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Mitteldeutschland Immer mehr Bedürftige – wer die Tafel in Borna braucht
Region Mitteldeutschland Immer mehr Bedürftige – wer die Tafel in Borna braucht
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22:16 28.09.2019
Monika Kraft betreut die Bäcker-Theke. Die 62-Jährige hilft gern, denn einst stand sie selbst auf der anderen Seite vom Ladentisch. Quelle: Claudia Carell
Borna

Dienstag, 9 Uhr. Vor dem Laden in der Altenburger Straße 5 in Borna stehen knapp 20 Leute an. Dieses Geschäft hat nur diesen einen Tag in der Woche geöffnet. Es gehört zur Leipziger Tafel und wer dort einkaufen darf, muss bedürftig sein. Meist betrifft das Hartz-IV-Empfänger, Rentner und chronisch kranke Menschen.

Obwohl der Tafel-Laden eben erst öffnet, hat Nico Stowasser schon eingekauft. Grund: Der 37-Jährige half bereits am Morgen beim Ausladen der Waren. „Das mache ich gerne“, sagt der Mann mit dem Schwerbehindertenausweis, er leidet an Epilepsie. Schon seit er 14 ist, hat er diese Krankheit, erzählt er. Früher arbeitete er noch ein paar Stunden in der Landwirtschaft und hat zum Beispiel Stroh gehäckselt, „aber das geht jetzt nicht mehr“.

Für manche peinlich, auf die Tafel angewiesen zu sein

Er lebt in Regis-Breitingen und kommt jeden Dienstag zur Tafel nach Borna geradelt. Dort kauft er nicht nur für sich, sondern auch noch für eine Verwandte ein, die ebenfalls Hartz IV erhält. In seinen Tüten sind Kartoffeln, Weißkohl, Rucola, Aprikosen, Pfirsiche, Nudeln, Schinkenspeck... „Das reicht ’ne ganze Weile und hilft mir“, sagt er. „Drei Euro bezahle ich bei der Tafel. Im Supermarkt ist es viel teurer.“ Das eingesparte Geld könne er gut für etwas anderes verwenden.

Nico Stowasser hilft am Dienstagmorgen beim Ausladen bei der Tafel in Borna und darf dann als erster dort einkaufen. Hier belädt er seinen Fahrradanhänger. Quelle: Claudia Carell

Seit fünf Jahren nutzt er den Tafel-Laden. „Am Anfang war es bisschen komisch“, meint er. „Aber jetzt stört es mich nicht mehr.“ Das geht nicht allen Bedürftigen so. Zwei Frauen, die zu den Langzeitarbeitslosen zählen, stehen etwas abseits. Sie wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. „Es ist ja doch irgendwie peinlich, dass man auf die Tafel angewiesen ist“, sagt eine von ihnen, die zur DDR-Zeit in der Küche des Espenhainer Werks gearbeitet und seit der Wende keinen festen Job mehr hatte.

Wer denkt, im Tafel-Laden herrscht gedrückte Stimmung, der irrt. „Guten Morgen, ihr lieben Frauen“, begrüßt ein älterer Mann die ehrenamtlichen Helferinnen. „Na, mein Guter, wie geht’s denn heute so?“, antwortet ihm fröhlich Monika Kraft, die am Backwarenstand bedient. Die beiden wechseln ein paar Worte und lachen.

Angebot von Woche zu Woche unterschiedlich

Brot, Brötchen und besonders viel Kuchen gibt es diesmal im Angebot. „Es ist von Woche zu Woche unterschiedlich, heute haben wir jede Menge Kuchen bekommen, deshalb kann ich auch ausnahmsweise mehr als ein Stück pro Person rausgeben“, sagt die 62-Jährige.

Sie kennt die Tafel von beiden Seiten. Einst hat sie selbst hier eingekauft. „Ich war damals froh, dass es so was gibt“, meint sie. Schnell gerate man in solch eine Lebenslage, „da reicht manchmal schon eine Trennung“. Jeder habe hier sein Schicksal und viele haben „schon einiges durch“.

Stichwort Tafel

Tafel ist die Bezeichnung für gemeinnützige Hilfsorganisationen, die Lebensmittel, welche im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet und ansonsten vernichtet werden würden, an Bedürftige verteilen oder gegen geringes Entgelt abgeben. In Deutschland sind ein Drittel davon Kinder und Jugendliche. Hier sind Tafeln seit 1993 aktiv, so das Onlinelexikon wikipedia.

