier und das Konzert in der Peterskirche sind niemals aufeinander bezogen geplant worden, also ist es keine Gegenrede. Die Einladung von Gregor Gysi geht von der Philharmonie Leipzig aus. Aus der Debatte der letzten Tage leite ich ab, dass die Verletzungen und Kränkungen von so vielen Bürgerrechtlern und Bürgern so groß sind, dass die Möglichkeit einer sinnvollen konfrontativen Debatte am 9. Oktober begrenzt ist. Denn am 9. Oktober geht es um die Menschen, die 1989 an diesem Tag ihr Leben riskiert haben. Es geht darum, ihre Geschichte zu würdigen und zu erzählen und zu erinnern.

Aber ist des dann wirklich klug, in der Peterskirche einen „Nomenklaturkader der SED“ reden zu lassen, der an diesem Tag auf der anderen Seite stand?

Ist es wirklich klug, ihm das Wort zu entziehen? Die Frage ist doch, wie geht man mit der nicht unbeträchtlichen Schar der Menschen um, die ’89 weder Bürgerrechtler noch Täter waren. Die LVZ-Umfrage (bei der sich zwei Drittel der Teilnehmer für den Auftritt von Gregor Gysi aussprachen, d.Red.) zeigt doch, dass es eine relativ große Zahl von Leuten gibt, die nur mit der offiziellen Erinnerungskultur nicht ausreichend erreicht werden.

Aber macht es da Sinn, jemanden reden zu lassen, der die Ereignisse aus der Perspektive der Täter sieht?

Ich hätte mit Gregor Gysi ein Problem, wenn er ein Akteur wäre, der sich juristisch nicht hätte verantworten müssen für das, was er getan hat. Passiert ist doch genau das Gegenteil: Man hat mit einem großen Aufwand versucht, seine Rolle in den Komplexen „Verbleib der SED-Milliarden“ beziehungsweise „Stasi“ zu klären. Die parlamentarischen Untersuchungsberichte und die juristischen Urteile haben nicht dazu geführt, dass Gysi eine Persona non grata geworden ist.

Wie haben Sie persönlich die Wende erlebt?

Ich bin in der Nähe von Stuttgart geboren, war zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt und habe in Hamburg Theologie studiert. 1989 war ich im Oktober mit der Hamburger Kirchgemeinde auf Besuch bei der Partnergemeinde in Berlin-Schmöckwitz. Nach der Andacht in der Berliner Gethsemane-Kirche am 09. Oktober 1989 war die Kirche von schwer bewaffneten Sicherheitskräften umstellt. Mir ist sehr bewusst, dass die DDR ein Unrechtsregime war. Aber ich habe nicht unter ihm gelitten. Die Menschen, die gelitten haben, werden weiter daran arbeiten noch tiefer zu verstehen, was eigentlich in dieser Diktatur geschehen ist. Es ist existenziell für sie selbst und für die Gesellschaft, ihre Geschichten zu erzählten – und das besonders am 9. Oktober und besonders in Leipzig.

Mancher meint heute, in der DDR sei nicht alles schlecht gewesen, sondern vieles besser.

Ich bin seit August 2013 Pfarrer in der Peterskirche und habe mit sehr vielen Leuten zu tun, für die die Prägung durch die DDR-Zeit nach wie vor zentral ist. Dabei stellt sich häufig die Frage: Wie gehen wir eigentlich mit einer Gesellschaft um, in der die Lebensläufe von Menschen und die Strukturen von Orten entwertet wurden? Die Frage ist doch, wie wir Personen und Orten, die seit 1989 entwertet wurden, eine Teilhabe auf Augenhöhe ermöglichen können. Daran entzündet sich auch der Streit um Gysi: Für einen Teil der Entwerteten ist er eine Lichtgestalt, für einen anderen Teil der Entwerteten ist Gysi der Supergau. Da prallen zwei Planeten auf einander, das kann man nicht wegmoderieren. Das erklärt die Heftigkeit der Debatte, die wir derzeit erleben.


Bürgerrechtler stellen Gysis Auftritt in der Peterskirche in eine Reihe mit einem Auftritt des AfD-Politikers Gauland auf einem Kirchentag, der nicht zugelassen wurde
.  Misst die Kirche mit zweierlei Maß?

Nein. Wir Christen in Leipzig haben bei der Kommunalwahl gezeigt, dass es möglich ist, alle Kandidaten eines Wahlkreises einzuladen und auf Herz und Nieren zu prüfen. Vor der Landtagswahl wird es ein ähnliches Format geben. Wir als Kirche haben die Aufgabe, die Akteure gesellschaftspolitisch zu stellen, die rechtsextreme Netzwerke ermöglichen, die zu Todesfällen führen. Leipzig hat auch eine autonome Szene mit einem sehr differenziert zu betrachtenden Spektrum von Leuten. Unsere Stadt ist politisch stark polarisiert, damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Vertieft der Gysi-Auftritt Deutschlands Spaltung nicht noch mehr?

Er verursacht keine größere Spaltung, sondern macht vielmehr die vorhandene Spaltung sichtbar. Und es bringt auch Akteure in Handlungsnot – zum Beispiel zusätzliche Veranstaltungen anzubieten.

Die ehemalige DDR-Liedermacherin und Lyrikerin Bettina Wegner hat Ihnen geschrieben, Versöhnung müsse scheitern,
„wenn Musiker und Pfarrer beschließen, dass jetzt versöhnt wird“
. Was antworten Sie ihr?

Das haben nicht Musiker und Pfarrer beschlossen, sondern Musiker. Mich verwundert, dass es heute in einem Teil der Bürgerrechtsbewegung attraktiver ist, Öl ins Feuer zu gießen, als gemeinsam Gespräche zu führen und Veranstaltungen zu organisieren.

Greift in Deutschland eine „Geschichtsvergessenheit“ um sich, wie es im offenen Brief heißt, mit dem DDR-Bürgerrechtler gegen den Gysi-Auftritt protestieren?

Es gab noch nie eine Zeit, in der flächendeckend so viele junge Leute so geschichtsbewusst waren wie jetzt. Es kommt eine geschichtsbewusste Generation auf uns zu, die viele Fragen stellt – aber andere auf einer anderen Art. Deshalb ist es wichtig, wie wir mit der Einzigartigkeit der Geschehnisse von 1989 umgehen und wie wir das an die nächsten Generationen transportieren. Es gibt dafür in Leipzig reichlich Anknüpfungspunkte – aber es fehlen noch angemessene Brücken und Scharniere. Wir brauchen Erzähler der Geschichte und Brückenbauer.

Von Andreas Tappert

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