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Mitteldeutschland Historiker: „Ostdeutsche wurden häufig nur als Problem wahrgenommen“
Region Mitteldeutschland Historiker: „Ostdeutsche wurden häufig nur als Problem wahrgenommen“
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21:23 17.10.2018
In Bischofferode haben die Kumpel für den Erhalt ihres Betriebes gekämpft – allerdings ohne Erfolg. 1993 war der Traum von den „blühenden Landschaften“ trotz Hungerstreiks ausgeträumt. Quelle: ha/dpa
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Dresden

Der Historiker Marcus Böick (35) hat die erste zeithistorische Untersuchung zur Treuhand geschrieben. Das war jene Behörde, die zwischen 1990 und 1994 DDR-Staatsbetriebe privatisieren sollte. Böick sagt: Die Verletzungen von damals wirken bis heute nach.

Es ist viel davon die Rede, dass viele Probleme und Verwerfungen, die es heute in Ostdeutschland gibt, ihre Ursache in der Treuhand haben. Wie sehen Sie diesen Zusammenhang?

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Die Treuhandanstalt hat eine Schlüsselrolle gespielt – sowohl die harten, wirtschaftlichen Faktoren betreffend, als auch bei den weichen, kulturellen Entwicklungen. Die Entscheidungen von damals wirken bis heute nach, weil sie für viele Menschen gravierende Konsequenzen hatten. Ein Fortschritt ist jetzt: Es wird wieder kontrovers und differenziert über dieses Thema gesprochen. Bislang schien es so, dass es keine Unterschiede zwischen Ost und West mehr geben durfte – weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es wurde zum Beispiel in der Politik auf Infrastruktur und Städtebau verwiesen, aber nicht verstanden, dass es auch um Menschen und ihre Schicksale geht. Allerdings sehe ich negativ, dass die politischen Lager schon wieder in alte Frontstellungen verfallen: Es gibt die Verteidiger der Treuhand und deren Kritiker, die ihre Positionen jeweils politisch aufladen. Tatsächlich bräuchten wir aber Differenzierung und Dialog.

Worin könnte ein Ausweg bestehen?

Wenn wir uns – und zwar in West- wie Ostdeutschland – differenziert mit der Nachwendezeit auseinandersetzen, können wir die Ursachen für die Probleme unserer Gegenwart besser verstehen. Und, man darf auch die Vorgeschichte natürlich nicht vergessen: Das Ende des SED-Regimes und der schwer angeschlagenen Planwirtschaft. Momentan legt sich jedes Lager seine Wahrheit zurecht und reklamiert einen Alleinvertretungsanspruch. Und am Ende wird wieder nur hitzig aneinander vorbeigeredet. Außerdem sollte man sich davor hüten, eine gerade Linie von der Treuhand zur AfD ziehen. Damit würde man es sich zu einfach machen.

Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) hat in diesem Zusammenhang eine Wahrheitskommission vorgeschlagen. Was könnte eine solche Kommission bewirken?

Auch wenn der Begriff schwierig ist, da Assoziationen zur Aufarbeitung des südafrikanischen Apartheidsystems naheliegen, halte ich Idee zum Dialog für richtig. Denn es ist dringend notwendig, über Unterschiede in Ost und West und deren Ursachen offen zu sprechen – aber diese Gespräche dürfen keinesfalls moralisch geführt werden. Ein Fortschritt wäre, wenn das Gegeneinander in ein Miteinander verwandelt werden könnte. Dabei sollte man nicht bei Schuldzuweisungen und Aufrechnungen stehen bleiben, sondern müsste insbesondere auch die gemeinsame Zukunft in den Blick nehmen. Ein Fehler der Politik war sicher, dass es meist um materielle Aspekte ging und Emotionen nicht beachtet wurden. Wenn man aber das Gefühl hat, dass die eigene Lebens- und Arbeitsleistung entwertet wurde, hilft weder der Blick aufs Konto noch auf sanierte Häuser – dann geht es auch um Anerkennung.

Treuhand in der DDR

Die Treuhandanstalt war eine in der Spätphase der DDR gegründete Anstalt des öffentlichen Rechts. Die Idee, das Volkseigentum treuhänderisch verwalten zu lassen, hatte ursprünglich die Bürgerrechtsbewegung „Demokratie Jetzt“, die später als Bündnis 90 mit den Grünen fusionierte. Das Treuhandgesetz regelte die Überführung der volksei­genen Betriebe in Privateigentum.

Jenseits der ursprünglichen Idee war die Treuhandanstalt eine der umstrittensten Organisationen in der deutschen Geschichte. Als „größtes Unternehmen der Welt“ führte sie einen Vermögensumbau von bisher unbekanntem Ausmaß durch. Verkäufe an zumeist westdeutsche Investoren, Branchenabwicklungen und Massenentlassungen prägten ihre Geschäftspraxis nicht weniger als wütende Proteste, politische Kontroversen und öffentliche Skandale. Die Treuhand steht sinnbildlich für die Abwicklung der DDR-Wirtschaft, das Verschwinden von Betrieben und den Verlust tausender Arbeitsplätze.