Die Tafeln sollen bundesweit derzeit 1,65 Millionen Personen im Schnitt einmal pro Woche mit jeweils drei bis vier Kilogramm Lebensmitteln versorgen. Die Abgabe erfolgt ausschließlich an Bedürftige, die ihre Bedürftigkeit zum Beispiel über einen Hartz IV-Bescheid nachweisen können.

Die Tafeln können und wollen dabei keine Vollversorgung bieten – verteilt werden allein gespendete Waren, von denen viele nur sporadisch zur Verfügung stehen, heißt es weiter. Mit mehr als 60.000 ehrenamtlichen Helfern gelten die Tafeln in Deutschland als eine der größten sozialen Bewegungen der heutigen Zeit.

Sie arbeitet jetzt als Reinigungskraft in Teilzeit und hilft jeden Dienstag bei der Tafel, seit etwa sechs Jahren. „So lange ich fit bleibe, mache ich das weiter“, sagt die Bornaerin und widmet sich wieder freundlich einem ihrer Kunden: „Na, mein Hase, Körnerbrot oder normales? Und Brötchen hab’ ich heute auch für dich.“

Waren aus Supermärkten und Geschäften der Region

Im Laden gibt es vier Stationen. Zunächst melden sich die Einkäufer bei Grit Schöbel-Anger. Die 47-Jährige ist Teamleiterin bei der Leipziger Tafel und für die Bornaer Außenstelle verantwortlich. Sie koordiniert die Anlieferung der Waren, die aus Supermärkten und Geschäften in Leipzig und Umgebung stammen.

Mitarbeiterin Grit Schöbel-Anger (r.) begrüßt die Tafelgäste am Eingang. Bei ihr zeigen sie den Pass vor und zahlen jeweils drei Euro. Quelle: Claudia Carell

Auch Tafelgärten, wo Langzeitarbeitslose Obst und Gemüse anbauen, beliefern das Geschäft. Seit Jahren arbeite sie schon „sehr gut“ mit den vier Ehrenamtlern zusammen, die jeden Dienstag mit helfen. „In Borna macht die Arbeit viel Spaß, es ist familiär hier, man kennt sich“, meint sie.

Die Teamleiterin sitzt an einem kleinen Tisch am Eingang und stempelt den Tafel-Pass ab. Den erhält jeder, der seinen Hartz-IV-Bescheid sowie den Personalausweis vorlegt. Rund 50 Pässe seien es jeden Dienstag.

Ein Tafelpass für Mutter mit neun Kindern

Dahinter würde sich jedoch viel mehr Personen verbergen, vor allem Kinder, die mit im Pass der Eltern eingetragen werden. „Wir haben zum Beispiel eine Mutter mit neun Kindern, die dann auch entsprechend mehr Waren erhält“, sagt Grit Schöbel-Anger. Jeder Erwachsene zahlt bei ihr einen Unkostenbeitrag von drei Euro und beginnt dann seinen Einkauf.

Der beginnt am Obst- und Gemüsestand. Dort hilft Michael Braungart in seinem Ein-Euro-Job. Er nimmt Tomaten, Gurken, Möhren und Salat aus den Kisten und legt sie in die Tüten und Taschen, welche die Kunden ihm hinhalten. „Es gefällt mir hier, ich mache das gerne“, meint der Bornaer.

Bärbel Kettner arbeitet seit vielen Jahren ehrenamtlich an der Frischetheke der Tafel in Borna. Dabei sollte auch Zeit für einen kleinen Schwatz bleiben. Quelle: Claudia Carell

Er bedient auch Dietmar Urban aus Deutzen. Der heute 64-Jährige arbeitete einst als Schlosser im Werk Deutzen. Kurz nach der Wende wurde er arbeitslos, absolvierte mehrere Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) und Umschulungen, war häufig krank, erzählt er.

Sommer wie Winter fährt er seit vielen Jahren mit dem Fahrrad zur Tafel nach Borna. „Die Fahrkarte spare ich mir“, meint er. Die Tafel sei „eine gute Sache“. Zwei Tüten Lebensmittel erhält er hier Woche für Woche für drei Euro. „Das teile ich mir gut ein und dann reicht das eine Weile.“

Allein stehende Rentner oft betroffen

Auch Jan Taubert nutzt schon lange das Tafelangebot. „Das hilft sehr“, meint der 45-Jährige, der in Borna lebt. Sicher gibt es nicht alles bei der Tafel, was man zum täglichen Leben braucht, „aber ich gucke zusätzlich immer nach den Angeboten im Supermarkt und kaufe dann dort billig ein“.

