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Mitteldeutschland Moorleichen, Würgeengel und Opfermorde
Region Mitteldeutschland Moorleichen, Würgeengel und Opfermorde
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09:47 02.03.2019
Auf Verbrecherjagd: Der Autor Henner Kotte (55, links) rollt alte Kriminalfälle auf. Quelle: Bert Hähne
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Leipzig

Der Sachse gilt als erfinderisch – und ist es wohl nicht nur im Guten. Diesen Schluss legen drei Bücher mit historischen Kriminalfällen nahe, die so schreckliche wie skurrile Geschichten vor allem aus der Lausitz und der Chemnitzer Region erzählen. Da wird beim Graben auf eine Moorleiche gestoßen, treiben Würgeengel ihr Unwesen und laufen sogar Tote durchs Zimmer. Kurz und gut: Es handelt sich um schaurige Sammelsurien.

Dabei birgt der erste Titel, „Oberlausitzer Criminal“, neben 25 Geschichten, die zwischen klassischer Short-Story und essayistischen Reportagen aus immerhin drei Jahrhunderten changieren, ein großes Rätsel: Der Autor Erdmann Ferwaß tauchte erstmals 1836 in den Annalen auf – und schreibt seltsamerweise bis heute. Wie kann das aber sein? „Dass der Name ein Pseudonym sein muss, steht allein aufgrund seiner fast zwei Jahrhunderte dauernden schriftstellerischen Tätigkeit fest“, heißt es im Vorwort.

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Nur, wer heutzutage die in der Lausitz verorteten Texte schreibt, bleibt im Dunkeln. Und so soll es bleiben: Denn seit jeher, und auch zu DDR-Zeiten, gibt es Mutmaßungen über die wahre Identität der Autoren. Genauso sind die Erzählungen tradiert und nicht selten an anderen Orten überliefert, wurden seit dem 19. Jahrhundert unter anderem im Familienmagazin „Gartenlaube“ verbreitet. Es sind also einige Details weiterhin ein Geheimnis. Doch gerade in diesem Ungefähren liegt der Reiz von „Oberlausitzer Criminal“.

Da macht es Henner Kotte, in Leipzig lebender Schriftsteller mit Dresdner Wurzeln, seinen Lesern etwas einfacher: Er rollt die Kriminalfälle in der ihm eigenen Akribie auf. Das Metier des 55-Jährigen ist eigentlich der Kriminalroman, inzwischen hat er auch schon etliche Bände mit authentischen Ermittlungen aus Sachsen vorgelegt. Tödliche Abstecher führten ihn unter anderem ins Erzgebirge, in die Sächsische Schweiz, nach Leipzig und Dresden. Nun geht Kotte erstmals ebenfalls in der Lausitz („Der Opfermord von Belmsdorf“) sowie in der Chemnitzer Region und Crimmitschau („Die Tote aus dem Zöffelpark“) auf Verbrecherjagd. Beeindruckend ist immer wieder, wie Kotte absurde und bizarre Fälle in den Archiven entstaubt und nahebringt. Nicht selten kleidet der frühere MDR-Literaturpreisträger, der in Leipzig auch als Stadtführer arbeitet, die Erzählungen in den historischen Kontext, entwirft die Geschichte um die Geschichten.

Nur ein Beispiel: Beim besagten Belmsdorfer Opfermord handelt es sich um einen Mann, der sowohl seine Ehefrau als auch die Zwillingstöchter töten will – in der frühen DDR sollte daraus ein Exempel statuiert werden, um das Verbot der Zeugen Jehovas zu rechtfertigen. Der Mann blieb seit den 1950er-Jahren bis zum Mauerfall in der Psychiatrie und wollte auch nach der Wende, als sein Urteil überprüft wurde, nicht mehr in die Freiheit. Genau solche Geschichten zeichnen Kotte aus und suchen in Sachsen ihresgleichen.

Erdmann Ferwaß: Oberlausitzer Criminal. Oberlausitzer Verlag, 272 S., 9,95 Euro

Henner Kotte: Der Opfermord von Belmsdorf. Verlag Bild und Heimat, 240 S., 9,99 Euro

Henner Kotte: Die Tote aus dem Zöffelpark. Verlag Bild und Heimat, 256 S., 9,99 Euro

Von Andreas Debski