Bei der Treuhand und ihren Nachfolgeorganisationen wurde nachweislich betrogen. Ein vom Bundestag eingesetzter Untersuchungsausschuss bezifferte im Jahr 1998 den entstandenen Schaden auf bis zu zehn Milliarden D-Mark. Es gab Bilanzfälschungen, Korruption und Unterwertverkäufe, außerdem Preisabsprachen und Handel mit Insiderwissen. (ski)

Die Treuhand steht im Ruf, die Ost-Wirtschaft plattgemacht zu haben. Viele Menschen haben das Gefühl, damals unterworfen worden zu sein. Was sagen Sie ihnen?

Das stimmt absolut: Viele Menschen sehen die Treuhand als eine Geschichte der Unterwerfung an. In der Studie für das Bundeswirtschaftsministerium haben wir die verschiedenen Blickwinkel auf die Treuhand herausgearbeitet. Dabei stellte sich heraus: Die Verwundungen sind gerade unter älteren Ostdeutschen noch erheblich. Es geht um Ohnmachtserfahrungen während des Umbruchs, um das Gefühl des Ausgeliefertseins, als westdeutsche Eliten über das Land gekommen sind. Dabei wurde rasend schnell über das Schicksal von Menschen, Betrieben und Regionen entschieden – ohne dass die Betroffenen verstehen konnten, was gerade mit ihnen passiert. Zudem war es den Ostdeutschen kaum möglich, ihre eigenen Perspektiven auf die Nachwendezeit öffentlich artikulieren zu können. Auch darüber muss man sprechen.

Über die wirtschaftlichen Verhältnisse zum Ende der DDR gibt es verschiedene Angaben: Hans Modrow nennt einen Wert von 1000 Milliarden Mark, Detlev Rohwedder bezifferte ihn immerhin mit 600 Milliarden Mark – letztlich stand ein Minus von 250 Milliarden Mark. Was sagen Ihre Untersuchungen – wären viele Betriebe zu retten gewesen?

Auch hier sollte man sich vor pauschalen Urteilen hüten. Natürlich gab es auch Flurbereinigungen zur Ausschaltung von Konkurrenten. Doch ich warne vor Verallgemeinerungen. Die Arbeit der Treuhand zeigt, wie sehr der Wert von Betrieben vom jeweiligen Kontext anhängt. Der große Einschnitt war, dass die DDR-Betriebe mit dem 1. Juli 1990 über Nacht in ein völlig anderes System gehievt wurden – mit dramatischen Konsequenzen. Was vorher im abgeschirmten Rahmen des sozialistischen Ostblocks durchaus einen Wert hatte, wurde über Nacht quasi pulverisiert. Was viele Menschen nun nicht verstehen konnten: Es wurden vorher nicht wenige Produkte gegen Devisen in den Westen exportiert und plötzlich sollte dies nichts mehr wert sein. Deshalb sollte man heute Betriebe und Branchen sorgfältig einzeln betrachten und analysieren.

Im Nachhinein ist man immer schlauer, aber wären diese Konsequenzen möglicherweise absehbar gewesen?

Es gab ja einige Ökonomen und auch die SPD, die im Frühjahr 1990 davor gewarnt haben. Das Tragische ist allerdings: Die Ostdeutschen haben selbst einen enormen Druck aufgebaut, möglichst schnell am West-Konsum teilhaben zu können. Dafür war der paritätische Geldumtausch eine wichtige Voraussetzung. Aus diesem verständlichen Wunsch heraus hat sich ein kurzfristiger Konsumschub ergeben – doch der Großteil der hiesigen Industrie und deren veraltete Produkte waren dann nicht mehr wettbewerbsfähig. Diese Entscheidung ist in der Volkskammerwahl im März 1990 eindeutig gefallen. Die Menschen haben sich mit überwältigender Mehrheit für diese Schocktherapie entschieden.

Das heißt, die Treuhand war nur eine Konsequenz?

Die ersten Treuhandmanager kamen erst im Sommer 1990. Zu dieser Zeit standen die Ost-Betriebe nach der Wirtschafts- und Währungsunion bereits vor dem nahezu unlösbaren Problem, ihre Produkte nicht mehr absetzen zu können und ihre Rechnungen in D-Mark bezahlen zu müssen. Das war ein Teufelskreis. Wenn man den politischen Rahmen betrachtet, den die ostdeutschen Wähler mitbestimmt haben, dann kann man nicht sagen, dass Ostdeutsche nur als bloße Opfer anzusehen sind. Natürlich wurde die Mehrzahl der Betriebe dann rasch an West-Investoren verkauft, die das nötige Kapital mitbrachten. Und für die oder den Einzelnen ist der Verlust des Arbeitsplatzes immer tragisch. Doch man sollte sich vor einseitigen Schuldzuweisungen und einfachen Erklärungen hüten.