Ein-Euro-Jobber Michael Braungart hilft gern bei der Tafel. Hier bedient er am Obst- und Gemüsestand. Quelle: Claudia Carell

An der Frischetheke verteilt Bärbel Kettner Wurst, Käse, Milch, Joghurt, Quark, Butter, Mozzarella, heute gibt es sogar Soja-Schnitzel. Seit mehr als zehn Jahren hilft sie hier. „Zu uns kommen die Leute zeitlich in unterschiedlichen Gruppen. Wichtig ist, dass wir die Lebensmittel gut aufteilen, damit auch die noch genügend haben, die zum Schluss dran sind“, sagt die 68-Jährige. Viele seien sehr dankbar, darunter häufig allein stehende Rentner, „sie haben es mitunter schwer“.

„Brauchst du ’ne Lätta?“, fragt Bärbel Kettner einen älteren Mann. „Nee, ich hab’ zu Hause noch was. Aber Buttermilch wäre schön.“ Die beiden schwatzen ein Weilchen, bis der Mann alles in seine Tüte gepackt hat. Dann sagt er: „Tschüss meine Gute, bis nächstes Mal!“

Mehr Bedürftige

Der Bundesverband der Tafeln schlägt Alarm. Zehn Prozent mehr Menschen als im Vorjahr seien in Deutschland auf Lebensmittelspenden angewiesen, aktuell 1,65 Millionen Personen. Besonders bei Senioren, die Rente oder Grundsicherung im Alter beziehen, sei der Anstieg mit 20 Prozent dramatisch. Niedrige Renten würden nach Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund sein, eine Tafel aufzusuchen.

Ebenfalls erhöht habe sich die Zahl der Jugendlichen: 50.000 mehr Kinder und Jugendliche seien auf die Unterstützung angewiesen. Ihr Anteil der Tafel-Nutzer liege bei 30 Prozent.

Auch in der Leipziger Region ist die Zahl der Bedürftigen gestiegen, sagte Werner Wehmer, Chef der Leipziger Tafel, zu der auch die Bornaer Außenstelle gehört: „Wir haben ziemlich viele neue Anmeldungen, sowohl in Leipzig als auch in den Außenstellen.“

Dabei kann die Organisation deutschlandweit nur unwesentlich mehr Lebensmittel retten: gut 265.000 Tonnen sind es im Jahr – das seien 500 Kilogramm in jeder Minute. Doch es könnte noch mehr sein, denn vernichtet werden in Deutschland bis zu 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr, heißt es weiter. Den Tafeln fehlt es an Geld für mehr Kühlfahrzeuge und Lagerkapazitäten – und vor allem brauchen sie mehr Helferinnen und Helfer.

Im Rahmen der UN-Nachhaltigkeitsziele habe sich auch Deutschland verpflichtet, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. „Aus Sicht der Tafeln sind wir deshalb an einem Wendepunkt angelangt. Die Tafeln fordern finanzielle Unterstützung des Staates bei der Rettung und Verteilung von Lebensmitteln. Das Ehrenamt kommt hier an seine Grenzen“, sagte Jochen Brühl, Vorsitzender von Tafel Deutschland. In fast allen europäischen Ländern würden Tafeln und Lebensmittelbanken längst von der öffentlichen Hand mitfinanziert.

Eine Verantwortung sehen die Tafeln auch bei den Verbrauchern: „Jede und jeder kann in seinem eigenen Kühlschrank zum Lebensmittelretter und Klimaschützer werden“, so Brühl. „Wir müssen den sinnlosen, unmoralischen Kreislauf der Verschwendung und Vernichtung stoppen – und zwar aus sozialen und ökologischen Gründen. So lange wir in Deutschland jährlich bis zu 18 Millionen Tonnen Lebensmittel wegschmeißen und auf der anderen Seite Menschen am Ende des Monats genau diese Lebensmittel nicht mehr bezahlen können, ist unser Engagement bitter nötig.“

Von Claudia Carell

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