Zu den Personen

Marcus Böick, 35, ist Historiker an der Ruhr-Universität Bochum. Er forscht seit zehn Jahren zum Thema Treuhand und den damit einhergehenden Umbruchprozessen. Gerade ist sein Buch „Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung“ (Wallstein Verlag, 767 Seiten, 79 Euro) erschienen. Bereits 2017 legte Böick gemeinsam mit Constantin Goschler die für das Bundeswirtschaftsministerium durchgeführte Studie zur „Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt“ vor. Böick stammt aus Aschersleben (Sachsen-Anhalt) und hat in Hettstedt sein Abitur gemacht. Er lebt seit 2004 im Ruhrgebiet.

Detlev Rohwedder war Präsident der Treuhandanstalt und wurde 1991 von der RAF ermordet. Ihm folgte Birgit Breuel (heute 81) bis 1995. (ski)

Ein weiterer Vorwurf lautet: Der Westen hat nur die zweite und dritte Garnitur in die neuen Länder geschickt.

Auch das Personal muss differenziert betrachtet werden. Es gab durchaus Leute, die den Osten als Sprungbrett für ihre Karriere genutzt haben. Das Fatale war: Es fand ein kompletter Austausch der Eliten in Ostdeutschland statt, da die alten DDR-Eliten nicht mehr erwünscht waren. Plötzlich waren die allermeisten Vorgesetzten aus Westdeutschland. Das betraf neben der Wirtschaft auch die Hochschulen, die Medien und auch Politik und Verwaltung. Diese Entwicklung hat natürlich das bange Gefühl erzeugt, fremdbestimmt zu werden – und diese Konstellation wirkt bis heute nach.

Bedeutet das auch, dass die Treuhand in gewissem Sinn identitätsstiftend für Ostdeutsche gewesen ist?

Unterm Strich könnte man es sogar so sehen. Es hat sich ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl gebildet, das seine Wurzeln durchaus in der Nachwendezeit hat. Doch dieses Gefühl setzt sich fort: Auch viele junge Ostdeutsche verstehen sich heutzutage als Ostdeutsche – das bedeutet, dass Identität weitergegeben wird. Das betrifft inzwischen sogar eine Generation, die gar keine eigenen DDR-Erfahrungen mehr hat. Die Ost-West-Gegensätze pflanzen sich sozusagen fort. Und das ist keineswegs allein auf die Ostdeutschen zurückzuführen.

Sie haben das Treuhand-Personal studiert – was ist Ihr Fazit?

Neben Karrieristen und Leuten, die Geld machen wollten, gab es auch engagierte Manager wie Detlev Rohwedder, die mit großem Idealismus und Professionalität an die Arbeit gegangen sind. Man muss im Nachhinein aber feststellen: Viele der Westdeutschen, die kurzfristig zur Treuhand kamen, waren von den dortigen Verhältnissen überfordert. Sie wussten in der Regel wenig über Ostdeutschland und die Ost-Wirtschaft, wurden in diesen Hexenkessel hineingeworfen. Es wurden sehr schnell Strukturen nach dem westdeutschen Vorbild nachgebaut und dabei auch Fehler gemacht. Langfristig hat das zu Entfremdungen geführt. Zugleich stellt sich die Frage, welche Alternativen es gegeben hätte.

Muss die Geschichte der Treuhand also neu aufgerollt werden?

Das ist notwendig, weil wir auf vielen Ebenen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema brauchen: an den Schulen und Hochschulen, in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Und, ganz wichtig: Unterschiede sollten diskutiert und auch anerkannt werden – und zwar von beiden Seiten, in Ost wie West. Gerade im Westen herrschte lange großes Desinteresse. Ostdeutsche wurden häufig nur als Problem wahrgenommen. Ein großer Teil der Ostdeutschen muss sich immer noch rechtfertigen, nicht wie ein Westdeutscher zu sein, so zu denken und zu fühlen. Diese einseitige Perspektive hat auch zu der heutigen Situation beigetragen. Der Westen wird sozusagen als das Normale betrachtet – und der Osten als das Abnormale, wo der Rechtsextremismus blüht und die Menschen keine Demokratie können. Schon in mit dieser einseitigen Sichtweise ist eine Abwertung verbunden.

Veranstaltungstipp

Am Donnerstag (18. Oktober 2018) findet ab 19.30 Uhr in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche (Eingang B) auf Einladung der Deutschen Nationalstiftung eine prominent besetzte Diskussion zum Thema Treuhand statt. Neben dem Historiker Marcus Böick ist die Runde mit der ehemaligen Ost-Beauftragten Iris Gleicke (SPD), dem Vorstandstandschef der Nationalstiftung, Richard Schröder (SPD), und Johannes Ludewig (CDU), der ab 1991 im Bundeskanzleramt die Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik leitete und für die Koordination der neuen Bundesländer zuständig war. (ski)

Von Andreas Debski